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Studentin in der Bundesrepublik: Wie Auma Obama mit Deutschland haderte

Von , und Jochen Schönmann

Barack Obama besucht an diesem Donnerstag erstmals Deutschland - sein Bild von der Bundesrepublik hat eine Frau mitgeprägt: Seine Halbschwester Auma lebte jahrelang hier und berichtete ihm von ihren Erfahrungen. Geschwärmt hat sie offenbar nicht. Im Gegenteil.

Washington/Hamburg/Heidelberg - Die Begeisterung für Barack Obama äußert sich in Deutschland derzeit in vielen Formen. Eckart Würzner zum Beispiel hat kürzlich zur Feder gegriffen. Der Oberbürgermeister von Heidelberg schrieb einen offenen Einladungsbrief an den Kandidaten der US-Demokraten. Die USA und Heidelberg seien "traditionell eng verbunden", schrieb er und erwähnte zur Untermauerung seiner Gastfreundschaft das Deutsch-Amerikanische Institut der Stadt, den deutsch-amerikanischen Frauenclub und die Wissenschaftlerinnen der Universität. Ob Obama bei seinem Europabesuch diese Woche nicht in dem lauschigen Uni-Örtchen vorbeischauen wolle?

Auma Obama (l., im Vorwahlkampf in New Hampshire, r. Baracks Ehefrau Michelle): Studium in Heidelberg, Promotion in Bayreuth
AP

Auma Obama (l., im Vorwahlkampf in New Hampshire, r. Baracks Ehefrau Michelle): Studium in Heidelberg, Promotion in Bayreuth

Eigentlich hätte Würzner auch einfach schreiben können: Schauen Sie sich doch mal an, wo Ihre ältere Halbschwester studiert hat. Denn Auma Obama war zwischen 1981 und 1987 an der Heidelberger Hochschule eingeschrieben.

Sie lernte ihren heute so prominenten Verwandten zwar erst als Erwachsenen kennen, weil sie im Gegensatz zu ihm in Kenia beim gemeinsamen Vater aufgewachsen ist - aber trotzdem verstehen sich die beiden gut. Einst brachte sie ihm bei einem Besuch in Kenia seine dortige Familie näher. Als Barack Obama erst auf dem Weg zum politischen Popstar war und noch für ausländische Reporter Zeit hatte, konnte man mit ihm sogar über seine Halbschwester plaudern. Etwa bei einem Gespräch am Rande eines Auftritts in Washington im August 2006: "Oh, Sie kommen aus Deutschland, das ist toll", sagte Obama da zu dem deutschen Journalisten. "Woher genau? Wissen Sie, meine Schwester hat ja in Deutschland studiert. In Heidelberg." Auf die Rückfrage, welches Fach sie denn belegt habe, musste Obama lachen - und dachte scheinbar angestrengt nach. Es sei ihm ja ein bisschen peinlich, gab er schließlich zu, "aber ich kann mich gar nicht erinnern".

Es war Deutsch als Fremdsprache an der neuphilologischen Fakultät - wobei sich an der Heidelberger Universität heute kaum einer an Auma Obama erinnern kann. Herbert Ernst Wiegand, schon damals Professor am Germanistischen Seminar, sagt SPIEGEL ONLINE: "An eine Frau mit diesem Namen habe ich keine Erinnerung - obwohl es zu der Zeit wirklich nicht viele farbige Studentinnen in Heidelberg gab." Nachfragen bei weiteren ehemaligen germanistischen und philologischen Dozenten verlaufen ähnlich mager. Gert Schneider, Ex-Leiter des Akademischen Auslandsamts in Heidelberg, ist "der Name bekannt, doch es fehlt das Gesicht".

"Sie war eine hervorragende und herausragende Person"

Sehr genau kann sich dagegen ihr ehemaliger Doktorvater an Auma Obama erinnern. Nach ihren Jahren in Heidelberg begann die Kenianerin Ende der achtziger Jahre nämlich eine Promotion an der Universität Bayreuth bei Alois Wierlacher, dem inzwischen emeritierten Begründer der interkulturellen Germanistik. "Sie war eine hervorragende und herausragende Person", sagt er SPIEGEL ONLINE. Und fleißig - passend dazu das Thema ihrer Promotion: Auma Obama schrieb über die Arbeitsauffassung in Deutschland und literarische Reflektionen darüber.

Dass seine ehemalige Doktorandin nun zum Dunstkreis des möglichen künftigen US-Präsidenten gehört, scheint für den 72-jährigen Wierlacher beinahe logisch: "Sie war nicht für die Wissenschaft gemacht, eher für die Politik."

Fest steht, dass Auma Obama während ihrer Studienjahre vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gefördert wurde - was auf gute Studienleistungen schließen lässt. "Es ist klar, dass sie eine herausragende Studentin gewesen sein muss, sonst wäre sie nicht vom DAAD unterstützt worden", sagt Silke Rodenberg, Leiterin des internationalen Heidelberger Alumni-Netzwerks. In dieser Ehemaligengruppe hat sich Obama jedoch nie engagiert.

