Strenge Kleiderordnung Wie der Schleier Ägypten erobert

Von Amira El Ahl, Kairo

2. Teil: Gesichtsschleier stellen eine Gefahr für die Gesellschaft dar - in doppelter Hinsicht


Seit den siebziger Jahren nimmt der saudi-arabische Einfluss in Ägypten immer mehr zu. Der Ölboom bescherte dem Königreich einen wirtschaftlichen Aufschwung, der gleichzeitig auch zum politischen Aufstieg in der Region führte. Der Öl-Reichtum zog Tausende von ägyptischen Gastarbeitern auf die arabische Halbinsel. Die verdienten dort gutes Geld, das sie nach Jahren im Ausland genauso mit in die Heimat zurückbrachten wie die streng wahhabitische Ideologie. Der "Niqab" ist ein Merkmal dieser streng-konservativen Sichtweise des Islam. "Die Immigranten brachten das saudische Geld und die saudi-arabische Kultur mit in die ägyptische Gesellschaft", sagt Nihad Abu Al-Umsan.

Für die Leiterin des ägyptischen Zentrums für Frauenrechte ist der "Niqab" das Ergebnis politischer und nicht religiöser Ziele. Die Saudis seien seit dem Ölboom der siebziger Jahre darauf aus gewesen, sich als die Führer der Region zu etablieren. "Sie haben mit allen Mitteln versucht, ihre wahhabitische Ideologie zu verbreiten", erklärt die Frauenrechtlerin. Der "Niqab" sei ein Produkt des Wahhabismus und der Beduinenkultur. "Noch nicht einmal die ägyptischen Beduinen tragen einen 'Niqab'", sagt Abu Al-Umsan. Die Beduinen, Frauen wie Männer, schützen ihre Körper und Gesichter mit Tüchern einzig und allein gegen Sand und Sonne, religiöse Wurzeln habe diese Bekleidung nicht, erklärt die Ägypterin.

"Der Niqab entstammt einer vor-islamischen Tradition", bestätigt Islamwissenschaftlerin Soad Salih.

Iman ist 30 Jahre alt, verheiratet und Mutter von vier Kindern. Seit sieben Jahren trägt sie den "Niqab", der nur ihre hübschen braunen Augen erkennen lässt. Zu Hause habe sie zwar Satellitenempfang, aber nur der religiösen Programme wegen. "Alles andere ist haram - verboten", sagt die "Munaqabba". Genau wie Musik zu hören und jegliche andere Form der Unterhaltung.

"Es ist schrecklich heiß und langweilig hier drunter"

Doch nicht nur der Religion wegen trage sie den Gesichtsschleier. "Ich fühle mich so besser geschützt auf der Straße", sagt die 30-Jährige.

Für Fatma war der Schutz vor sexuellen Übergriffen sogar der Hauptgrund für die Wahl des "Niqab". Die 31-Jährige steht in einer kleinen Seitenstraße im Zentrum Kairos und verkauft Schmuck an Passanten. Sie wollte für die Familie Geld dazu verdienen. Ihr Mann stimmte zu - unter der Voraussetzung, dass sie den "Niqab" anlegen würde. Sie selbst sei vom "Niqab" nicht überzeugt, ganz im Gegenteil. "Er stört mich immens, und es ist schrecklich heiß und langweilig hier drunter." Immer noch trage sie gerne Make-up und Jeans, unter ihrem langen Rock und dem Gesichtsschleier.

Doch der Unterschied in Bezug auf die sexuelle Belästigung sei enorm, räumt Fatma ein. "Mit 'Niqab' wird man von den Männern einfach nicht mehr beachtet."

Um sexuelle Belästigung auf den Straßen zu bekämpfen, sei der "Niqab" das falsche Mittel, sagt Frauenrechtlerin Nihad Abu Al-Umsan. "Dieses Argument wird als Druckmittel der Konservativen benutzt." Doch statt sich unter einem Schleier zu verstecken und sich von der Gesellschaft zu isolieren, sollten Frauen auf ihr Recht bestehen, sich ungestört von männlicher Anmache, verbaler sowie physischer, auf den Straßen Ägyptens zu bewegen. "Das ist ein grundsätzliches Recht für jeden Bürger und wir sollten endlich die Strafverfolgung derer durchsetzen, die Frauen belästigen."

"Wie kann ich wissen, wer unter dem Schleier ist?"

Denn der "Niqab" stellt auch ein Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft dar. "Wie kann ich wissen, ob sich unter dem Gesichtsschleier eine Frau oder vielleicht doch ein Mann befindet?", fragt Abu Al-Umsan. Als Frauenrechtsorganisation vertreten Abu Al-Umsan und ihre Mitstreiterinnen zwar die Persönlichkeitsrechte der Frauen. Aber gleichzeitig sei das öffentliche Recht auf Sicherheit unumgänglich. "Es ist von zentraler Bedeutung, Menschen identifizieren zu können", sagt die Frauenrechtlerin. Mit einem bis auf die Augenpartie komplett verhüllten Menschen sei Kommunikation so gut wie unmöglich.

Gerade öffentliche Institutionen in Ägypten müssen sich mit dem Sicherheitsfaktor immer konkreter befassen. An der Amerikanischen Universität in Kairo (AUC) wird die Problematik des Gesichtsschleiers seit 2001 diskutiert. Damals wurde die Universität das erste Mal mit einer Studentin konfrontiert, die mit Gesichtsschleier den Campus betreten wollte. Zwar handelte es sich nur um eine Gaststudentin, die in der Bibliothek der Universität Recherche betrieb. Trotzdem sah sich die Universitätsleitung dazu gezwungen, zu handeln. "Wir entschieden uns, den Gesichtsschleier grundsätzlich in der AUC zu verbieten", erzählt Ashraf Al-Fiqi, Vizepräsident für Studentenangelegenheiten. Wer "Niqab" trug, musste ihn am Eingang ablegen.

Doch die Entscheidung hatte Folgen. Die Studentin zog vor Gericht, um für ihr Recht zu kämpfen, den Gesichtsschleier immer und überall tragen zu können. Der Streit ging durch alle Instanzen, im vergangenen Jahr fiel dann das Urteil: Die Universität darf keinem Studenten das Recht verweigern, das Gelände zu betreten, auch nicht aufgrund eines Gesichtsschleiers.

Aber das Gericht machte auch klar, dass die Universität die Pflicht hat, für die Sicherheit ihrer Studenten zu sorgen und damit das Recht hat, jederzeit die Identität ihrer Studenten zu überprüfen. Die Sicherheitskräfte an den Eingängen zum Universitätsgelände sowie die Lehrer sind immer befugt, eine Gegenprobe zu machen. Denn wer weiß, ob das Gesicht auf dem vorgezeigten Ausweis auch dem unter dem Schleier entspricht. "Das Gericht hat erklärt, das sich die Frauen an die Universitätsregeln halten müssen", sagt Al-Fiqi. "Wir müssen sicher gehen, dass während Prüfungen, in unseren Labors und im Studentenwohnheim nur Berechtigte Zutritt haben."

Bisher hat das Urteil an der AUC jedoch keine Anwendung gefunden. Zurzeit gibt es unter den mehr als 5000 Studenten keine einzige Munaqabba. "Ich glaube auch nicht, dass eine Munaqabba bei uns an der richtigen Universität wäre", gibt Al-Fiqi zu Bedenken. Denn die liberale Erziehung an einer amerikanischen Universität verträgt sich kaum mit der streng konservativen Ideologie der Wahabiten und deren Anhängern.

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