Streit über Irans Atomprogramm Israel drängt Obama zum Angriffskurs

Obama (rechts) und Netanjahu: "Ihr oder wir"
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Obama (rechts) und Netanjahu: "Ihr oder wir"

2. Teil: Warum Netanjahu und Obama sich misstrauen


Beim Treffen von Obama und Netanjahu kommt es nun darauf an, wer bis zuletzt am besten pokert.

  • Netanjahu muss glaubhaft machen, dass Israel ohne US-Garantien angreifen würde.
  • Obama muss den Israeli überzeugen, dass er im Zweifelsfall einen Krieg führen würde.

Das Problem allerdings ist: Die beiden misstrauen sich zutiefst. Für Netanjahu ist Obama ein rückgratloser Linker, der Iran am Ende die Atombombe bauen lassen wird. Obama glaubt, Netanjahu wolle ihn erpressen, indem er noch vor den US-Präsidentschaftswahlen im November einen Angriff befehlen könnte. Er sieht, dass Netanjahu sich mit den Republikanern gegen ihn verbündet hat. Iran ist in den USA zum Wahlkampfthema geworden. Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten übertrumpfen sich im Kriegsgeheul, finanziert etwa von Männern wie dem US-Milliardär Sheldon Adelson, der Newt Gingrich mit Dutzenden Millionen Dollar unterstützt - und gleichzeitig ein enger Freund von Netanjahu ist.

Das größte Missverständnis zwischen den beiden Staatschefs ist die Zeitfrage: Netanjahu teilt die Ansicht seines Verteidigungsministers, dass es nur noch neun Monate dauern könnte, bis Iran in eine "Zone der Immunität" eintritt. Ehud Barak hat diesen Begriff erfunden, es ist eine semantische Verschiebung mit großen Folgen: Israel misst nun nicht mehr die Zeit, die Iran bräuchte, um eine Bombe zu bauen. Sondern die Monate bis zu dem Moment, an dem ein israelischer Angriff nicht mehr viel ausrichten kann. Amerika hat mehr Zeit, es verfügt über bunkerbrechende Bomben und entsprechende Kampfflugzeuge, die auch tief unter der Erde liegende Nuklearanlagen zerstören könnten.

Psychologische Kriegsführung

"Israel will das 'Ausbrechen' der Iraner verhindern, die Amerikaner wollen erst eingreifen, wenn die Iraner eine Bombe zusammenbauen. Das ist der Kern der Differenzen zwischen ihnen", sagt ein israelischer General, der bis vor kurzem noch dem kleinen Kreis derer angehörte, die einen möglichen Militärschlag planen. 'Ausbrechen' bedeutet: genug hochangereichertes Uran und die entsprechende Technik für eine Bombe zu haben.

"Jetzt versucht jede Seite, die jeweils andere von ihrer Position zu überzeugen." Der General ergänzt: "Ich wäre nicht überrascht, wenn die Iraner nicht in Monaten, sondern erst in Jahren die Grenze zu einer Bombe überschreiten." Die andere Möglichkeit wäre, dass Iran wegen des Drucks der Sanktionen schon vorher den Befreiungsschlag sucht: "Vielleicht brechen sie sogar schon vor Juli aus. Wir könnten es dann bereuen, nicht schon im April angegriffen zu haben."

Solche Worte sollen auch die Angst vor einem Angriff schüren. Es war kein Zufall, dass der General sie zwei Wochen vor dem Treffen in Washington aussprach. Das ist Teil der psychologischen Kriegsführung. Bisher war Israel damit erfolgreich. Ohne das Kriegsgetöse der vergangenen Monate wäre es nicht zu den scharfen EU-Sanktionen gegen Iran gekommen.

Das Vorbild: Der Angriff auf den irakischen Reaktor Osirak

Militärs und Politiker beschwören derzeit gern das Bild von einem militärisch allmächtigen Israel. Dabei ist ungewiss, ob Israel die nötigen Waffensysteme für eine Iran-Mission hat. Ein hochrangiger Berater aus dem Umfeld des Premierministers sagt dazu: "Israel hat in der Vergangenheit die Welt schon öfter überrascht - und das könnte nun wieder passieren." Er spielt an auf die Zerstörung des irakischen Reaktors Osirak im Jahr 1981 - auch dort dachten viele, das übersteige die israelischen Möglichkeiten. Die Israelis schafften es dennoch, indem sie den Angriff minutiös vorbereiteten.

