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Streit ums Erbe: Arafats geheime Millionen

Von Annette Großbongardt, Jerusalem

Welches Vermögen hat Jassir Arafat angehäuft - und wie viel davon ist womöglich noch auf geheimen Auslandkonten versteckt? Seit seinem Tod geht es nicht nur um sein politisches Erbe, sondern auch um die Millionen, mit denen der so ärmlich wirkende Palästinenserführer in einem großteils geheimen Finanzimperium jonglierte.

Lev und Arafat: "Es geht um viel Geld"

Lev und Arafat: "Es geht um viel Geld"

Jerusalem - Das Treffen, zu dem der israelische Investmentbanker Uzrad Lev mit einem Abgesandten der Palästinenserführung bestellt wurde, fand weder im Präsidentenbüro noch anderswo in der Autonomiebehörde statt. Jassir Arafats Chefberater für Finanzen, Mohammed Raschid, erwartete Lev in einer diskreten Ecke des Tel Aviver Hotels Hilton mit Blick aufs Mittelmeer. "Es geht um viel Geld", erklärte Raschid dem Israeli ohne Umschweife, "wir wollen, dass sie es für uns gewinnbringend anlegen."

So begann 1997 ein Kapitel im dubiosen Finanzregime des jüngst verstorbenen PLO-Chefs und Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat. Von dessen rechter Hand Raschid bekam der Finanzmakler an jenem Februartag den Auftrag, ansehnliche Millionenbeträge auf einem geheimen Konto in der Schweiz anzulegen. Um die Herkunft des Geldes zu kaschieren, wurde eine Briefkastenfirma auf den Jungfraueninseln gegründet, die dann als Investor auftrat. "In Spitzenzeiten", behauptet Lev, "hielten wir über 350 Millionen Dollar."

Bereits mit seiner PLO kassierte Arafat Hunderte von Millionen bei den arabischen Bruderstaaten für den palästinensischen Freiheitskampf. Dann, nach dem Friedensschluss von Oslo, machte er die Palästinenser zum bestgeförderten Volk der Welt - mehr als sechs Milliarden Dollar flossen allein seit 1994 in die Kassen der Autonomiebehörde oder direkt in Aufbauprojekte.

Während Arafat weltweit bettelnd die Hand aufhielt, war er bereits Großunternehmer. Er kaufte er sich in Cola- und Handy-Unternehmen ein, ließ Spielcasinos und Tabakhandel betreiben, spekulierte in Aktien und Hochrisikofonds.

Üppige Honorare für geheime Machenschaften

Die Enthüllungen des israelischen Finanzberaters Lev, der sich 2001 im Streit von seinen Auftraggebern trennte, geben Einblick in die finanziellen Machenschaften Arafats und seines Vertrauten Raschid.

Uzrad Levs Partner, der den lukrativen Auftrag mit üppigen Beraterhonoraren überhaupt an Land gezogen hatte, war der umstrittene frühere israelische Geheimagent und jetzige Geschäftsmann Jossi Ginossar. Wegen Verwicklung in die Tötung von palästinensischen Gefangenen war er in Unehren aus dem Dienst geschieden. Doch weil er in den neunziger Jahren enge Kontakte zur PLO-Führung unterhielt, nutzten ihn etliche israelische Premiers, darunter auch Jizchak Rabin, als Kontaktmann zu den Palästinensern.

"Zum Beginn des Treffens erklärte mir Raschid ", erinnert sich Lev, "dass er seit Jahren vergeblich versuche, palästinensisches Geld auf einer seriösen Bank anzulegen." Lev gelang es, ein Konto bei der angesehenen Schweizer Privatbank Lombard Odier zu eröffnen. Raschid schickte Million um Million von einem offiziellen Konto der Palästinensischen Autonomiebehörde bei der Arab Bank in Ramallah, Lev investierte und fuhr satte Gewinne ein.

Zu Beginn habe er keinerlei Verdacht gehegt, verteidigt sich der Broker. "Ich dachte, auf diese Weise wollten Arafat und Raschid das Geld vor dem Zugriff einer korrupten Palästinenserbehörde schützen." Erst viel später habe er begriffen, so stellt Lev es heute dar, "dass es darum ging, eine geheime Kriegskasse für Arafat zu schaffen". Doch 1997 habe noch große Friedenshoffnung geherrscht, die zweite Intifada stand noch bevor.

Felsendom als Dankeschön

Beglückt über den erfolgreichen Start des Geldgeschäfts, lud Arafat den israelischen Finanzhelfer in seine Residenz in Gaza ein und ehrte ihn mit einem Preis. "Als besonderen Dank schenkte er mir ein Miniaturmodell des Jerusalemer Felsendoms aus Muscheln vom Strand in Gaza", erinnert sich Lev. Befremdet war der Broker allerdings doch darüber, auf welch vertrautem Fuße der Palästinenserchef offensichtlich mit dem Ex-Agenten Ginossar stand, dem er während des Empfangs immer wieder Handküsse zuwarf. Lev selbst war früher beim Militärgeheimdienst.

