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Türkischer Chefredakteur über Mohammed-Karikaturen: "Nichts rechtfertigt das Töten von Menschen"

Ein Interview von

Leser mit "Cumhuriyet" in Istanbul: Auslieferung behindert Zur Großansicht
AFP

Leser mit "Cumhuriyet" in Istanbul: Auslieferung behindert

Ein türkisches Gericht ordnete an, Internetseiten sperren zu lassen, die das neue Titelbild von "Charlie Hebdo" zeigen. Ekrem Dumanli, Chefredakteur der auflagenstärksten Zeitung "Zaman", warnt vor einem Ende der Demokratie in seinem Land.

Ekrem Dumanli, 50, wirkt erschöpft. Sechs Tage war er im Dezember im Gefängnis, festgenommen wegen Terrorvorwürfen. Dann kam er frei, mit der Auflage, die Türkei nicht zu verlassen. Dumanli ist seit 2001 Chefredakteur der "Zaman", die er zur auflagenstärksten Zeitung des Landes gemacht hat.

Das Blatt gehört zum Netzwerk des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der im selbst auferlegten Exil in den USA lebt. Gülen war einst Wegbegleiter von Staatspräsident Erdogan. Inzwischen gilt er als dessen Erzfeind. Erdogan wirft Gülen vor, ein Netzwerk in Justiz und Polizei aufgebaut zu haben und ihn stürzen zu wollen.

Als Journalist, der auch noch der Gülen-Bewegung nahesteht, ist Dumanli gleich doppelt im Visier der Regierung. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kritisiert er die Einschüchterung von Journalisten und warnt vor einem Ende der Demokratie in der Türkei.

"Zaman"-Chefredakteur Dumanli: "Die Mächtigen denken sich irgendetwas aus, um kritische Journalisten loszuwerden." Zur Großansicht
REUTERS

"Zaman"-Chefredakteur Dumanli: "Die Mächtigen denken sich irgendetwas aus, um kritische Journalisten loszuwerden."

SPIEGEL ONLINE: Herr Dumanli, würden Sie in Ihrer Zeitung Mohammed-Karikaturen veröffentlichen?

Dumanli: Wenn man publiziert, sollte man es immer mit Respekt tun, und zwar gegenüber allen. Also nicht nur gegenüber Muslimen, sondern gegenüber allen Religionen und Überzeugungen. Man muss einen Weg finden zwischen Diskriminierung von Menschen und der Verbreitung von Hass auf der einen Seite und Pressefreiheit auf der anderen. Aber ich bin gegen jede Form von Druck auf Journalisten, nur weil sie etwas veröffentlichen, das jemandem nicht passt. Und selbstverständlich bin ich gegen Terror. Nichts rechtfertigt das Töten von Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Die Polizei hat heute die Auslieferung der Zeitung "Cumhuriyet" behindert, die als einzige Seiten von "Charlie Hebdo" nachgedruckt hat. Ein Gericht hat die Veröffentlichung des neuen Titelbildes des Satiremagazins im Internet verboten. Was halten Sie davon?

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"Charlie Hebdo": 16 Seiten Mut
Dumanli: Ich denke, die einzige Antwort auf Texte, die einem nicht passen, sollten Texte sein. Und die einzige Antwort auf Zeichnungen sollten Zeichnungen sein.

SPIEGEL ONLINE: Erdogan sagt, die Presse in der Türkei sei frei. Sie wurden kürzlich verhaftet, gegen Sie läuft ein Verfahren. Wie frei ist die Presse nun wirklich?

Dumanli: Erdogans Aussage ist lächerlich. Man muss sich nur die Zahl der Journalisten in der Türkei anschauen, die festgenommen wurden oder gegen die Rufmordkampagnen geführt werden. Die Presse ist ganz klar nicht frei.

SPIEGEL ONLINE: Die Regierung behauptet aber, dass kein einziger Journalist wegen seiner Arbeit in Haft sitze, sondern wegen anderer Anschuldigungen. In Ihrem Fall zum Beispiel wegen des Vorwurfs, eine Terrororganisation aufgebaut und geführt zu haben.

Dumanli: Die Mächtigen denken sich irgendetwas aus, um kritische Journalisten loszuwerden. Es werden ja nicht nur Kollegen inhaftiert. Viele verlieren ihre Jobs, wenn sie etwas kritisieren. Der Chefredakteur von "Hürriyet" musste gehen, weil er den Bau des dritten Flughafens in Istanbul bemängelte. Ich kann Dutzende von Fällen aufzählen. Eine Fernsehmoderatorin wurde festgenommen, weil sie etwas Kritisches getwittert hatte. Redaktionen wird mit Steuerprüfungen gedroht. Ausländische Journalisten werden diffamiert. Und ja, gegen mich gibt es diese absurde Anschuldigung. Wie kann es in dieser Atmosphäre eine freie Presse geben?

SPIEGEL ONLINE: Ihre Zeitung gehört zur Bewegung des in den USA lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen, den Erdogan zu seinem Feind erklärt hat. Was genau wirft man Ihnen vor?

Dumanli: Man hält mir zwei Kommentare und einen Artikel vor, alles aus dem Jahr 2009. Dort geht es um al-Qaida und ihre Helfer. Daraus konstruiert man jetzt den Vorwurf, ich sei der Anführer einer terroristischen Gruppe. Genau das will die Regierung: Die Gülen-Bewegung zu einer Terrororganisation stempeln, obwohl sie von jeher für Demokratie, einen Reformkurs und einen liberalen Islam in einem säkularen Staat eintritt.

SPIEGEL ONLINE: Die Gülen-Bewegung und Ihre Zeitung haben aber, als Sie vor ein paar Jahren noch im selben Lager mit Erdogan standen, ebenfalls dafür gesorgt, dass Ihnen gegenüber kritische Journalisten ins Gefängnis kamen. Warum traten Sie nicht damals schon für Pressefreiheit ein?

Dumanli: Kein Journalist ist wegen unserer Berichterstattung verhaftet worden. Tatsache ist, dass es Bestrebungen im Militär gab, zu putschen, zuletzt 2007. Die Offiziere hatten Verbündete unter Journalisten. Darüber haben wir berichtet.

SPIEGEL ONLINE: Der Journalist Ahmet Sik, der ein Buch über die Gülen-Bewegung geschrieben hat, saß ein Jahr im Gefängnis.

Dumanli: Es gibt Dutzende Bücher, die sich kritisch mit der Bewegung auseinandersetzen. Kein Autor hatte deswegen Probleme. Siks Festnahme hatte meines Erachtens nichts mit seinem Buch zu tun. In diesem Fall hatte Erdogan persönlich etwas gegen Sik. Ich denke, wir alle müssen in der heutigen Zeit zusammenstehen, um den Abbau von Demokratie in der Türkei zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr ist die Demokratie in der Türkei gefährdet?

Dumanli: Vor drei Jahren hätten wir alle gelacht, wenn jemand gesagt hätte, dass soziale Medien in der Türkei verboten werden. Heute haben wir Zugang zu Facebook und Twitter nur, weil ein Gericht ein Verbot aufgehoben hat. In diesem Jahr haben wir Wahlen in der Türkei. Ich hoffe, dass es nicht die letzten sind, die Erdogan zulässt. In Wahrheit geht es heute in der Türkei nicht gegen mich, gegen die Gülen-Bewegung oder gegen Kritiker des Islam. Es geht gegen jeden, der auch nur einen Millimeter von der Meinung Erdogans abweicht.

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Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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