Aber selbst der General, ein genauer Kenner der Osirak-Operation, gesteht ein, dass ein Angriff ohne amerikanische Hilfe Israel nur eine kurze Atempause verschaffen würde. Selbst wenn Irans Atomprogramm auf Null zurückgebombt würde, könnte Teheran es in vier bis fünf Jahren wieder auf den jetzigen Stand bringen. Mehr sei nur möglich, wenn die Amerikaner einen Angriff unterstützen würden und danach mit diplomatischen Mitteln und Sanktionen versuchten, Iran vom Wiederaufbau abzuhalten.

Auch die meisten Israelis nehmen ihrer Regierung deren Allmachtsphantasien nicht ab. 81 Prozent der Bevölkerung sind laut einer Umfrage des israelischen Dahaf-Instituts gegen einen Angriff ohne Mithilfe der USA. Das liegt auch daran, dass sie sich vor den Folgen eines solchen Angriffs fürchten - obwohl ihre Politiker diese gerne herunterspielen. Wenn man ihn nach der möglichen iranischen Reaktion fragt, malt der General seine Formel auf ein Blatt Papier: "1991 + 2006 + Buenos Aires mal Faktor 3 bis 5."

  • 1991: der Golfkrieg - da schoss Saddam Hussein Scud-Raketen auf Tel Aviv.
  • 2006: der Krieg mit Libanon - da feuerte die Hisbollah rund 4000 Raketen auf den Norden Israels.
  • Buenos Aires: Dort verübten iranische Terroristen Anschläge auf die israelische Botschaft und ein jüdisches Kulturzentrum - mehr als hundert Menschen starben.

insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
uspae2006 05.03.2012
1. die Frage
Zitat von sysopREUTERSDieses Treffen könnte über Krieg oder Frieden entscheiden: Bei seinem Besuch in Washington will Benjamin Netanjahu den US-Präsidenten dazu drängen, Israel bei einem Angriff auf Irans Atomprogramm zu unterstützen. Kann Barack Obama sich dem Druck überhaupt noch entziehen? Streit über Irans Atomprogramm: Israel drängt Obama zum Angriffskurs - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819263,00.html)
Die Frage ist : können sich beide dann der Konsquenzen entziehen !
kimba2010 05.03.2012
2. ...
Zitat von sysopREUTERSDieses Treffen könnte über Krieg oder Frieden entscheiden: Bei seinem Besuch in Washington will Benjamin Netanjahu den US-Präsidenten dazu drängen, Israel bei einem Angriff auf Irans Atomprogramm zu unterstützen. Kann Barack Obama sich dem Druck überhaupt noch entziehen? Streit über Irans Atomprogramm: Israel drängt Obama zum Angriffskurs - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819263,00.html)
Natürlich, es sei denn, der Schwanz wedelt mit dem Hund.
yyz 05.03.2012
3. herr n. und herr o. liefern...
beide hiermit den besten öffentlichen beweis dafür, wer hier das sich zu erfüllende schicksal des globus bestimmt...
ofelas 05.03.2012
4. unsere Freunde
Zitat von sysopREUTERSDieses Treffen könnte über Krieg oder Frieden entscheiden: Bei seinem Besuch in Washington will Benjamin Netanjahu den US-Präsidenten dazu drängen, Israel bei einem Angriff auf Irans Atomprogramm zu unterstützen. Kann Barack Obama sich dem Druck überhaupt noch entziehen? Streit über Irans Atomprogramm: Israel drängt Obama zum Angriffskurs - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819263,00.html)
So ungeheuerlich - mir fehlen die Worte
stefan1904 05.03.2012
5. Warum sollten die USA kleinbeigeben?
Der kürzlich veröffentlichte CIA Bericht, der aussagte, dass man nicht wisse ob der Iran an einer Bombe baue, hat ganz deutlich gemacht, was die USA von einem Krieg gegen den Iran halten. Er würde die USA Milliarden kosten und in die Rezession stürzen. Notfalls kann Israel auch alleine angreifen, sie hatten in den acht Jahren Bush Zeit genug die Amis zu einem Angriff auf den Iran zu überreden.
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