Für das Genfer Konto bekam er umfassende Vollmachten. Doch Geld abheben durften seinen Angaben zufolge allein Arafat und Raschid durch gemeinsame Unterschrift. Um sicherzustellen, dass nichts abgezweigt werden konnte, mussten die Palästinenser in einem Memorandum versichern, dass das Geld nur auf das offizielle Konto in Ramallah zurück überwiesen werden könne.

Doch dieses grundlegende Papier wurde geändert - hinter seinem Rücken, wie Lev behauptet. "Eines Tages fand ich bei der Durchsicht der Kontounterlagen ein neues Dokument. Danach konnte das Geld nun auf jedes palästinensische Konto in der Welt überwiesen werden, allein mit der Unterschrift Raschids."

Und so geschah es.

Bei geheimen Recherchen, die der ausgebootete Banker von nun an betrieb, entdeckte er zwei riesige Auslandstransfers: Am 24. August 2001 gingen 65 Millionen Dollar nach London auf das Konto einer ungenannten Bank sowie Anfang 2002, als sich das Konto bereits in Auflösung befand, nochmals 108 Millionen Dollar auf Konto der Firma Grouper in New York. Das war eine neue Briefkastenfirma, so Lev, die Raschid und Ginossar ebenfalls an ihm vorbei inzwischen gegründet hatten. "Warum diese Umwege, warum konnte das Geld nicht einfach nach Ramallah zurück überwiesen werden?", fragt Lev.

Vorwurf: Geld für den Terror missbraucht

Der studierte Mathematiker wirft seinen früheren palästinensischen Partnern heute vor, sie hätten zumindest Teile des Geldes missbraucht, um Terror zu unterstützen. Als Beleg dafür führt er etwa eine Überweisungsanforderung über 250.000 Dollar an den heute in Israel inhaftierten Intifada-Anführer und Fatah-Generalsekretär Mustafa Barghuti an - oder ein Schreiben von Raschid unter dem Briefkopf Arafats, in dem er nicht näher erklärte Transfers an den - inzwischen inhaftierten - Beschaffer der palästinensischen Sicherheitskräfte sowie den Barghuti-Nachfolger Hussein Scheich ankündigt. "Es gibt viele hungrige Kerle", warnt Raschid.

Der entscheidende Hinweis für Lev ist, dass in dem Brief auch eine Zahl genannt wird, die exakt der Nummer des Schweizer Geheimkontos entspricht - und das eine Woche nach der Millionenüberweisung nach London. Auffälligerweise sei danach auch das - von den Israelis gestoppte - Waffenschiff Karine A auf Fahrt nach Palästina geschickt worden.

Die Schweizer Bank mit heutigem Namen Lombard Odier Darier Hentsch, bestreitet weder die Existenz des Kontos noch die Überweisungen ins Ausland. Sie beteuert allerdings, alle "internationalen Standards und Sorgfaltspflichten" seien "streng" gewahrt worden. Die von Lev etwa genannten 65 Millionen Dollar seien "nicht mit unbekanntem Ziel, sondern an eine "global tätige Bank überwiesen worden, um sie in Aktien einer bekannten Firma zu investieren".

Lombard Odier wirft ihrerseits dem israelischen Broker vor, hinter seinem Gang an die Öffentlichkeit steckten rein "kommerzielle Motive". Lev bestreitet nicht, dass er noch einige Rechnungen mit seinen früheren Geschäftspartnern offen hat und ausstehende Honorare einfordern will.

Kündigung in 2001

Ende 2001 sei die Zusammenarbeit mit der Palästinenserführung beendet worden, erklärte die Bank - "wegen der gestiegenen Spannungen und der Verschlechterung der politischen Situation". Tatsächlich tobte inzwischen schon über ein Jahr die zweite Intifada gegen Israel.

Nach dem Tod Arafats bleibt nun sein Finanzberater Raschid als Schlüsselfigur zurück. Lev ist überzeugt, dass nur er weiß, was mit dem Geld geschah: "Er gab mir mehrere Mal zu verstehen, dass er Dokumente und Belege vernichtet hatte."

In Gelddingen hatte der Palästinenserchef dem irakischen Kurden, den er seit gemeinsamen Tagen im Exil in Tunis wie einen Ziehsohn behandelte, größte Vollmachten eingeräumt. Der smarte Arafat-Vertraute steuerte sämtliche Investitionsgeschäfte sowie die Monopole der Autonomiebehörde auf Zement, Tabak und Benzin.

Raschid war auch einer der wenigen Vertrauten am Totenbett Arafats in Paris, was etliche lang gediente Weggefährten des PLO-Chefs empörte: "Er reiste mit seiner Entourage im Privatjet an und wohnte im Grandhotel", schimpfte etwa Abdallah al-Frangi, Mitglied des Fatah-Zentralkomitees und Repräsentant der Palästinenser in Deutschland.

Bisher, im Schutz des "Raïs" (Arabisch für "Führer"), war die rechte Hand des Präsidenten tabu für Nachstellungen. "Wir werden Raschid zur Rechenschaft ziehen", droht Frangi nun, "solches Gebaren werden wir künftig nicht mehr dulden." Er wirft Raschid vor, er habe "Arafats Auftrag und Vertrauen missbraucht". Und auch der Fatah-Führer Ahmed Gneim aus Ramallah fordert, "Raschid muss alles Geld zurückgeben, denn es ist das Geld das palästinensischen Volkes."

Immun gegen Korruptionsvorwürfe

Dass Arafat selbst sich bereichert haben könnte, schließen merkwürdigerweise sogar Arafat-Kritiker aus. Der karge Lebensstil des PLO-Chefs, der stets die ewiggleiche Uniform trug und auf einem schmalen Eisenbett schlief, machte ihn gegen Korruptionsvorwürfe immun. "Arafat nahm nie etwas für sich persönlich", beteuert Gneim. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" platzierte ihn dennoch mit einem geschätzten Vermögen von 200 Millionen US-Dollar noch vor Fidel Castro auf Rang neun in der Rubrik "Könige und Staatsoberhäupter".

Frangi räumt ein, dass Arafat schwarze Kassen unterhielt: "Er brauchte das Geld, um die palästinensischen Flüchtlinge und Gefangenen zu unterstützen." Aber auch aus seinem nicht kontrollierten Präsidentenetat von zeitweise über 30 Millionen Dollar verteilte Arafat freigiebig an politische Günstlinge und Bedürftige, aber auch an palästinensische Terrormilizen.

Trotz der erstmals öffentlich geäußerten Vorwürfe gegen Raschid könnte es dennoch sein, dass auch die neue Führung wieder mit ihm zusammenarbeitet - allein schon, um an die Schlüsselinformationen zum Geld zu kommen.

So hatte sich auch der reformorientierte Finanzminister Salam Fayad bereits entschlossen, Raschid sogar zum Generalmanager des neuen palästinensischen Investmentfonds zu machen, in dem auf Druck der internationalen Gebergemeinschaft erstmals alle Beteiligungen und Investments der Autonomiebehörde transparent zusammengefasst wurden. Dem Finanzchef gelang es, 799 Millionen Dollar an geschätztem Investitionsvermögen zu identifizieren und erstmals dem Haushalt zuzustellen. "Ohne Raschid wäre er nie an das Geld gekommen", so ein eingeweihter EU-Diplomat.

Nach Aussagen des Internationalen Währungsfonds IWF, der das palästinensische Budget überwacht, ist damit zumindest haushaltstechnisch der Großteil von einst verschwundenen 900 Millionen Dollar wieder aufgetaucht. Im vergangenen Jahr erst monierte der IWF in einem Prüfbericht, dass 1995 bis 2000 diese Millionensummen aus Steuereinnahmen und Gewinnen der staatlichen Monopolbetriebe am Haushalt vorbei auf ein Sonderkonto in Tel Aviv abgezweigt sowie in unkontrollierte Investitionen gesteckt wurden.

Wo sind die 100 Millionen?

Nun zeigt sich der Währungsfonds durch die Zahlen des neuen Investitionsfonds zufrieden gestellt. Sogar die 100 Millionen Dollar Differenz erklärt der Repräsentant des IWF in den Palästinensergebieten, Karim Nashashibi, großzügig mit "Verlusten im Marktwert" der Beteiligungen seit 1999. Doch der IWF hat nicht die verschlungenen Wege des Geldes nachvollzogen oder geprüft, wer sich aus Profiten bedient haben könnte. Denn über die Investitionsgeschäfte wurden keinerlei Bilanzen vorgelegt.

So bleiben auch Abgeordnete und Fatah-Funktionäre skeptisch. "Wir glauben, es geht um viel mehr Geld, als Fayad bisher sichergestellt hat", sagt Ahmed Gneim. Zudem räumt der IWF ein, dass er kein Wissen darüber hat, "was Arafat persönlich besaß oder nicht oder was sich in den Kassen der PLO befindet". Uzrad Lev zumindest glaubt auf Grund seines Insiderwissens, dass das von Arafat und Raschid kontrollierte palästinensische Schattenvermögen fast eine Milliarde Dollar betrug.

An dem Schweizer Geschäft jedenfalls haben zumindest drei Männer verdient: Lev, Ginossar und Raschid. Er habe "gutes Geld gemacht", räumt Lev ein, und Ginossar und Raschid hätten Millionen Dollar an Kommissionen eingesteckt. Doch so, als sei nie etwas gewesen, saß Mohammed Raschid in den Tagen nach Arafats Beerdigung neben dem palästinensischen Finanzminister im Hauptquartier in Ramallah und empfing Kondolenzbesucher.

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