SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

02. Mai 2012, 16:16 Uhr

Debatte über EM-Boykott

"Das erste Eigentor der Meisterschaft"

Von Carolin Lohrenz

Wirkungsvoll oder scheinheilig: Was bringt ein Politiker-Boykott der Fußball-EM in der Ukraine? Europas Kommentatoren sind uneins. Das "einzig Richtige", meint "Eesti Päevaleht". Heuchelei der Deutschen, schreibt die polnische Presse.

Julija Timoschenko, der Dame mit dem berühmten blonden Zopf, muss in der Ukraine eine humane Behandlung zuteil werden. Sonst droht Deutschland mit dem politischen Boykott der Fußball-EM, gefolgt von Österreich, Tschechien und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Für die ukrainische Wochenzeitung "Ukrainski Tijden" wird der Fall Timoschenko damit zum Symbol:

"Die Lage von Julija Timoschenko bekommt jetzt viel Aufmerksamkeit, weil auch die geringsten Beanstandungen große Debatten hervorrufen; über die Notwendigkeit sie freizulassen, über die Unterdrückung, derer das ukrainische Regime schuldig ist, und über die Hebel, über die man Druck ausüben könnte, damit es die politischen Gefangenen freilässt."
"Ukrainski Tijden", Kiew, 26. April

Der Moment sollte also genutzt werden, meint auch "Eesti Päevaleht" in Tallinn unter der philosophischen Überschrift "Sport ist Politik ist Politik". Aber Europa solle sich vor zweierlei Maß in Sachen Menschenrechtspolitik in Acht nehmen.

"Im ukrainischen Fußball sind Sport und Politik eng verbunden. [...] Diese Meisterschaft sollte ein Prestigeprojekt werden, von der die politische Elite des Landes profitieren sollte. Die Boykott-Entscheidung der Europäer war richtig. Welche andere Botschaft hätte Europas politische Elite sonst an die ukrainische Gesellschaft schicken können, jetzt, wo man die Oppositionsführerin Julija Timoschenko misshandelt? [...] Zweifelsohne kann man sich aber mit Recht fragen, ob die europäischen Politiker mit derselben Strenge die Menschenrechtsverletzungen in Russland vor den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 betrachten werden; oder der Hockey-Meisterschaft 2014 in Weißrussland?"
"Eesti Päevaleht", Tallinn, 2. Mai

Angela Merkel sei aber etwas schnell vorgeprescht, bedauert "La Repubblica" in Rom und wünscht sich mehr Absprache seitens der Kanzlerin.

"War es so schwierig für Berlin, das so eifrig alle Partner kontaktiert, wenn es um Haushaltspolitik geht, den Telefonhörer zu nehmen und die anderen Regierungen anzurufen, bevor es seinen Boykott ankündigte? [...] Wenn ein Spitzenpolitiker ein Fußballspiel aus politischen Gründen meidet, ist das zugleich ein schwacher und ein harter Schritt. Schwach, weil er nicht die offizielle Position seines Landes mit einbezieht; stark, weil er der Präsenz anderer Spitzenpolitiker gezwungenermaßen eine politische Bedeutung verleiht.

Darum hatte Merkel kein Recht, in einem prächtigen Alleingang zu entscheiden. Deutschland hat es nicht nötig, zu solchen Mitteln zu greifen, um seine Vorherrschaft zu demonstrieren. Den Sport mit in diese Angelegenheit hineinzuziehen, ist fragwürdig, und sogar Timoschenko selber sagte, sie sei nicht für einen Boykott. Es hätte eine legitime Entscheidung sein können, wenn sie gemeinsam getroffen worden wäre. So aber ist sie das erste gezählte Eigentor der Meisterschaft."
"La Repubblica", Rom, 1. Mai

In Polen, dem Mitveranstalter der EM 2012, ist die linksliberale "Gazeta Wyborcza" pikiert: Die deutschen Politiker kritisierten die ukrainischen Behörden nicht ohne Eigennutz.

