Talk zu Frauenrechten Warum man im Sudan über die Deutsche Welle schimpft

Die Deutsche-Welle-Sendung "Shababtalk" sorgt für Aufregung im Sudan: Eine junge Frau und ein Islamgelehrter lieferten sich ein heftiges Wortgefecht. Nun drohen Extremisten dem Moderator und dem Sender.

Deutsche Welle

Von , Charlotte Schönberger und Sofie Czilwik


"Was will die sudanesische Frau heute?": Um diese Frage ging es in der Talkshow "Shababtalk", die in der vergangenen Woche im arabischen Programm der Deutschen Welle und auf Partnersendern in Nordafrika und dem Nahen Osten ausgestrahlt wurde.

Wiam Shawky hatte auf diese Frage eine knappe und eindeutige Antwort: Sie will nicht länger von Männern unterdrückt und schikaniert werden.

"Wenn ich auf die Straße gehe und ein Mann mich wie ein Objekt behandelt und nicht wie ein menschliches Wesen, dann ist derjenige, der ihm das Recht dazu gibt, mich zu belästigen, der Kranke und nicht ich", sagte Shawky in der Sendung, die in der sudanesischen Hauptstadt Khartum aufgezeichnet wurde. "Die Kleidung, die ich trage, ist Teil meiner Menschlichkeit und meiner Wahlfreiheit - und nicht die Wahl der Gesellschaft mit ihren kranken und rückständigen Traditionen, die sie Scharia nennt."

Shawky reagierte damit auf eine Äußerung des Islamgelehrten Mohamed Osman Saleh. Er hatte zuvor in der Sendung behauptet, freizügige Kleidung sei der Hauptgrund dafür, dass Frauen im Sudan sexuell belästigt werden. Als die Talkshowteilnehmerin Azza Tajalsir von ihren Erfahrungen berichtete, machte sich Saleh über die Frau lustig. So wie sie sich kleide, sei es offensichtlich, dass sie sexuell belästigt werde, sagte der 76-Jährige und lachte. Ein Großteil des Publikums lachte mit - daraufhin stand Shawky von ihrem Platz auf den Zuschauerrängen auf und mischte sich ein. "Selbst wenn meine 65-jährige Mutter schwarzgekleidet auf der Straße unterwegs ist, wird sie belästigt", sagte Shawky.

Shawkys Auftritt wurde mehr als eine Million mal angesehen

Saleh reagierte auf ihre Intervention mit der Behauptung: "Krankheit ist einer der Gründe. Es gibt kranke Männer und Frauen. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen."

Dass der Geistliche den Eindruck erweckte, Frauen würden Männer ebenso häufig sexuell belästigen wie andersherum und dass nur psychisch Kranke daran schuld seien, brachte Shawky erst recht in Rage: "Wenn Sie Gleichheit und Gerechtigkeit fordern, dann fordern Sie Gleichheit und Gerechtigkeit bei der Miete. Fordern Sie Gleichheit und Gerechtigkeit, damit ich das Sorgerecht für meine Kinder bekommen kann. Fordern Sie Gleichheit und Gerechtigkeit, damit der Polizist auf der Straße mich nicht beleidigt, wenn ich um 2 Uhr morgens nach Hause komme und er mir sagt, dass ich eine schlechte Frau bin."

Am vergangenen Dienstag wurde die Sendung ausgestrahlt - seither sorgt Shawkys Auftritt im Sudan für große Aufregung. Der Clip mit ihren Äußerungen ist auf Facebook und YouTube insgesamt mehr als eine Million Mal angesehen worden. Viele junge Sudanesen bewundern die 28-Jährige für ihren Mut, andere werfen ihr vor, sie sei zu respektlos mit dem fast 50 Jahre älteren Islamgelehrten umgegangen.

Am Freitag machten mehrere Imame in den Moscheen "Shababtalk" zum Thema ihrer Predigten. Der bekannte Geistliche Mohammed al-Amin Ismail griff den Moderator der Talkshow, Jaafar Abdul Karim, scharf an: "Er kommt in unser Land, um den Atheismus zu verbreiten, die Basis unserer Religion in Frage zu stellen und Ungläubige zu unterstützen!" Der in der Talkshow kritisierte Islamgelehrte Saleh selbst sagte: "Die Kooperation mit internationalen TV-Stationen, die gegen uns sind, ist gefährlicher, als Waffen zu tragen!"

Warnung der US-Botschaft

Seit dem Wochenende häufen sich die Gewaltdrohungen gegen Abdul Karim und den sudanesischen Partnersender der Deutschen Welle, Sudania 24. Islamische Würdenträger fordern die Schließung des TV-Senders oder wenigstens die Aufkündigung der Kooperation mit der Deutschen Welle. Die US-Botschaft in Khartum hat ihre Landsleute davor gewarnt, sich in der Nähe der Zentrale von Sudania 24 aufzuhalten. Man fürchte "Demonstrationen, die möglicherweise gewalttätig werden können" und erwarte schwere Polizeipräsenz in der Gegend.

Nicht zum ersten Mal sorgt "Shababtalk" von Abdul Karim, mit dem SPIEGEL ONLINE im Rahmen einer Kooperation mit der Deutschen Welle regelmäßig zusammenarbeitet, in der arabischen Welt für Aufsehen:

  • Im vergangenen Jahr schilderte eine junge Jordanierin bei einer "Shababtalk"-Sendung aus Amman, wie sie sexuell belästigt wurde. Der jordanische Politiker Mahmoud al-Kharabsheh, der auch in der Talkshow saß, fühlte sich von ihr provoziert. Er stellte nicht nur ihre Geschichte in Frage, er bezweifelte sogar, dass die Frau überhaupt Jordanierin ist. "Jordanische Mädchen sind nicht so. Jordanische Mädchen rennen nicht ins Fernsehen. Bis du überhaupt Jordanierin?", brüllte er erbost. Kurz darauf verließ Kharabsheh die Sendung.

Der Gelehrte Saleh sagte, er habe nach Shawkys Gegenrede ebenfalls mit dem Gedanken gespielt, aus dem Studio zu stürmen. Nach der Sendung sagte er: "Ich wollte die Diskussion verlassen, aber dann dachte ich, das sei nicht richtig, weil man dann sagen würde, ich wolle nicht mit ihnen diskutieren."

insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Trollflüsterer 24.09.2018
1.
Herr Moderator, ich möchte ihnen raten nach D. zurück zu kehren und besser gar nicht mehr dort hinzufahren. Diese Fanatiker vergessen nicht und reagieren durchaus mit Gewalt bis hin zum Tod. Zigmal schon passiert. Diese Länder kann man nur alleine lassen, sie müssen mit ihren Verhältnissen selber klar kommen, nur so kann ein Wandel geschehen der dann auch intern akzeptiert wird. Auch wenn es noch 300 Jahre dauert. Nur bitte dieses Mittelalter nicht in D. Wir haben ewig gebraucht bis wir uns von dieser Fessel Religion halbwegs befreit haben. Ich will keine Stagnation und erst recht nicht ein Rückfall.
aurichter 24.09.2018
2. Die Einzigen
die krank sind und dies auch noch zeigen sind diese religiösen Fanatiker. Ich hoffe, dass Menschen und gerade Frauen wie diese mutige Sudanesin auch weiterhin den Mut finden, um den rückständigen Fanatikern die Stirn zu bieten. Auch hier zeigt sich wieder einmal, welchen schlechten Einfluß die Religion hat und durch fanatische Spinner auch weiterhin haben wird. Bildung und Information ist diesen Korangläubigen in der Auslegung des Inhalts nach ihrem Gusto, ein Dorn im Auge. Aber nur so lässt sich etwas ändern und der Sender sollte standhaft bleiben, somit die Frauen weiterhin unterstützen, eine Plattform bieten.
weltenbummler2015 24.09.2018
3.
>>"Wenn ich auf die Straße gehe und ein Mann mich wie ein Objekt behandelt und nicht wie ein menschliches Wesen, dann ist derjenige, der ihm das Recht dazu gibt, mich zu belästigen, der Kranke und nicht ich", sagte Shawky in der Sendung, die in der sudanesischen Hauptstadt Khartum aufgezeichnet wurde.
redwed11 24.09.2018
4.
Zitat von aurichterdie krank sind und dies auch noch zeigen sind diese religiösen Fanatiker. Ich hoffe, dass Menschen und gerade Frauen wie diese mutige Sudanesin auch weiterhin den Mut finden, um den rückständigen Fanatikern die Stirn zu bieten. Auch hier zeigt sich wieder einmal, welchen schlechten Einfluß die Religion hat und durch fanatische Spinner auch weiterhin haben wird. Bildung und Information ist diesen Korangläubigen in der Auslegung des Inhalts nach ihrem Gusto, ein Dorn im Auge. Aber nur so lässt sich etwas ändern und der Sender sollte standhaft bleiben, somit die Frauen weiterhin unterstützen, eine Plattform bieten.
Sie sollten sich mit Ihren Äußerungen zurückhalten. Auch in diesem Land wird, insbesondere von den Islamverbänden, jegliche Kritik am Islam und der Auslegung des Koran als Rassismus ausgelegt. Auf alle Fälle werden Sie als islamophob angesehen. Denn von gewissen Kreisen und nicht nur islamischen, ist Kritik am Islam ein absolutes Tabu. Denn der Islam ist ja ein Teil der neuen bunten Welt. Hier haben die Menschen Beispiele wie "bunt" der Islam wirklich ist
lälleskopp 24.09.2018
5. Die Imame habe Recht
denn die Deutsche Welle ist ein Staatssender (wirklich) und damit Teil des nur Unwahrheiten verbreitenden, linksgrün verduften Mainstreammeinungskartells. A.Gauland und B. Höcke sollten den Imamen schnell beispringen und sie in ihrem Kampf für die Wahrheit unterstützen.
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