Südafrika Hilfe für Dr. Tod

Das Apartheidregime Südafrikas wollte unbotmäßige Schwarze mit B- und C-Waffen eliminieren. Hatte der schweizerische Geheimdienst beim monströsen "Project Coast" die Finger im Spiel?

Von Jan Dirk Herbermann, Zürich


"Dr Tod": Wouter Basson beim Beginn seiner Gerichtsverhandlung am 4. Oktober 1999
DPA

"Dr Tod": Wouter Basson beim Beginn seiner Gerichtsverhandlung am 4. Oktober 1999

Zürich - Dr. Wouter Basson war ein überzeugter südafrikanischer Rassist. Er lebte mit Hingabe für sein Mordprogramm, das "Project Coast". Auftraggeber war das Regime in Pretoria. Falls die schwarze Bevölkerungsmehrheit den Aufstand wagen sollte, könne nicht lange gefackelt werden, so lautete die Parole der Apartheidpolitiker.

Basson handelte. Für eine dreistellige Millionensumme in Dollar kaufte "Dr. Tod" biologische und chemische Waffen zusammen. Milzbranderreger, Mittel, mit denen die Herzmuskulatur zum Erschlaffen kommt oder die verschiedenen Spielarten der Nervengifte Tabun und Sarin: In Bassons Gruselkammer fand sich alles, was eine Revolte unbotmäßiger Schwarzer im Keime ersticken würde. Um auch ganz sicher zu gehen, experimentierte Dr. Tod und sein Team mit Menschen - schwarzen Gegnern der weißen Diktatur. Die Leichen, so wird vermutet, überließ Basson den Haien entlang den südafrikanischen Küsten.

Die hilfreichen Eidgenossen

Heute steht der schreckliche Mediziner wegen Mord und anderer schwerer Delikte in Pretoria vor Gericht. Der Prozess wird auch in der fernen Schweiz aufmerksam verfolgt. Und sorgt in höchsten Militärkreisen für rote Köpfe. Denn, so die Einlassung Basson, der Nachrichtendienst der Eidgenossen half eifrig bei der Produktion und der Beschaffung von B- und C -Waffen nach.

Laut Aussage des ehemaligen südafrikanischen Geheimdienstgenerals Chris Thirion schlossen die ordnungsliebenden Schweizer mit dem Rassistenregime 1986 sogar ein formelles Abkommen über das gemeinsame Treiben.

Die teilweise Un-Wahrheit

Jetzt nimmt auch eine parlamentarische Kontrollkommission in Bern die Südafrika-Connection der schweizerischen Schlapphüte noch einmal genau unter die Lupe. Eine ältere Untersuchung gibt den Ermittlern nämlich Anlass zur Sorge: Die bis 1999 befragten Personen hätten vermutlich teilweise nicht die Wahrheit gesagt, muss der Chef des Prüfungskomitees, der Abgeordnete Franz Wicki, zähneknirschend einräumen. Auch Verteidigungsminister Samuel Schmid lässt die Aktenschränke und Festplatten seiner Nachrichtenbeschaffer noch einmal gründlich durchleuchten.

Lange erklärten sich die mutmaßlichen helvetischen Partner des Apartheidstaates rundweg für unschuldig. "Nach unseren heutigen Erkenntnissen hat es kein Geheimabkommen über eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der B- und C-Waffen gegeben", erklärte der Informationschef des verantwortlichen Verteidigungsministeriums, Oswald Sigg, noch Ende Oktober.

Brisante Details

Anti-Apartheid-Demo am 10. Juli 1985
AFP

Anti-Apartheid-Demo am 10. Juli 1985

Doch immer neue brisante Details, die ans Tageslicht kommen, nähren den üblen Verdacht: In das Mord-Komplott des Dr. Tod gegen Millionen schwarzer Südafrikaner waren die Eidgenossen verstrickt.

So reisten Wouter Basson und der berüchtigte Polizeigeneral Lothar Neethling im Januar 1988 in die schweizerische Kapitale. Dort trafen die Südafrikaner mit C- und B-Waffenexperten der "Gruppe Rüstung" aus dem Verteidigungsministerium zusammen. Für Dr. Tod und den General organisierten eidgenössische Militärkreise auch eine Visite im Labor der Schweizer Armee in Spiez. Doch den braven Chemikern war der Besuch wohl nicht ganz geheuer. Die Reise ins Berner Oberland fand nicht statt.

Schweizer Schreddermeister

Diese Absage konnte das herzliche Miteinander kaum trüben. "Einfach alles", was hätte getan werden müssen, um das Project Coast voranzutreiben, sei von dem früheren Chef des militärischen Nachrichtendienstes der Schweiz, Peter Regli, getan worden, versichert heute Dr. Tod bei seiner Vernehmung. Einfach alles? Jedenfalls so viel, dass Geheimdienstmann Regli Akten über Südafrika schreddern ließ.

Eine aktive Hilfe der Eidgenossen beim südafrikanischen Mordprogramm würde durchaus ins große Bild der gegenseitigen Hilfestellung passen. So organisierten die Luftwaffen der beiden Länder einen geheimen Pilotenaustausch. "In unserem beengten Territorium sind Testflüge doch kaum möglich", entschuldigt sich heute das Berner Verteidigungsministerium.

Enge Kontakte, gute Geschäfte

Südafrikas ehemaliger Staatspräsident Botha: Höchste Auszeichnung für Schweizer Waffenfabrikanten
DPA

Südafrikas ehemaliger Staatspräsident Botha: Höchste Auszeichnung für Schweizer Waffenfabrikanten

Reglis Vorgänger als Nachrichtendienstchef, Mario Petitpierre, besuchte während seiner Amtszeit in den achtziger Jahren mindestens einmal die Geheimdienstkollegen des Apartheidstaates. Schließlich sollte die Kooperation mit dem Pariastaat durch persönliche Kontakte auf höchster Ebene stabilisiert werden.

Auch machten Schweizer Banken und Unternehmen jahrelang gute Geschäfte am Kap - trotz Wirtschaftssanktionen zahlreicher Länder wie den USA. Dem schweizerischen Waffenfabrikanten Dieter Bührle verlieh der südafrikanische Staatschef Pieter Willem Botha sogar die höchste militärische Auszeichnung seines Regimes: Das "Große Kreuz Erster Klasse." Bührle, so ist in der Danksagung zu lesen, habe sich für den freien Handel mit den weißen Herren verdient gemacht, "unbeeinträchtigt von ideologischen, politischen, internationalen oder künstlichen Barrieren".



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