"Sie sorgen sich weniger um den Zustand Timoschenkos und der ukrainischen Demokratie als vielmehr darum, vor der Erneuerung des Bundestags Punkte zu sammeln. [...] Im Fall des SPD-Chefs kann man durchaus von Heuchelei sprechen. Er protestierte nicht, als sein Vorgänger und politischer Mentor Gerhard Schröder Wladimir Putin als 'lupenreinen Demokraten' bezeichnete. Ebenso wenig kommentierte er den Fall des früheren Oligarchen Michail Chodorkowski, den Putin in den Gulag geschickt hatte. [...] Dabei war dies ein ebenso schockierender Fall wie die Inhaftierung Timoschenkos.

[Die deutschen Politiker] fürchten das mächtige Russland und werden sich nicht mit ihm auf eine Polemik einlassen. Doch die Ukraine ist ein Randstaat, ein Schwarzes Loch mitten in Europa. Der Boykott der EM 2012 wird der Demokratie in der Ukraine nichts bringen, doch er wird den westlich gesinnten Teil der Gesellschaft davon überzeugen, dass Europa sie im Stich lässt."
"Gazeta Wyborcza", Warschau, 30. April

Mit einer ungewohnten Portion Ironie findet die konservative "Rzeczpospolita" die Sorge deutscher Politiker "um Menschenrechte und Demokratie in der Ukraine wirklich rührend".

"Warum aber kommt dieses Interesse so spät? Timoschenko ist nicht erst seit gestern in Haft. Vielleicht hätte Alarm geschlagen werden sollen, als Siemens oder andere deutsche Unternehmen Verträge für die Vorbereitung der Meisterschaft abräumten? Oder vor einigen Jahren, als Siemens half, Peking für die Olympischen Spiele im Land der politischen Häftlinge fit zu machen? Es mag zynisch klingen, aber die Welt hat schon schlimmere Gastgeber der Olympischen Spiele gesehen, und rar waren jene, die den Mut hatten, sie dafür anzugreifen. [...] Es ist sehr gut, dass wir alle die Welt retten wollen. Aber vielleicht sollten wir besser mit denen anfangen, die am meisten auf dem Gewissen haben, als mit denjenigen, die leicht zu treffen sind."
"Rzeczpospolita", Warschau, 2./3. Mai

Der "EUobserver" aus Brüssel schließlich sieht eine Chance zur Neuordnung der diplomatischen Beziehungen zwischen der EU und der Ukraine. Die Internetzeitung widmet sich dem "Lieblingsspiel der Ukraine: 'Multi-Vectorness' - ein konstanter Prozess der meidenden Wahl" zwischen Russland einerseits und den USA und der EU andererseits. Vereinfacht gehe dieses Spiel so:

"1. Verspreche beiden, Russland und der EU, was immer sie hören wollen (meistens das Eintreten für diese oder jene Russland- oder EU-geführte Initiative).
2. Fordere eine Gegenleistung (Marktzugang, niedrigere Gaspreise, Finanzhilfen, Gelegenheiten für lukrative aber undurchsichtige Geschäfte etc.).
3. Erhalte, was du verlangst, und trödele mit der Einhaltung deiner Versprechen.
4. Sollten entweder Russland oder die EU wegen der Nichteinhaltung der Versprechen verstimmt sein - drohe damit, dass du die Zusammenarbeit mit dem anderen ausbauen wirst.
[...]

Einer der interessanteren Abschnitte dieses Spiels findet derzeit in Kiew statt. Normalerweise finden amerikanische oder russische Diplomaten direkte Worte und bekommen sie Unterstützung von mächtigen Staaten. Die EU dagegen ist seit langem bekannt dafür, dass die meisten ihrer Diplomaten leisetretende und konfliktscheue Projektmanager sind, die fröhlich EU-Hilfe austeilen, aber harte Themen vermeiden. Gewöhnlich war die EU ein nettes diplomatisches Tierchen, und ließ sich sehr viel einfacher ignorieren als die USA oder Russland. Das ist jetzt vorbei."
"EUobserver", Brüssel, 30. April

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH