Ukraine und die Fußball-EM: Zurück in der Eiszeit

Von Philipp Wittrock

Der Streit über den Fall Timoschenko spitzt sich zu: Deutschland diskutiert einen Polit-Boykott der Fußball-EM in der Ukraine, andere schließen sich an. Kiew empört sich nun über "Methoden des kalten Krieges" - dabei hat die Regierung Janukowitsch es selbst in der Hand, für Tauwetter zu sorgen.

Timoschenko-Anhänger in Kiew: "Gesichtswahrende Brücke" für die Ukraine?Zur Großansicht
REUTERS

Timoschenko-Anhänger in Kiew: "Gesichtswahrende Brücke" für die Ukraine?

Berlin - Die Kanzlerin hält sich am Montag zurück. Zwei Wahlkampfauftritte am Abend in Schleswig-Holstein, da muss sie nicht unbedingt zur Ukraine Stellung nehmen. Auch Angela Merkels Kabinettsmitglieder bleiben vorsichtig. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) will keinem Kollegen "Ratschläge geben", Sportminister Hans-Peter Friedrich orakelt nur allgemein: "Ich kann mir vorstellen, dass viele Politiker, die vorhatten, in die Ukraine zu reisen, das nicht machen werden."

Nein, mit politischen Boykott-Drohungen der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine will aus der Bundesregierung vorerst niemand nachlegen, zumindest nicht öffentlich. Warum auch? Die SPIEGEL-Nachricht vom Wochenende entfaltet ja gerade erst ihre Wirkung: Merkel und ihre Minister, hieß es da, wollen den Spielen der deutschen Mannschaft in ukrainischen Stadien fernbleiben, sollte die erkrankte Oppositionsführerin Julija Timoschenko weiterhin ohne angemessene medizinische Behandlung in Haft sitzen. Der Aufschrei der Empörung in der Ukraine folgte am Montag: Ein Sprecher des Außenministeriums warnte die Bundesregierung vor "Methoden wie im Kalten Krieg" - er hoffe, dass die Berichte falsch seien.

Für Dementis allerdings sieht die Bundesregierung keinen Grund. Die Kritik aus Kiew wies Außenminister Westerwelle am Rande seiner Südostasienreise zurück. "Der Vergleich ist abwegig", sagte der FDP-Politiker SPIEGEL ONLINE bei einem Zwischenstopp in Bangkok. "Da hat sich jemand verrannt." Gleichzeitig wird man in Berlin aber auch mit gewisser Genugtuung registrieren, dass sich die ukrainische Regierung provoziert fühlt. Der Druck, den die deutsche Politik in den vergangenen Tagen aufgebaut hat, zeigt offenbar erste Wirkung.

Berliner Ärzte wollen Timoschenko erneut besuchen

Die Regierung in der Ukraine ist nervös: Eigentlich sollte das Fußballfest ihrem Land ein freundliches Image verpassen. Nun droht die harte Haltung von Präsident Wiktor Janukowitsch im Streit über den Umgang mit seiner Rivalin Julija Timoschenko die schöne Show zu vermasseln. "Die Ukraine wollte mit der EM für ihr Land werben. Jetzt geschieht das Gegenteil. Das hat die Regierung in Kiew zu verantworten", sagte CDU-Außenexperte Philipp Mißfelder. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) erklärte: "Präsident Wiktor Janukowitsch isoliert die Ukraine. Er schadet seinem Land und seinem Volk."

Dabei liegt es aus Sicht der Bundesregierung an Kiew, den größten Schaden noch abzuwenden: durch eine zumindest vorübergehende Freilassung Timoschenkos mit dem Ziel, sie im Ausland medizinisch behandeln zu lassen. Die ehemalige Ministerpräsidentin und Ikone der Orange Revolution war in einem international kritisierten Prozess wegen angeblichen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Am 20. April ist sie im Gefängnis von Charkow nach eigenen Angaben in einen Hungerstreik getreten. Mehrfach hat sich die 51-Jährige zuvor über die Haftbedingungen beklagt. Dem Wachpersonal wirft sie Misshandlungen vor.

Ärzte der Berliner Charité haben bei ihr bei einem Besuch zudem ein schweres Rückenleiden diagnostiziert. Klinik-Chef Karl Max Einhäupl kündigte inzwischen an, in dieser Woche erneut nach Charkow reisen zu wollen, um Timoschenko zu untersuchen. Die Mediziner haben sich auch bereit erklärt, die Oppositionsführerin im Falle einer genehmigten Ausreise im Krankenhaus aufzunehmen und zu versorgen.

