Zwei Jahre Bürgerkrieg in Syrien: Assad hat Hälfte seiner Truppen verloren

Immer weniger Soldaten: Assads Truppe schwindet Fotos
REUTERS

Die Schlagkraft von Syriens Diktator Assad schwindet. Nach zwei Jahren Bürgerkrieg steht ihm laut einer neuen Studie nur noch die Hälfte seiner Streitkräfte zur Verfügung - der Rest der Soldaten ist gefallen oder desertiert. Weitere Staaten erwägen nun Waffenhilfe für die Rebellen.

London/Damaskus - 24 Monate wütet der bewaffnete Konflikt in Syrien nun bereits. Die Zivilbevölkerung leidet immens und auch die Einheiten von Diktator Baschar al-Assad haben die vergangenen zwei Jahre erheblich gezeichnet. Von einer geschätzten Truppenstärke von einst 220.000 Mann habe dem Staatschef im Herbst 2012 nur noch die Hälfte zur Verfügung gestanden, heißt es in einem aktuellen Bericht des Londoner Instituts für Strategische Studien (IISS).

"Die Summe der Effekte von Überlaufen, Fahnenflucht, Verlusten auf dem Schlachtfeld und moralischer Unterwanderung wird ein großes Gewicht für den Ausgang des Konflikts haben", heißt es in der Studie mit dem Titel "Das militärische Gleichgewicht". Diese wurde am Donnerstag in London veröffentlicht.

Doch auch die Zahl von rund 100.000 Mann sei nur unter Vorbehalt gültig. Auch unter diesen Assad-Anhängern gebe es immer wieder Überläufer und Verweigerer. Absolut verlassen könne sich der Präsident nur noch auf etwa vier Sondereinheiten mit insgesamt 50.000 Mann Truppenstärke.

"Sie sind uneins und unkoordiniert"

Der Bericht zeichnet zudem ein Bild von der "nahen Zukunft" des Bürgerkriegslands: Dann sei auch die Belieferung der Aufständischen mit kampftauglicher Ausrüstung möglich. Die Rebellen seien jetzt bereits in der Lage, aus ausländischen Quellen in begrenztem Umfang Ausrüstung zu erwerben.

Das Assad-Regime sei sich durchaus darüber im Klaren, dass es eine große Zahl von Rebellengruppen gebe, die die Führung beseitigen wollen. Das Regime wisse aber auch, dass die Gruppen darüber hinaus nicht viel verbinde. "Sie sind uneins und unkoordiniert." Es gebe auch Beispiele für Gewalt unter den Rebellengruppen.

Assad wisse ebenso, dass eine militärische Intervention von außen unwahrscheinlich sei, solange nicht - etwa durch dem Einsatz chemischer Waffen - rote Linien überschritten würden. Dies hatten die USA bereits mehrmals angemahnt.

Frankreich erwägt Aufhebung des Embargos

Im Ausland wächst die Bereitschaft, die Assad-Gegner direkt zu unterstützen. Nach Großbritannien dringt auch Frankreich auf eine rasche Aufhebung des EU-Embargos gegen Syrien, um Waffenlieferungen an die Rebellen generell zu ermöglichen. "Wir müssen uns sehr beeilen", sagte der französische Außenminister Laurent Fabius am Donnerstag in einem Rundfunk-Interview. Er sprach sich für ein Dringlichkeitstreffen der EU dazu aus, das möglichst noch in diesem Monat stattfinden solle. Turnusgemäß würden die EU-Staaten erst am 31. Mai über eine Verlängerung des Waffenembargos entscheiden.

Großbritannien hatte zuletzt Waffenlieferungen an die syrischen Rebellen nicht mehr ausgeschlossen. Fabius äußerte sich etwas zurückhaltender. Auf die Frage, ob er für die Ausrüstung der syrischen Opposition mit Waffen sei, sagte der Minister lediglich, Frankreich sei ein souveräner Staat. Gemeinsam mit Großbritannien werde man sich für eine Aufhebung des Embargos starkmachen. Frankreich und Großbritannien setzten darauf, dass die syrische Führung einlenkt und sich zu Gesprächen über einen Machtwechsel einlässt, sobald sie sich einer stärker bewaffneten Opposition gegenüber sieht.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle gab zu Bedenken, dass die EU erst vor zwei Wochen ihre Sanktionen gegen Syrien angepasst habe. "Wenn wichtige Partner in der Europäischen Union jetzt eine andere Lage sehen, die aus ihrer Sicht abermals eine Veränderung der Sanktionsbeschlüsse nötig macht, sind wir selbstverständlich bereit, darüber umgehend in der EU zu diskutieren", fügte er hinzu.

Was kommt nach Assad?

Bisher sind in dem Konflikt mehr als 70.000 Menschen gestorben. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat in einem aktuellen Bericht beiden Seiten massive Kriegsverbrechen vorgeworfen. Immer öfter gerieten auch Kinder zwischen die Fronten.

Schon jetzt warnen die IISS-Beobachter vor einer ähnlichen Situation wie in Libyen. Dort hatte der Westen eingegriffen und den Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi beschleunigt. Nun, so die Studie, gebe es in dem nordafrikanischen Land jedoch noch immer Rebellengruppen, die ihre Waffen nicht ablegten.

Ein Sturz Assads hätte zwangsläufig Machtkämpfe zur Folge. In dieser Zeit könnten Rebellengruppen rasch an Einfluss gewinnen, so das Papier aus London. Es gebe ein "erhebliches Risiko, dass ein abruptes Ende des Assad-Regimes einen erheblichen Konflikt nach sich ziehen könnte".

jok/dpa/Reuters

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insgesamt 257 Beiträge
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1. .
Christ 32 14.03.2013
ich möchte nicht wissen wie hoch die Verluste unter den Rebellen ( umgangssprachlich bewaffnete Zivilbevölkerung) sind.
2.
david_2010 14.03.2013
Die sogenannten Rebellen sind Islamisten & Terroristen. Was für einen streng begrenzten Horizont haben jene Politiker eigentlich, die blindlings ihren Helferkomplex ausleben, ohne dabei auch nur mal kurz zu hinterfragen, wem sie da eigentlich helfen. Ich bin bestimmt kein Assad-Freund, aber das heißt nicht, dass die Gegenseite besser ist. Im Gegenteil !
3. Geduld !
bicho 14.03.2013
Nun müssen die westlichen Demokratien und Staatenbunde nur noch darauf warten dass die zweite Hälfte fällt oder überláuft....ist doch eigentlich ganz einfach.
4. Iiss?
Werner655 14.03.2013
Wieder einmal Agenturmeldung zu einem ungesicherten Artikel über Syrien. Die IISS ist eine dieser Denkfabrik genannten Kraken deren Staff und Thematik weltweit Einfluss nehmen will. Thinktanks hat man früher mal als geheimdienstliche Organisationen bezeichnet. Im Staff zum Nahen Osten sitzen/wirken an vorderster Front auch Damen und Herren aus Bahrain. Keine weiteren Fragen also...
5.
gr89 14.03.2013
heißt es in einem Bericht des Londoner Instituts für Strategische Studien (IISS). damit ist auch alles gesagt!
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