Streit über Karikaturen Dänische Regierung will sich nicht entschuldigen

Trotz der eskalierenden Proteste von Muslimen lehnt die Regierung Dänemarks eine Entschuldigung für die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen ab. In der indonesischen Hauptstadt Jakarta stürmten heute Hunderte Demonstranten das Gebäude der dänischen Botschaft.


Kopenhagen - "Wir werden uns nicht entschuldigen", stellte Außenminister Per Stig Moeller gegenüber der Zeitung "Jyllands-Posten" klar, die die umstrittenen Karikaturen veröffentlicht hatte. Allerdings sei es wichtig zu betonen, dass Dänemark eine tolerante Gesellschaft sei, in der gegenseitiger Respekt gepflegt werde.

Junge Dänen mit Plakat in Kopenhagen: "Entschuldigung"
DPA

Junge Dänen mit Plakat in Kopenhagen: "Entschuldigung"

Der Regierungschef Anders Fogh Rasmussen traf am Vormittag mit 71 Botschaftern des diplomatischen Korps zusammen, um über eine Strategie in dem Streit zu beraten. Dabei warnte er vor "unüberschaubaren Konsequenzen" bei einer weiteren Eskalation des Streits. "Wir haben es mit einem Problem zu tun, das erhebliche Teile der Welt umfasst", sagte der Regierungschef. "Die Zeichnungen sind nun von Zeitungen in ganz Europa nachgedruckt worden. Wenn die Proteste auf den Straßen weiter eskalieren, können wir vor unüberschaubaren Konsequenzen in allen berührten Ländern stehen."

Rasmussen wandte sich auch über den Fernsehsender al-Arabija wegen der Proteste direkt an die Bevölkerung islamischer Länder. In einem am Donnerstagabend ausgestrahlten Interview sagte Rasmussen: "Ich habe eine sehr wichtige Botschaft an Sie: Das dänische Volk hat die Meinungsfreiheit und die Religionsfreiheit über Generationen verteidigt. Wir respektieren zutiefst alle Religionen einschließlich des Islam. Für mich ist es wichtig, Ihnen zu sagen, dass die Menschen in Dänemark nicht die Absicht haben, Muslime zu beleidigen."

Er sei äußerst bestürzt darüber, dass viele Muslime die veröffentlichten Zeichnungen als Beleidigung des Propheten Mohammed angesehen hätten. Er hoffe, dass die Entschuldigung durch das Blatt für die Beleidigung religiöser Gefühle helfe, die derzeitige Eskalation zu bremsen. Weder seine Regierung noch die Bevölkerung in Dänemark könnten aber für das verantwortlich gemacht werden, was in den freien Medien veröffentlicht werde.

Mehrere hundert muslimische Demonstranten drangen heute Morgen in die dänische Botschaft in Indonesiens Hauptstadt Jakarta ein und verbrannten die Flagge Dänemarks. Sie zerschlugen Lampen mit Bambusstöcken und warfen Stühle umher. Auf das Schild der dänischen Botschaft warfen sie faule Eier und Tomaten.

Im Iran haben Hunderttausende nach dem Freitagsgebet gegen die Veröffentlichung der Karikaturen protestiert. Allein in Teheran gingen mehrere tausend Menschen auf die Straße. Sie skandierten Slogans wie "Diese Beleidigung bleibt nicht ohne Antwort", "Tod Amerika" und "Tod Israel".

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärte, wenn Muslime derartige Beleidigungen ignorierten, würden die anti-islamische Bewegungen noch weiter um sich greifen. Der frühere Präsident und nach wie vor einflussreiche Politiker Ali Haschemi Rafsandschani bezeichnete die Karikaturen als "organisierte Strategie gegen die Muslime". Damit würden 1,6 Milliarden Muslime weltweit beleidigt.

Auch in Ägypten und Syrien demonstrierten nach dem Freitagsgebet Tausende von Muslimen gegen die Zeichnungen und riefen zum Boykott europäischer Produkte auf.

Führende deutsche Politiker äußerten sich unterdessen zunehmend kritisch zu den Mohammed-Karikaturen. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) mahnte im Bayern2Radio zur Zurückhaltung. "Ich denke, man sollte in dieser Situation Rücksicht nehmen auf Gefühle von anderen, auch auf religiöse Traditionen." Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele wies im Nachrichtensender N24 darauf hin, dass man sich die "Risiken" überlegen sollte, "bevor man solche Karikaturen veröffentlicht".

Ströbele warnte, die Folge seien "fürchterliche Reaktionen von durchgedrehten Leuten". Er würde "solche Karikaturen nicht veröffentlichen", aber "dafür kämpfen, dass man es tun kann". Klaus Uwe Benneter, Justitiar der SPD-Bundestagsfraktion, sagte in n-tv, diejenigen, die religiöse Gefühle hätten, müssten wissen, "dass bei uns in erster Linie auch die Meinungs- und Kunstfreiheit gilt". Allerdings sei "jeder aufgerufen, die religiösen Gefühle anderer mit zu berücksichtigen".

as/afp/dpa/ddp



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