Washington - Sturm "Sandy" droht den Kampf zwischen US-Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney um unentschlossene Wähler zu überschatten - ausgerechnet in heiß umkämpften Bundesstaaten wie Virginia, North Carolina oder New Hampshire.
Obama sagte am Wochenende zwei wichtige Kundgebungen Anfang der Woche in den Bundesstaaten Virginia und Colorado ab, um von Washington aus die Vorkehrungen für das Eintreffens des Sturms an der Ostküste zu verfolgen. Auch Mitt Romney sagte am Samstag eine Veranstaltung in Virginia Beach ab, wo der Notstand herrschte.
Der Bundesstaat an der Atlantikküste, in dem der Republikaner in Umfragen praktisch gleichauf mit dem Präsidenten liegt, sollte noch am Wochenende von ersten Ausläufern des "Frankenstorms" - den Namen verpassten die US-Medien dem Sturm in Anspielung auf das Frankenstein-Monster - getroffen werden. Romneys Sprecher Rick Gorka erklärte, die Absage sei eine "Vorsichtsmaßnahme". Die Behörden des Bundesstaats sollten sich voll auf das Unwetter konzentrieren können. Obamas Frau Michelle sowie Vizepräsident Joe Biden bliesen wegen der drohenden Sturmgefahr ebenfalls Wahlkampfauftritte ab.
Für Obama und Romney sind die Absagen ihrer Auftritte schmerzlich: Die betroffenen Staaten gelten wegen ihrer hohen Anzahl an Wechselwählern als besonders wichtig für die Wahl. Die Wahlkampfteams beider Kandidaten sowie politische Interessengruppen haben dem TV-Sender NBC zufolge in dem von dem Sturm bedrohten Staat Virginia seit März 144 Million Dollar in Wahlspots bei Lokalsendern gesteckt - alleine 27 Millionen in den vergangenen beiden Wochen. Allerdings vermeiden beide Politiker mit ihren Absagen auch der Kritik, dass sie ihrer Wahl eine höhere Bedeutung zukommen lassen als dem Schutz der Bevölkerung vor dem Sturm.
Sturm "Sandy" forderte fast 60 Tote in der Karibik
Besonders große Auswirkungen dürfte das Unwetter in den betroffenen Gebieten auf die frühzeitige Stimmabgabe haben. Das "early voting" ist in vielen US-Staaten möglich, nach Schätzungen von Experten der George-Mason-Universität wählten bereits mehr als elf Millionen Menschen. Obama und Romney drängen ihre Anhänger dazu, bereits vor dem Wahltag am 6. November an die Urnen zu treten, damit sie ihre Stimme auf jeden Fall abgeben. Der Fernsehsender CNN berichtete, dass in North Carolina Wahllokale in Küstennähe aus Sicherheitsgründen geschlossen worden seien. Die befürchteten tagelangen sturmbedingten Stromausfälle hätten außerdem zur Folge, dass die Wahlkämpfer ihre Zielgruppen teils nicht mehr per Fernsehen erreichen könnten.
Außerdem droht das herannahende schwere Unwetter die politischen Botschaften der beiden Kandidaten aus den Schlagzeilen zu verdrängen. Wetterexperten von CNN schätzen, dass der Sturm Schäden in Höhe von 3,2 Milliarden Dollar verursachen könnte.
Nach dem desaströsen Zug durch die Karibik mit fast 60 Toten wird "Sandy" am Montag an der Ostküste erwartet. Es könnte einer der schwersten Stürme in der Region seit Jahrzehnten und zu einer massiven Bedrohung auch für Metropolen wie New York und Washington werden. Die Behörden forderten die Bevölkerung auf, sich mit Lebensmittelvorräten, Trinkwasser und Batterien einzudecken. Für die Bewohner Washingtons und mehrerer Bundesstaaten, darunter New York und Maryland, riefen die Behörden bis zum Samstag den Notstand aus.
"New York Times" spricht sich für Obamas Wiederwahl aus
Beobachtern zufolge zeichnet sich bei den Wahlen zwischen Obama und Romney ein knapper Ausgang ab. Laut einer neuen Umfrage des Senders CNN aber liegt Obama im besonders umkämpften Bundesstaat Ohio in der Wählergunst vorne: 50 Prozent der Befragten würden für den demokratischen Amtsinhaber stimmen und 46 Prozent für seinen republikanischen Herausforderer Romney. Anderthalb Wochen vor der Wahl sei der Vorsprung allerdings so knapp, dass eine sichere Voraussage nicht möglich sei, erklärte der Sender am Samstag.
Der Bundesstaat Ohio hat beim Rennen um die Präsidentschaft hohen Symbolwert. Wer hier gewinnt, hat den Wahlsieg praktisch in der Tasche. Noch niemals in der Geschichte der USA zog ein Republikaner ins Weiße Haus ein, ohne Ohio für sich gewonnen zu haben. Der letzte demokratische Kandidat, der es ohne Ohio ins Präsidentenamt schaffte, war John F. Kennedy vor mehr als 50 Jahren. Im Romney-Lager hieß es am Freitag: "Wenn wir Ohio nicht gewinnen, ist es hart, auf nationaler Ebene zu gewinnen."
Unterstützung bei seinem Kampf um die Wiederwahl bekam Obama von der Zeitung "New York Times", die sich für seine Wiederwahl aussprach. Das Blatt begründete die Entscheidung unter anderem mit der von dem Demokraten durchgesetzten Gesundheitsreform. Zudem sei es Obama hoch anzurechnen, dass er die USA vor einer tiefgreifenden Rezession bewahrt und den Krieg im Irak beendet habe. Dagegen sprach sich die Zeitung "Des Moines Register" im umkämpften Bundesstaat Iowa für Romney aus.
anr/dpa/AFP/Reuters
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