Interessanter als ihre akademischen Verdienste ist heute ohnehin, inwieweit Auma Obama das Deutschlandbild ihres Halbbruders geprägt hat. Denn dessen Berlin-Besuch an diesem Donnerstag ist seine erste Deutschlandreise überhaupt; auch engere Kontakte von Obama zu deutschen Politikern sind nicht bekannt.

"Wieso passieren solche Dinge?"

Was seine Halbschwester Auma ihm über die Bundesrepublik erzählt hat, darüber schreibt der Präsidentschaftskandidat selbst in seiner Biografie "Dreams from my Father" - und die Erinnerungen klingen nicht allzu positiv.

Zwar berichtete sie ihm von einer Schwäche für einen "süßen" Deutschen namens Otto, aber insgesamt liege ihr "Deutschland nicht besonders". Die Deutschen täten "immer so, als seien sie Afrikanern gegenüber besonders liberal, aber wenn man dann an der Oberfläche kratzt, sieht man, dass sie immer noch die Einstellungen aus ihrer Kindheit mit sich herumtragen. In deutschen Märchen kommen Farbige nur als Kobolde vor. So etwas vergisst man nicht so einfach".

Der schlechte Eindruck mag auch damit zusammenhängen, dass während ihrer Jahre in Deutschland grauenvolle Übergriffe auf Ausländer geschahen - in Hoyerswerda, in Mölln, in Solingen. Auma Obama fühlte sich in dieser Zeit offenbar bedroht als Schwarze in Deutschland. Im Januar 1996 war sie nach einem Brandanschlag auf ein Lübecker Asylbewerberheim im Presseclub der ARD zu Gast. Sie fragt: "Wieso passieren solche Dinge? Es geht doch darum, dass man hier (als Ausländer) sicher ist. Dass ich weiß: Ich kann hier leben, ohne dass mein Haus abgebrannt wird."

Auma Obama hatte durchaus Kontakt mit der deutschen Gesellschaft und suchte ihn auch. So findet sich in der "Frankfurter Rundschau" vom 1. November 1995 die Ankündigung zu einem Vortrag im Rahmen der Afrikawochen im "Bürgerhaus Nordweststadt". Der "Stern" berichtet, dass die junge Frau auch politische Seminare für die Friedrich-Ebert-Stiftung gab, für die Bayreuther Lokalzeitung "Nordbayerischer Kurier" arbeitete, als Dolmetscherin auf Messen jobbte - und 1990 als eine von zwölf unter Hunderten Bewerbern an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin im Fach Regie aufgenommen wurde.

Der Zeitschrift zufolge lebte Auma Obama Anfang der neunziger Jahre mitten in Berlin, in der Gneisenaustraße in Kreuzberg, wo sie "Mitglied einer glamourösen Clique schwarzer Frauen aus der Business- und Kunstszene" geworden sei. Die aus den USA stammende Opernsängerin Jocelyn B. Smith wird mit den Worten zitiert: "Für uns schwarze Frauen war dieses Zusammensein eine Art Erholung, ein Ort, wo du so sein konntest, wie du bist, wo du nicht ständig aufpassen musstest, was du sagt. In den Gesprächen ging es viel um schwarzes Selbstbewusstsein und um unsere afrikanischen Wurzeln."

"Farbige nur als Kobolde"

Obamas Team beantwortet derzeit keinerlei Interviewanfragen zur Halbschwester des US-Präsidentschaftskandidaten. Obama selbst betonte vor seinem Berlin-Besuch immer wieder, die Beziehung mit Deutschland sei ihm ganz besonders wichtig.

Auma Obama hat die Bundesrepublik vor Jahren verlassen. Sie lebte lange in Großbritannien, wo sie 1996 heiratete - Barack Obama war bei der Hochzeit und galt schon damals als Hoffnungsträger der Familie: "Du stehst neben dem künftigen Präsidenten der USA", soll der Barkeeper laut Londoner "Times" Obamas Schwager an dem Abend zugerufen haben.

Inzwischen ist Auma Obama nach Kenia zurückgekehrt, als Entwicklungshelferin. Schon zu den allerersten Vorwahlen in Iowa und New Hampshire ist sie eigens in die USA geflogen, zur Unterstützung für ihren Halbbruder. Auch später trat sie auf und gab gelegentlich Interviews im Wahlkampf, über Barack. Und über ihre Familie, die "über alle Kontinente verstreut ist", sagte sie im März der "New York Times", die notierte, sie habe selbst eine inzwischen zehnjährige britische Tochter, Akinyi.

Auma Obama spricht übrigens immer noch gut Deutsch - und erst kürzlich hat ihr Halbbruder seinen Landsleuten ins Gewissen geredet, sie sollten mehr Fremdsprachen lernen, so wie die Europäer. Es sei doch peinlich, gab er zu bedenken, dass diese sich im Ausland fließend verständigen könnten, während US-Bürger gerade mal "Merci beaucoup" sagen könnten.

Allerdings beherrscht Obama selbst keine Fremdsprache richtig - und im Wahlkampf helfen derartige Aussagen sowieso nicht.

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