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Frankreich: Abschiebung einer Roma-Schülerin bringt Innenminister in Bedrängnis

Frankreichs Innenminister Manuel Valls: Wegen "unmenschlicher Politik" unter Beschuss Zur Großansicht
AFP

Frankreichs Innenminister Manuel Valls: Wegen "unmenschlicher Politik" unter Beschuss

Sie ist 15, Kosovarin, lebt seit etwa fünf Jahren in Frankreich und der Asylantrag ihrer Familie wurde abgelehnt. Deswegen wurde Leonarda während eines Schulausflugs von der Polizei abgefangen. Ein Vorgang, der nun Frankreichs Innenminister in Bedrängnis gebracht hat.

Paris - "Schockierend", "skandalös", "skrupellos" - die Reaktionen auf die überfallartige Abschiebung einer 15-jährigen Kosovarin in Frankreich sind deutlich. Unter Beschuss steht Frankreichs Innenminister Manuel Valls. Die Linkspartei forderte bereits den Rücktritt des Ministers. Auch im eigenen Lager, bei den regierenden Sozialisten, wurde Kritik am Vorgehen gegen das Roma-Mädchen laut.

Doch von vorn: Die 15-jährige Leonarda sollte bereits am 9. Oktober mit ihrer Familie abgeschoben werden. Ihre Asylanträge waren abgelehnt worden. Doch als Beamte die kosovarische Familie in Levier abholen wollten, war Leonarda nicht zu Hause, sondern auf einem Schulausflug.

Auf Anfrage wurde also der Bus angehalten und das Mädchen von den Polizisten "in Empfang genommen". So schildert es das französische Innenministerium. Es wurde kein "Zwang" ausgeübt, ergänzt die zuständige Präfektur. Es handele sich auch nicht um "die Festnahme eines jungen Mädchens im Klassenzimmer".

"Sie weinte, sie war unglücklich"

Laut Innenministerium habe sich die Familie wiederholt geweigert, das Land zu verlassen. Also wurde der Vater am 8. Oktober festgenommen und ausgewiesen. Auch die Mutter, Leonarda und ihre Geschwister sollten am Tag darauf folgen. Doch Leonarda befand sich auf dem Schulausflug, der jäh endete.

"Sie weinte, sie war unglücklich", schildert Aktivist Jean-Jacques Boy, der sich für die Rechte von Migrantenfamilien einsetzt. Mutlos habe Leonarda den Bus verlassen, auch die anderen Kinder und Lehrer habe der Vorgang bewegt.

Der Chef der Linkspartei, Jean-Luc Mélenchon, warf Innenminister Valls nach Bekanntwerden des Vorfalls eine "unmenschliche Politik" vor. Valls lasse Roma "bis in die Schulen jagen". Auch bei den regierenden Sozialisten wurde Kritik an den Umständen der Abschiebung der 15-jährigen Kosovarin laut. Bildungsminister Vincent Peillon sagte am Donnerstag, die Schule müsse "unantastbar" bleiben, das umfasse auch Schulausflüge. "Ich hoffe, dass sich eine solche Situation nicht noch einmal ereignet."

Integrationswillen in Frage gestellt

Der sozialistische Parlamentspräsident Claude Bartolone mahnte auf Twitter: "Es gibt das Recht. Aber es gibt auch Werte, bei denen die Linke keine Kompromisse machen wird, sonst verliert sie ihre Seele." 300-mal wurde dieser Tweet geteilt, unter dem Hashtag #Leonarda tobt die Diskussion auf Twitter.

Manuel Valls selbst ordnete eine Untersuchung zu den Umständen der Abschiebung des Mädchens an. Er betonte zugleich, es seien "Recht und Personen respektiert", rechtliche Vorgaben mit "Augenmaß und Menschlichkeit" umgesetzt worden. Der französische Innenminister hatte erst vor wenigen Wochen für Empörung gesorgt, als er den Integrationswillen einer Mehrheit der in Frankreich lebenden Roma in Frage gestellt hatte. Schließlich hatte Frankreichs Premier François Hollande stets betont, dass er sich von der harten Integrationspolitik seines Vorgängers Nicolas Sarkozy distanziert.

vek/afp/AP

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