Studie Arabische Frauen leiden in Ägypten am meisten

Über 90 Prozent der Mädchen werden Opfer von Genitalverstümmelung, sexuelle Belästigung ist an der Tagesordnung: Einem Ranking zufolge leben Frauen in keinem Land der arabischen Welt so schlecht wie in Ägypten.

Demonstrantin in Kairo: "Frauenfeindlichkeit auf allen Ebenen"
REUTERS

Demonstrantin in Kairo: "Frauenfeindlichkeit auf allen Ebenen"

Von Ulrike Putz, Beirut


Nicht Saudi-Arabien liegt an der Spitze dieses Rankings der Schande - obwohl es Frauen dort verboten ist, Auto zu fahren. Auch nicht der Jemen belegt den Spitzenplatz, obwohl Mädchen dort teils schon mit 11 Jahren verheiratet werden. Und noch nicht mal im kriegsgebeutelten Syrien leben Frauen derzeit schlechter als am Nil: Ägypten ist das Land in der arabischen Welt mit den schlechtesten Lebensbedingungen für Frauen. Das ergab eine am Dienstag veröffentlichte Studie der britischen Thomson Reuters Stiftung.

Die Stiftung hat untersuchen lassen, welche Rechte Frauen in islamisch geprägten Staaten haben und welchen Gefahren sie in ihren jeweiligen Heimatländern ausgesetzt sind. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob der Wandel des Arabischen Frühlings sich positiv auf das Leben der Araberinnen ausgewirkt hat.

Die Untersuchung wird seit 2011 jährlich durchgeführt. Für die diesjährige Ausgabe wurden 336 Experten in 22 arabischen Ländern befragt. Themen waren Gewalt gegen Frauen, Rechte im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, Stellung der Frau in der Familie und der Gesellschaft und Akzeptanz von Frauen in Politik und Wirtschaft.

Im bevölkerungsreichsten arabischen Land Ägypten sind Frauen danach erschütternder Gewalt ausgesetzt.

  • Zuallererst sei da die Genitalverstümmelung, schreiben die Autoren der Studie: Laut der Kinderschutzorganisation Unicef sind 91 Prozent der erwachsenen Frauen in Ägypten verstümmelt. Sie würden im Kindesalter beschnitten. Bei der - meist ohne jede Narkose und unter unhygienischen Bedingungen ausgeführten - Prozedur wird den Mädchen die Klitoris teilweise oder ganz amputiert. Oft werden dabei auch Teile der Schamlippen abgeschnitten.
  • Fast jede ägyptische Frau - 99,3 Prozent - erlebt nach der Studie im Laufe ihres Lebens sexuelle Belästigung. Tatsächlich hat sich die Sicherheitslage im Land seit der Absetzung Mubaraks im Frühjahr 2011 deutlich verschlechtert. Frauen werden heute regelmäßig Opfer von aggressiven Übergriffen, bei denen die Täter sie oft in aller Öffentlichkeit drangsalieren. Auf dem Tahrir-Platz kam es in den vergangenen Monaten mehrmals am helllichten Tag zu Massenvergewaltigungen. Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurden alleine an den vier Protesttagen nach dem Militärputsch am 30. Juni 91 Fälle von sexuellen Übergriffen auf dem Tahrir-Platz dokumentiert.
  • Auch die rechtliche Stellung der Ägypterinnen hat sich nach den Autoren der Studie seit der Revolution verschlechtert. Immer noch könnten 37 Prozent aller erwachsenen Frauen nicht lesen und schreiben und seien damit auf dem Arbeitsmarkt stark benachteiligt. Bittere Armut treibe einige Frauen in die Arme von Banden, die sie als Prostituierte in Nachbarländer verkauften.

Mona Eltahawy, eine bekannte Frauenrechtlerin und Bloggerin, reagierte mit Abscheu auf diese Zustände in ihrem Heimatland. Das Mubarak-Regime habe eine giftige Mischung aus Tradition und Religion hinterlassen, die das Leben der Ägypterinnen zerstöre, sagte die Aktivistin, die im Laufe der Revolution selbst festgenommen und im Polizeigewahrsam sexuell belästigt worden war, der britischen Zeitung "Independent". Ägypten leide unter "Frauenfeindlichkeit auf allen Ebenen".

Weitere Länder im Ranking

Zweitschlechtestes Ergebnis im Negativ-Ranking erzielte der Irak. Seit dem US-geführten Einmarsch 2003 habe sich die Lage für Frauen dort deutlich verschlechtert, so die Stiftung. 1,6 Millionen Frauen seien verwitwet und damit meist auch in finanziellen Nöten. Nur 14,5 Prozent der Frauen hätten Arbeit. Tausende von im Laufe des Krieges Vertriebenen seien in die Prostitution gezwungen worden.

Wo in der Arabischen Welt leben Frauen am besten?
1. Komoren
2. Oman
3. Kuwait
4. Jordanien
5. Katar
6. Tunesien
7. Algerien
8. Marokko
9. Libyen
10. Arabische Emirate
11. Mauretanien
12. Bahrain
13. Dschibuti
14. Somalia
15. Palästina
16. Libanon
17. Sudan
18. Jemen
19. Syrien
20. Saudi-Arabien
21. Irak
22. Ägypten

Länder-Ranking nach Thomson Reuters Foundation

Saudi-Arabien belegt den Autoren der Studie zufolge den drittschlechtesten Platz. Zwar dürften Frauen 2015 erstmals an Lokalwahlen teilnehmen, doch anderweitig seien ihre Rechte stark eingeschränkt. So sei Vergewaltigung in der Ehe kein Delikt. Frauen dürften zudem nicht Auto fahren und bräuchten die Erlaubnis eines männlichen Verwandten, um zu reisen oder sich medizinischen Eingriffen zu unterziehen.

Syrerinnen seien nicht nur den Gefahren der Kriegshandlungen, sondern vermehrt auch sexueller Gewalt ausgesetzt. Einige Flüchtlingsmädchen seien bereits mit 12 Jahren verheiratet worden, schreiben die Autoren, die Syrien den viertschlechtesten Platz auf der Liste zuordnen.

Nur wenig besser als im Bürgerkriegsland ist es im Jemen. Dort gibt es kein Mindestalter für eine Eheschließung. Immer wieder gibt es Fälle von Kinderbräuten, die von ihren Familien an wesentlich ältere Männer verkauft werden. Der Jemen hat mit Platz 18 den fünftschlechtesten Rang auf der Liste.

Das beste arabische Land für Frauen sind die Komoren. Das Archipel im Indischen Ozean schnitt in allen Kategorien gut ab. Allein bei der Anzahl der Frauen in der Politik machten die Inseln eine schlechte Figur: Nur drei Prozent der Parlamentarier sind Frauen. Doch haben 35 Prozent erwachsener Komorerinnen Arbeit, und sexuelle Gewalt wird streng geahndet: Die Hälfte aller Insassen des Gefängnisses von Moroni sitzt wegen Sexualstraftaten hinter Gittern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, 63 Prozent ägyptischer Frauen könnten nicht lesen und schreiben. Tatsächlich sind es 37 Prozent. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.