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Streit um US-Einwanderungspolitik: Komiker Colbert witzelt vor Senatsausschuss

Das Thema ist ernst, und trotzdem wurde viel gelacht im Einwanderungskomitee des US-Senats. Der Komiker Stephen Colbert brach eine Lanze für die Rechte mexikanischer Wanderarbeiter. Er trat in seiner Rolle als vermeintlich erzkonservativer Republikaner auf - und riss eine Menge Witze.

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REUTERS

Stephen Colbert vor dem Ausschuss: "Es war schwer!"

Manche Themen sind so ernst, dass man sich ihnen nur mit Humor nähern kann. Das zumindest scheint die Logik zu sein, nach der US-Komiker im Augenblick vorgehen. Jon Stewart, Chef der "Daily Show", die stets an der Grenze zu dem operiert, was man in Deutschland politisches Kabarett nennen würde, organisiert derzeit eine Demonstration, um "die geistige Gesundheit wiederherzustellen": Er will damit den rechten Lautsprechern aus der "Tea Party" und den konservativen US-Medien, allen voran Fox News, entgegentreten. Fast 140.000 haben sich schon zur Teilnahme angemeldet. Stewarts einstiger Comedy-Sidekick Stephen Colbert, der längst eine eigene Sendung bestreitet, stellt sich nun ebenfalls auf die Seite der Demokraten, wenige Wochen vor den Midterm Elections, den Kongresswahlen in den USA. Colbert trat vor dem Einwanderungsausschuss auf und unterhielt die versammelten Abgeordneten mit Witzen wie: "Wir müssen einfach Gemüse erfinden, das sich selbst pflückt."

Stewart will am 30. Oktober in Washington für die Rückkehr der Vernunft in die Politik demonstrieren, Stephen Colbert ging es am Freitag um ein konkretes, derzeit sehr umstrittenes Thema: die künftige Einwanderungspolitik der USA. Eingeladen hatte ihn die Vorsitzende des Einwanderungskomitees, Zoe Lofgren. Colbert stattete der Demokratin damit gewissermaßen einen Gegenbesuch ab: Sie war zuvor in seiner Show aufgetreten, im Zusammenhang mit der in den USA in diesen Tagen wieder einmal heiß diskutierten Frage: Nehmen Wanderarbeiter aus Mexiko und anderen Ländern Lateinamerikas US-Bürgern die Jobs weg? Dem US-Arbeitsministerium zufolge sind drei von vier Farmarbeitern nicht in den USA geboren, mehr als die Hälfte sind illegale Einwanderer. Sie werden schlecht bezahlt und verrichten schwere, unangenehme Arbeiten, die US-Amerikaner vielfach schlicht nicht mehr übernehmen wollen.

"Einfach aufhören, Obst und Gemüse zu essen"

So manchem im Ausschuss war der Auftritt des Komikers nicht ganz geheuer: Der Vorsitzende des Rechtsausschusses, John Conyers, bat Colbert gleich zu Beginn, doch bitte wieder zu gehen und seine Stellungnahme schriftlich einzureichen. Der Komiker aber ließ sich nicht erweichen und erklärte, er sei ja nur hier, weil Lofgren ihn eingeladen habe.

Die rechte Sammlungsbewegung in den USA drängt derzeit auf schärfere Gesetze, um den Zustrom von legalen wie illegalen Einwanderern zu begrenzen, sie hat die Frage zum Wahlkampfthema gemacht. Die klassische Behauptung "die nehmen Amerikanern die Arbeitsplätze weg" wollen Colbert und die Gewerkschaft der Landwirtschaftsarbeiter mit einem einfachen Angebot widerlegen: Die Kampagne "Take our jobs" ("nehmt unsere Jobs") bietet US-Bürgern ohne Brotberuf die Möglichkeit, sich für Farmarbeiten anwerben zu lassen und unter fachkundiger Anleitung eingearbeitet zu werden. Mit erwartungsgemäß äußerst geringer Resonanz.

Colbert selbst nahm, in seiner Rolle als vermeintlich erzkonservativer Sympathisant der Republikaner, die Gelegenheit war: Einen Tag lang arbeitete er auf einer Farm im Staat New York, ein Erlebnis, das er, wie er vor dem Ausschuss bekannte, nicht wiederholen möchte: "Es war wirklich, wirklich schwer!" Colbert stellte sich erwartungsgemäß dämlich an, er faltete Maiskisten kaputt, verpackte Maiskolben falsch und pflückte, demonstrativ unter der gebückten Haltung und der Hitze leidend, ein paar Bohnen. Vor dem Ausschuss zog er eine schlichte Schlussfolgerung: "Die offensichtliche Antwort ist, dass wir einfach alle aufhören, Obst und Gemüse zu essen."

Sein Auftritt vor dem Ausschuss war schon im Vorfeld umstritten gewesen, konservative Fernsehmoderatoren bezeichneten die Aktion als eine Verschwendung von Steuergeldern. Colbert jedoch nutzte den Auftritt zwar für böse Witze ("Es hat sich herausgestellt, dass das meiste Farmland bodentief liegt. Wir haben einen Mann auf den Mond geschickt, warum können wir die Erde nicht hüfthoch machen?"), aber auch für einen ernstgemeinten Appell: "Die Wanderarbeiter gehören zu den machtlosesten Menschen in den USA, sie kommen her und machen unsere Arbeit, aber sie haben keinerlei Rechte. Trotzdem laden wir sie ein, hierherzukommen und bitten sie gleichzeitig, wieder zu gehen."

Er sei ja ein großer Freund der unsichtbaren Hand des Marktes, fügte Colbert hinzu, "aber selbst die unsichtbare Hand will offenbar keine Bohnen pflücken".

cis

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
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1. Ja, es ist an der Zeit
Neinsowas 25.09.2010
Humor zu entwickeln....in der Schweiz und den USA hat´s begonnen, machen wir bei uns doch weiter....mit bissiger, knackfrischer Polit-Kabarett vom Feinsten...im Bundestag!
2. Re
dent42 25.09.2010
Erstaunlich das der Autor Colberts vermeintliche Gegenveranstaltung zu Stewarts Demo verschweigt. Die "Rally to restore fear" findet nämlich gleichzeitig in Washington statt.
3. Colbert ist witzig, aber ...
kurtwied, 25.09.2010
... er ist bestimmt nicht erzkonservativ. Ganz im Gegenteil - das zeigt er in seiner Sendung jedes Mal. Die Politsatire ist in den USA fest in der Hand der "links-liberalen"
4. hahaha
kenno 25.09.2010
Wie unglaublich witzig und erfrischend dieser Artikel ist! Zum schreien komisch.
5. Keine Ahnung
Logicus Interruptum 25.09.2010
Es geht doch gar nicht um, "ich mage keine auslaender", sondern um wieviel illegale kann ein land noch vertragen. manche clowns gehoeren halt auch laengst in das wachsfigurenkabinett. :)
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