Sorge um Friedensnobelpreisträger: Mandelas Leiden erschüttert Südafrika

Aus Pretoria berichtet Benjamin Dürr

Südafrika bereitet sich auf den Tod von Nelson Mandela vor. Der Friedensnobelpreisträger liegt offenbar im Sterben, am Leben gehalten womöglich nur durch Maschinen. Die Familie steht vor der schweren Entscheidung: Wann darf man einen 94-Jährigen sterben lassen?

Manche hängen Genesungswünsche an den Zaun. Andere Abschiedsgedichte. "Er ist ein Kämpfer", schreiben die einen. Er ist fast 95, sagen die anderen. Am Zaun vor dem Krankenhaus in Pretoria, in dem Nelson Mandela mit dem Tod ringt, treffen jene, die noch an eine Genesung glauben, zusammen mit den Realisten.

Die Stimmung ist angespannt am 19. Tag seines Krankenhausaufenthalts. Weil niemand weiß, wie es Mandela wirklich geht, klammern sich die Menschen an die wenigen offiziellen Nachrichten, die aus dem Präsidialamt dringen, und an die kurzen Botschaften von Familienangehörigen.

Südafrikas Präsident Zuma sagte am Mittwochabend noch eine Auslandsreise nach Mosambik ab, weil Mandelas Zustand sich verschlechtert habe - und ließ am Donnerstagnachmittag verkünden, er sei "stabil". Mandelas Tochter Makaziwe Mandela sagt: "Von einem Augenblick zum nächsten kann alles passieren." Seine Enkelin erzählt, er öffne noch die Augen.

Der nahende Tod von Nelson Mandela, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten Südafrikas, versetzt ein ganzes Land in Aufruhr. Besonders seine engsten Angehörigen werden durch die Situation in eine ethisch schwierige Lage gedrängt: Wie viele medizinische Eingriffe sind bei einem 94-jährigen Mann noch richtig? Und darf bei der Entscheidung eine Rolle spielen, dass dieser Mann eine der wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts ist?

Nelson Mandela wurde 1994 zum Präsidenten gewählt, nachdem er 27 Jahre in Haft saß. Er hatte gegen das rassistische Apartheidssystem gekämpft und sich sein Leben lang für Gleichheit und Freiheit eingesetzt. Deshalb wird er weltweit als Vorbild verehrt.

Mit Mandela stirbt nicht nur der Vater einer Nation

Hinter dem Helden steckt aber noch eine zweite Person, die in der Öffentlichkeit der vergangenen Wochen untergegangen zu sein scheint: Mandela ist auch Vater, Großvater und Ehemann. Mit Mandela stirbt deshalb nicht nur der Vater einer Nation, sondern auch der von sechs Kindern.

Sie haben mit seiner Frau Graca das letzte Wort über die Behandlung. Die Zeitung "The Citizen" berichtete am Mittwoch, Nelson Mandela werde beatmet. Die Ärzte hätten bereits angeboten, die Maschinen abzustellen. Wohl keine Familie tut sich mit einer solchen Entscheidung leicht - der Unterschied bei den Mandelas ist, dass es um eine global geachtete Persönlichkeit geht und die Welt beim Sterben und Sterbenlassen zuschaut.

Eine seiner Töchter, Makaziwe Mandela, sagte diese Woche im Interview mit CNN, man werde "Madiba", wie ihn die Südafrikaner liebe- und respektvoll nennen, nicht sterben lassen. "In unserer Kultur, der Tembu-Kultur, lässt man eine Person nicht einfach gehen, außer diese Person hat ausdrücklich gesagt: Lasst mich gehen." Ihr Vater habe das nicht gesagt.

Die Familie kämpft an weiteren Fronten

Wie zerrissen die Familie aber offenbar ist und unter welcher Anspannung sie in dieser Frage steht, zeigt ein anderer Vorfall diese Woche, den südafrikanische Zeitungen beschrieben: Nachdem sich Nelson Mandelas Zustand am Sonntag stark verschlechtert hatte, wurde ein Familientreffen in seinem Heimatort Qunu einberufen. Dabei soll es zum Streit zwischen den Familienmitgliedern gekommen sein, und ein Enkel habe das Treffen vorzeitig verlassen. Die Angehörigen waren sich offenbar nicht einig, wo Mandela beerdigt werden soll. Erst vor ein paar Wochen hatte es Streit zwischen Angehörigen und Freunden der Familie um das Erbe des Anti-Apartheid-kämpfers gegeben.

