Von Björn Hengst
Hamburg/Teheran - Der iranische Demonstrant, der an diesem Dienstag auf das Eingangstor der britischen Botschaft in Teheran geklettert ist, hält das Bild von Großbritanniens Königin Elizabeth II. wie eine Trophäe in seinen Händen. Dann greift ein Mann neben ihm nach dem Bilderrahmen und zertrümmert ihn. Andere packen die Satellitenschüssel, die auf der Mauer der britischen Vertretung installiert ist und schleudern sie zu Boden. Demonstranten werfen Steine in Fensterscheiben. Auf der Botschaftsmauer lässt einer plötzlich die iranische Fahne anstelle des britischen Union Jack wehen.
Es sind verstörende und beunruhigende Bilder, die der staatliche iranische Fernsehsender Press TV am Dienstagnachmittag sendete - und sie zeigen, wie der Atomkonflikt zwischen Teheran und dem Westen eskaliert. Ihren Botschaftssturm wollten die Angreifer als Protest gegen die jüngsten Sanktionen verstanden wissen.
Zusammen mit den USA und Kanada hatte Großbritannien am 14. November die Strafmaßnahmen gegen Iran verschärft. Die britischen Sanktionen betreffen unter anderem den gesamten Finanzsektor Irans, alle Verbindungen zu iranischen Banken wurden gekappt. Die Sanktionen sind eine Reaktion des Westens auf einen alarmierenden Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Die Atomwächter waren zu dem Ergebnis gekommen, dass es "glaubwürdige Hinweise" für eine militärische Dimension des iranischen Atomprogrammsgebe. Teheran weist die Vorwürfe zurück und betont stets, sein Atomprogramm ausschließlich für zivile Zwecke zu nutzen.
Und dann dieser Dienstag: Hunderte aufgebrachte Studenten hatten sich zunächst vor der britischen Botschaft versammelt, skandierten "Tod für England" - und fühlten sich offenbar durch eine Entscheidung des iranischen Parlaments am Sonntag ermutigt: Demnach sollen der britische Botschafter aus Teheran abgezogen und die diplomatischen Beziehungen der beiden Länder auf die Ebene der Geschäftsträger reduziert werden. Auch der Wächterrat hat dem Gesetzentwurf bereits zugestimmt. Jetzt steht noch die Entscheidung von Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad aus.
Aus der Menschenmenge heraus kam dann die Attacke auf die Botschaft: Dutzende Demonstranten stürmten das Gelände der diplomatischen Vertretung, manche von ihnen drangen offenbar auch in das Gebäude ein. Auf den Bildern des iranischen Fernsehens ist zu sehen, wie sie Dokumente in die Luft schleudern und zerreißen. Der Nachrichtenagentur AFP zufolge verwüsteten sie mehrere Büros.
Unklar ist, ob der Mob auch Geiseln in seine Gewalt brachte. Die halbamtliche iranische Nachrichtenagentur Mehr News hatte zunächst von einer Geiselnahme berichtet - die Meldung später aber ohne Erklärung von ihrer Internetseite entfernt. Wiederum später meldete die iranische Nachrichtenagentur Fars, Polizisten hätten sechs Geiseln befreit. Aus der britischen Regierung hieß es am Abend dagegen, es seien keine Geiseln genommen worden.
"Wenn es dort Geiseln gab, haben sie sich in Lebensgefahr befunden", sagt Omid Nouripour, Iran-Experte und Bundestagsabgeordneter der Grünen, SPIEGEL ONLINE. Er habe Anrufe aus Teheran erhalten, dass unter den Angreifern bekannte und gewaltbereite Männer waren, die auch im Sommer 2009 brutal gegen friedliche Demonstranten vorgegangen waren. Bei der Grünen Revolution hatte es damals tagelange Massenproteste der Opposition gegen die umstrittene Wiederwahl von Präsident Ahmadinedschad gegeben. Die iranische Führung ließ die Proteste damals niederschlagen, mehr als 30 Menschen starben auf den Straßen.
Die jetzige Eskalation habe sich bereits in der vergangenen Woche angekündigt, so Nouripour: Im iranischen Parlament haben demnach Abgeordnete gefordert, dass man gegen die britische Botschaft vorgehen müsse. Als Vorbild nannten sie die Aktion vom 4. November 1979.
Jener Tag ist dafür mitverantwortlich, dass das Verhältnis zwischen den USA und Iran bis heute nachhaltig gestört ist. Damals hatten Anhänger der Islamischen Revolution die US-Botschaft in Teheran gestürmt und 66 US-Bürger in ihre Gewalt gebracht, 14 von ihnen ließen die Geiselnehmer später frei. Irans Regime duldete die Geiselnahme. Der damalige iranische Staatssekretär Sadigh Tabatabai erklärte damals in der ARD, dass es sich bei der US-Botschaft um "ein Spionagezentrum" handle.
Am 24. April 1980 ordnete US-Präsident Jimmy Carter eine Befreiungsaktion an. Sie wurde zu einem Desaster: Zwei US-Hubschrauber stießen zusammen, als sie in der iranischen Wüste aufgetankt werden sollten, acht Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Die Geiseln mussten damals weiter auf ihre Freilassung warten: Am 20. Januar 1981 ließ Iran die US-Bürger frei - nach 444 Tagen Geiselhaft.
Offenbar auch deutsche Schule beschädigt
Die Reaktionen auf den Sturm auf die britische Botschaft an diesem Dienstag folgten prompt. "Wir sind entsetzt darüber", heißt es in einem ersten Statement des britischen Außenministeriums. "Es ist absolut inakzeptabel, und wir verurteilen das." Die Führung in Teheran sei nach internationalem Recht verpflichtet, Diplomaten und Botschaften in ihrem Land zu schützen. Großbritanniens Außenminister William Hague drohte Iran mit "ernsthaften Konsequenzen". "Wir geben der iranischen Regierung die Verantwortung dafür, dass sie es nicht geschafft hat, adäquate Maßnahmen zum Schutz unserer Botschaft zu ergreifen, zu denen sie verpflichtet ist."
Auch die Regierungen in Berlin, Paris, Washington und Rom verurteilten die Erstürmung der britischen Botschaft. Iran müsse seiner "Schutzpflicht ohne Wenn und Aber nachkommen", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Durch die Erstürmung des Geländes im Teheraner Stadtteil Golhak wurde nach Aussage der Bundesregierung offenbar auch die deutsche Schule in der iranischen Hauptstadt in Mitleidenschaft gezogen, die sich ebenfalls in diesem Viertel befindet. "Wir werden diesen Vorgang umgehend mit der iranischen Regierung aufnehmen", hieß es.
Italiens Außenminister Giulio Terzi bezeichnete den Angriff als schwerwiegenden und nicht hinnehmbaren Vorgang. Er erwarte, "dass die iranischen Behörden schnellstmöglich die Kontrolle der Lage wieder übernehmen".
Auffällig war bei dem Botschaftssturm: Iranische Sicherheitskräfte schritten zunächst nicht ein - handelte es sich also um eine bewusst vom Regime orchestrierte Aktion gegen Großbritannien? Dass die Polizei zunächst tatenlos blieb, legen Fernsehbilder nahe, die der iranische Sender Press TV verbreitete. Darauf sind zwar etliche Sicherheitskräfte zu sehen, sie lassen die Demonstranten, die auf die Mauern und das Eingangstor der Botschaft klettern, aber offenbar gewähren.
Erst am späten Nachmittag gab es erste Meldungen, wonach es zu Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und der Polizei gekommen sei. Wenig später hieß es, die Demonstranten hätten die Botschaft ein zweites Mal gestürmt. Das iranische Außenministerium ließ der Nachrichtenagentur Reuters zufolge die Erklärung verbreiten, dass es den Sturm auf die britische Botschaft bedauere und entschlossen sei, die Sicherheit der britischen Botschaftsangehörigen zu garantieren.
Mit Material von Reuters, dpa und AFP
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