"Gesichtswahrende Brücke" für die Ukraine

Genau das will Deutschland mit den öffentlich gemachten Gedankenspielen über einen Polit-Boykott erreichen. Weiter forciert wird die Drohung vorerst aber nicht - zum einen, um sich selbst Optionen zu bewahren, die diplomatischen Daumenschrauben noch weiter anzuziehen; zum anderen, um auch der Regierung in Kiew noch die Chance zum Handeln zu geben. "Es geht ausschließlich darum, dass Julija Timoschenko und andere Gefangene eine angemessene medizinische Behandlung und rechtsstaatliche Verfahren bekommen", sagte Außenminister Westerwelle SPIEGEL ONLINE. "Wenn die Ukraine die weitere Annäherung an die EU möchte, ist für uns die Rechtsstaatlichkeit ein wichtiges Kriterium." Die Ukraine setzt auf die rasche Umsetzung eines Assoziierungsabkommens mit der EU - doch die Unterschriften dürften angesichts der neuen Eiszeit auf sich warten lassen.

Einige Stunden zuvor, nach einem Treffen mit dem burmesischen Präsidenten Thein Sein in Naypyidaw, hatte Westerwelle bereits von einer "gesichtswahrenden Brücke" gesprochen, die man der ukrainischen Regierung gebaut habe. Gemeint war die mögliche Behandlung Timoschenkos in Deutschland. "Ich hoffe, dass die ukrainische Regierung dieses Angebot annimmt." Auch CSU-Chef Horst Seehofer schloss sich der Forderung an. "Es besteht akuter Handlungsbedarf, dem wird sich auch die ukrainische Regierung nicht entziehen können", sagte ein Sprecher der bayerischen Staatskanzlei. Unionsfraktionschef Kauder warnte die Ukraine vor einem "schweren Schatten" auf der Fußball-EM. Vizekanzler Philipp Rösler (FDP) erklärte in der "Passauer Neuen Presse", der Ball liege jetzt bei Janukowitsch: "Er muss jetzt eine weitere Eskalation vermeiden."

Das Zeitfenster, die gesichtswahrende Brücke zu betreten, wird für Präsident Janukowitsch allerdings immer kleiner. In weniger als sechs Wochen wird die EM eröffnet - und inzwischen finden die deutschen Boykott-Erwägungen Nachahmer. Am Montag ließ auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Portugiese und bekennender Fußballfan, wissen, dass er nicht zum Turnier in die Ukraine fahren wolle. Auch in Italien wurden Rufe laut, Ministerpräsident Mario Monti solle dem Beispiel Merkels folgen.

Zugleich sagten nach Bundespräsident Joachim Gauck weitere Staatsoberhäupter ihre Reisen zu einem Treffen der zentraleuropäischen Staatspräsidenten Mitte Mai auf Jalta ab: Neben Gauck wollen auch die Staatschefs aus Österreich, Italien, Slowenien und Tschechien nicht kommen. Der Sprecher von Tschechiens Staatsoberhaupt Václav Klaus nannte die Vorgänge um Timoschenko als Hauptgrund. Zur Einsicht in der Ukraine führt das bislang nicht. "Es gibt keinen Grund, darin einen Protest zu sehen", sagte Außenamtssprecher Oleg Woloschin. Man informiere sich vorher über die Absagen, "damit niemand daraus eine Sensation macht".