Die Familie kämpft allerdings nicht nur mit sich selbst, sondern gleich an zwei weiteren Fronten: gegen die Medien - und gegen Südafrikas Präsident Jacob Zuma. In den vergangen Tagen haben sich die Fronten verhärtet. Vor dem Krankenhaus in Pretoria reihen sich über mehrere hundert Meter die Zelte und Wohnwagen von Fernsehteams aus aller Welt.

Journalisten kämpfen um Details und Zitate und schreiben, Mandelas Lungen- und Nierenfunktionen seien nur noch bei 50 Prozent. Solche Berichte, sagte Tochter Makaziwe nun, würden Grenzen überschreiten. Sie würden in das Privatleben eindringen und das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Ärzten stören.

Hunderte Menschen strömen zum Krankenhaus

Hinzu kommt: Jacob Zuma, Vorsitzender der Mandela-Partei Afrikanischer Nationalkongress (ANC) und Südafrikas Präsident, nutzt "Madiba" gerne für eigene Zwecke. Denn im kommenden Jahr wird in Südafrika gewählt. Diesen Zusammenhang jedenfalls sehen Teile von Familie und Öffentlichkeit.

Im April besuchte Zuma Mandela noch zu Hause, das Fernsehen berichtete in den Hauptnachrichten. Südafrika sah einen grinsenden Jacob Zuma, der einem müden und apathisch wirkenden Mandela die Hand tätschelt. Als Mandela Anfang Juni ins Krankenhaus eingeliefert wurde, erklärte die Familie erst, niemand - auch nicht Präsident Zuma - dürfe ans Krankenbett. Am Donnerstag wurde der Clinch in der Wortwahl deutlich: Zuma erklärte, Mandela sei stabil. Seine Angehörigen sagten, "er sehe nicht gut aus".

Die Menschen in Südafrika stehen bei diesen Streitereien beschämt am Rand. Mehrere hundert sind am Donnerstag zum Krankenhaus in Pretoria geströmt. Sie hängen Plakate an den Zaun und legen Blumen nieder. Manche beten, manche singen, manche schließen die Augen. Und manche wollen über Nacht bleiben - bis zum nächsten Tag.

