Streit um Zuständigkeit 140 Bootsflüchtlinge sitzen auf Frachter im Mittelmeer fest

Seit Tagen harren mehr als hundert Flüchtlinge auf einem türkischen Frachter im Mittelmeer aus - weil weder Italien noch Malta die Immigranten aufnehmen wollen. Nun schlägt der Kapitän des Schiffes Alarm: Das Wetter verschlechtert sich, Lebensmittel werden knapp, und es droht eine Epidemie.


Rom - Neues Flüchtlingsdrama im Mittelmeer: Rund 140 von einem Container-Schiff gerettete Immigranten sitzen auf dem Boot fest, das sie gerettet hat, weil Italien und Malta über ihre Aufnahme streiten. Das türkische Schiff "Pinar" hatte die Bootsflüchtlinge am vergangenen Donnerstag aufgenommen. Es wartet noch immer südlich der italienischen Insel Lampedusa darauf, einen Hafen anlaufen zu dürfen.

Die Flüchtlinge sind Opfer eines diplomatischen Tauziehens zwischen den beiden Mittelmeerstaaten. Malta beharrt darauf, dass das Schiff den nahe gelegenen Hafen von Lampedusa anläuft. Italien hält dagegen, das Schiff habe sich während der Rettungsaktion in maltesischen Gewässern befunden. Das Außenministerium in Rom hat Brüssel aufgefordert, auf eine "rasche Lösung" im Streit zwischen den beiden Ländern der Europäischen Union hinzuarbeiten.

Nach Angaben der italienischen Hafenbehörde lag die "Pinar" am Samstag in rauer See 40 Kilometer südwestlich von Lampedusa. Zwei erkrankte Flüchtlinge wurden am Freitagabend von einem italienischen Militärhubschrauber zur Behandlung auf die Insel gebracht. Doch das Wetter verschlechtert sich weiter. Lebensmittel an Bord sollen knapp sein, die hygienischen Bedingungen prekär, berichteten italienische Medien am Sonntag. Der türkische Kapitän Asik Tuygun befürchte eine Epidemie an Bord.

Erinnerungen an die "Cap Anamur"

Der Fall der "Pinar" erinnert an das deutsche Schiff "Cap Anamur", das 2004 im Mittelmeer in internationalen Gewässern 37 Flüchtlinge aufgenommen hatte. Es musste 21 Tage warten, bis es nach einem Streit über die Zuständigkeit Porto Empedocle auf Sizilien ansteuern konnte.

Am Samstag sind bereits mehr als 350 Flüchtlinge in zwei Booten auf Sizilien gelandet. Begleitet von der italienischen Küstenwache erreichten 302 Menschen den Hafen von Pozzallo im Süden der Insel. 54 weitere kamen am Strand von Licata an. Erst am vergangenen Donnerstag hatten mehr als 340 Immigranten Lampedusa erreicht. Jedes Jahr treten Tausende Menschen von Nordafrika aus die gefährliche Überfahrt an. Immer wieder kommt es vor, dass überladenen Boote kentern und die Passagiere ertrinken.

In Castel Volturno bei Neapel demonstrierten am Samstag mehrere tausend afrikanische Einwanderer gegen Rassismus und Diskriminierung in Italien. Sie forderten "Aufenthaltsgenehmigungen für alle" und wandten sich gegen die ihrer Meinung nach zu harte italienische Einwanderungspolitik. In dem Ort waren vor sieben Monaten sechs Immigranten im Kugelhagel der neapolitanischen Camorra gestorben.

ffr/dpa/AP



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