Mitarbeit: Annett Meiritz, Severin Weiland

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 194 Beiträge
Layer_8 30.04.2012
...in 6 Wochen werden wir hier in Berlin wieder ein Fußballspektakel haben. Wir müssen den Polen ja zur Hand gehen wenn die Ukraine ausfällt. Komisch, warum verstehe ich ukrainische, weißrussische oder gar großrussische [...]
Zitat von sysopDer Streit über den Fall Timoschenko spitzt sich zu: Deutschland diskutiert einen Polit-Boykott der Fußball-EM in der Ukraine, andere schließen sich an. Kiew empört sich nun über "Methoden des kalten Krieges" - dabei hat die Regierung Janukowitsch es selbst in der Hand, für Tauwetter zu sorgen. Ukraine und die Fußball-EM: Zurück in der Eiszeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830636,00.html)
...in 6 Wochen werden wir hier in Berlin wieder ein Fußballspektakel haben. Wir müssen den Polen ja zur Hand gehen wenn die Ukraine ausfällt. Komisch, warum verstehe ich ukrainische, weißrussische oder gar großrussische Betonköpfe nicht? Blöd nur dass die signifikante Rohstoffe haben, nicht nur Zobelpelze.
Nonvaio01 30.04.2012
die Regierung hat es in der Hand fuer tauwetter zu sorgen? Soll man Kriminelle einfach freilassen weil andere Politiker das gerne so haetten?
Zitat von sysopDer Streit über den Fall Timoschenko spitzt sich zu: Deutschland diskutiert einen Polit-Boykott der Fußball-EM in der Ukraine, andere schließen sich an. Kiew empört sich nun über "Methoden des kalten Krieges" - dabei hat die Regierung Janukowitsch es selbst in der Hand, für Tauwetter zu sorgen. Ukraine und die Fußball-EM: Zurück in der Eiszeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830636,00.html)
die Regierung hat es in der Hand fuer tauwetter zu sorgen? Soll man Kriminelle einfach freilassen weil andere Politiker das gerne so haetten?
chrimirk 30.04.2012
Gerade von denen da, werden wir uns die Methoden des kalten Krieges vorwerfen lassen! Jedenfalls: Beitritt der UA zu EU auf keinen Fall! Und das meine ich nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern insbesondere aus politischen [...]
Zitat von sysopDer Streit über den Fall Timoschenko spitzt sich zu: Deutschland diskutiert einen Polit-Boykott der Fußball-EM in der Ukraine, andere schließen sich an. Kiew empört sich nun über "Methoden des kalten Krieges" - dabei hat die Regierung Janukowitsch es selbst in der Hand, für Tauwetter zu sorgen. Ukraine und die Fußball-EM: Zurück in der Eiszeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830636,00.html)
Gerade von denen da, werden wir uns die Methoden des kalten Krieges vorwerfen lassen! Jedenfalls: Beitritt der UA zu EU auf keinen Fall! Und das meine ich nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern insbesondere aus politischen Gründen. Schauprozesse hatten gerade wir in D. der letzten 75 Jahre genug, sie verliefen alle nach dem Muster, wie im Fall Timoschenko, leider auch Chodorkowski in der RF.
chrimirk 30.04.2012
Freilich könnten wir mit PL. es ausrichten. Aber politisch klüger wäre , wenn PL. es zusammen mit CZ. macht. Die CZ hat fast alles, was eine EM braucht, vorhanden. Stadien, Autobahnen, Infrastruktur, Gastronomie, gute [...]
Zitat von Layer_8...in 6 Wochen werden wir hier in Berlin wieder ein Fußballspektakel haben. Wir müssen den Polen ja zur Hand gehen wenn die Ukraine ausfällt. Komisch, warum verstehe ich ukrainische, weißrussische oder gar großrussische Betonköpfe nicht? Blöd nur dass die signifikante Rohstoffe haben, nicht nur Zobelpelze.
Freilich könnten wir mit PL. es ausrichten. Aber politisch klüger wäre , wenn PL. es zusammen mit CZ. macht. Die CZ hat fast alles, was eine EM braucht, vorhanden. Stadien, Autobahnen, Infrastruktur, Gastronomie, gute Fussballtradition und...gutes Bier! Wir könnten uns dann immer noch-falls gewünscht-helfend einschalten. Jedenfalls: Nie wieder UA!
Mindbender 30.04.2012
Ich wunder mich hier ehrlich gesagt auch ein wenig über einen recht einseitigen Ton. Die Frau ist von einem ukrainischem Gericht rechtskräftig verurteil worden. Ebenso ist die Berufung abgeschmettert worden. Ausserdem möchte [...]
Zitat von Nonvaio01die Regierung hat es in der Hand fuer tauwetter zu sorgen? Soll man Kriminelle einfach freilassen weil andere Politiker das gerne so haetten?
Ich wunder mich hier ehrlich gesagt auch ein wenig über einen recht einseitigen Ton. Die Frau ist von einem ukrainischem Gericht rechtskräftig verurteil worden. Ebenso ist die Berufung abgeschmettert worden. Ausserdem möchte sie sich anscheinend nicht von ukrainischen Ärzten versorgen lassen sondern möchte nach Berlin. Warum also auf einmal diese grosse Wirbel? Über die Haftbedingungen weiss keiner etwas! Die Staatsanwaltschaft sagt Hüh, die Verteidigung Hott..
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Julija Timoschenko

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Montag, 30.04.2012 – 18:19 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 194 Kommentare


Fläche: 603.700 km²

Bevölkerung: 45,448 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt: Wiktor Janukowitsch

Regierungschef: Mykola Asarow

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Ukraine-Reiseseite

Fußball-Europameisterschaft




TOP



TOP