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1.
enni3 27.06.2013
Zitat von sysopSüdafrika bereitet sich auf den Tod von Nelson Mandela vor. Der Friedensnobelpreisträger liegt offenbar im Sterben, am Leben gehalten womöglich nur durch Maschinen. Die Familie steht vor der schweren Entscheidung: Wann darf man einen 94-Jährigen sterben lassen? Südafrika: Nelson Mandela ringt mit dem Tod - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/suedafrika-nelson-mandela-ringt-mit-dem-tod-a-908255.html)
Manchmal mag Demenz eine Gabe sein. Ich hoffe, dass Herr Mandela nicht mehr bewusst miterlebt, wie seine Ideen von Leuten wie Zuma mit Füßen getreten werden. Wenn es eines Beweises bedarf, wie gleich alle Menschen sind, dann haben wir den hier. Die aktuelle Führung der ANC ist inzwischen genauso machttrunken, korrupt und heuchlerisch wie es die weiße Herrscherclique vorher war, wie es die Herrschercliquen überall auf der Welt sind. Lasst einen der grßten Männer des letzten Jahrhunderts in Frieden gehen oder leben, sofern sein Geist und Körper noch willig sind. Missbraucht ihn aber nicht für Propaganda und Medienhascherei.
2. Titellos
UnitedEurope 27.06.2013
Zitat von sysop...war der Mandela nicht.Man denke nur an die Verbrechen die seine Frau, in seinem Namen, mit ihren Gefolgsleuten durchgeführt hat. Er wird genauso überbewertet wie all die anderen politischen Friedensnobelpreisträger. PS: Das Ende der Apartheid haben letztendlich die weißen Wählerinnen und Wähler Südafrikas durchgesetzt.
Bei Mutter Theresa mögen Sie Recht haben, bei Mandela oder Gandhi (der zwar nie den Friedensnobelpreis bekommen hat, aber ihn verdient hätte) muss man jedoch differenzieren. Zumal, was kann der Mandela für die Taten seiner Frau? Der Mann ist bald 95, es mag nicht alles perfekt gewesen sein, aber das ist auch eine kindliche Vorstellung von einem Menschen oder menschlien Helden. Perfekt sind nur Comichelden oder Disney Figuren. Seine Leistung, niemals aufzugeben und sich nicht von seinem ehren Ziel abzuhalten, und das alles ohne Bürgerkrieg, das ist eine Leistung, die für ewig bleiben wird.
3. Wer ohne Schuld ist ...
monolithos 27.06.2013
... werfe den ersten Stein, liebe Mitforisten! Mandela ist im Moment in erster Linie ein alter Mann, dem ich wünsche, dass er in Würde gehen darf. Was sein Leben davor angeht, so denke ich, er hat vielleicht nicht alles richtig gemacht, aber mehr, als er falsch gemacht hat. Wer von uns hat immer alles richtig gemacht? Niemand! Also, fasst Euch an Eure eigene Nase und geht respektvoll mit seinem Lebenswerk um, das nicht wegzudiskutieren ist und nicht dadurch geschmälert wird, dass der jetzige Präsident auch nicht alles richtig macht! Dieser ist ein anderer Mensch. Dass dessen Pigmentierunggrad in der Haut ähnlich dem Mandelas ist, ist weder Mandelas Verdienst noch seine Schuld. Das Ende der Apartheit war auch nicht der Verdienst allein der Weißen, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Rassentrennung hat Unmengen Geld verschlungen, das auszugeben irgendwann niemand mehr bereit war. Das ist kein schöner Grund, aber immerhin waren sich zum Schluss (fast) alle einig, dass dieses System nicht länger zu verantworten ist. Auch wegen des Engagements Mandelas. Aber auch nicht nur. Ich persönlich kann nur hoffen, dass in Südafrika und im Rest der Welt die Hautfarbe der Menschen nicht mehr wahrgenommen wird. Schließlich bedeutet das Ende der Apartheit ja auch nicht, dass nur noch Menschen Präsidenten Südafrikas werden dürfen, deren Melaningehalt in der Haut irgendeinen Grenzwert überschreitet.
4. Ein großer Mensch
Eschenbürger 27.06.2013
Zitat von sysopSo lupenrein war der Mandela nicht.Man denke nur an die Verbrechen, die seine Frau, in seinem Namen, mit ihren Gefolgsleuten durchgeführt hat.
Wieso "in seinem Namen"? Nelson Mandela hat meines Wissens "Gewalt gegen Personen" immer heftig abgelehnt. Er hat jedoch durchaus "Gewalt gegen Sachen" (sprich: Anschläge) durchgeführt - und dies in seiner berühmten Verteidigungsrede vor Gericht eindrucksvoll begründet: Nämlich als allerletztes Mittel, um die "Gewalt gegen (schwarze) Personen zu beenden". Und dennoch galt Nelson Mandela in den 70er / 80er Jahren bei vielen, auch deutschen, Politikern als "Terrorist". Ob sich von denen jemand in der Zwischenzeit mal geschämt hat? Nelson Mandela ist einer der wenigen Personen, die den Friedensnobelpreis wirklich verdient haben.
5. Einfach nur erbärmlich,
PeerVanDijck 27.06.2013
was manche Mitforisten hier zum Besten geben. Nelson Mandela, für fast drei Jahrzehnte zu Unrecht eingekerkert, ist schlicht und einfach einer der größten Staatsmänner, die jemals auf diesem Planeten gewandelt sind. Anstatt hier dummer Sprüche über Winnie Mandela zu reißen, sollten Sie alle lieber einmal über die Lebensleistung dieser großartigen Persönlichkeit nachdenken. Ohne ihn wären Schwarze heute womöglich noch "Neger" und Südafrika ein "einrassiger" Staat. Zeigt doch bitte ein wenig Respekt!
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Fläche: 1.219.000 km²

Bevölkerung: 50,492 Mio.

Hauptstadt: Pretoria

Staats- und Regierungschef: Jacob Zuma

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