ANC-Niederlage in Südafrika Das Unvorstellbare ist eingetreten

Erstmals seit dem Ende der Apartheid haben Millionen von schwarzen Wählern dem ANC ihre Stimme verweigert. Die einstmals stolze Organisation Mandelas ist von Machtgier und Korruption zerfressen.

Jacob Zuma, Präsident von Südafrika und Chef des ANC
AFP

Jacob Zuma, Präsident von Südafrika und Chef des ANC

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Eigentlich hat der African National Congress (ANC) bei den Kommunalwahlen am vergangenen Mittwoch ein tolles Ergebnis erzielt: Landesweit gewann die Regierungspartei 56 Prozent der Stimmen. Von solchen Werten können deutsche Volksparteien nur träumen.

Für den ANC allerdings ist der Wahlausgang ein Debakel: Zum ersten Mal seit dem Ende der Apartheid musste die scheinbar allmächtige Partei eine krachende Niederlage hinnehmen. Sie hat in fast allen Großstädten Südafrikas die Mehrheit verloren: in der Wirtschaftsmetropole Johannesburg, in der Hauptstadt Pretoria, in Port Elizabeth, dem Zentrum der Automobilindustrie.

Das Unvorstellbare ist eingetreten: Erstmals wandten sich Millionen von schwarzen Wählern von der ruhmreichen Befreiungsbewegung Nelson Mandelas ab und stimmten für die Opposition. Millionen haben das Vertrauen in die korrupte und inkompetente ANC-Regierung verloren. Massenarbeitslosigkeit, Armut, wachsende Kriminalität, Bildungskatastrophe - noch nie seit der Wende vor 20 Jahren stand das Land so schlecht da.

Und an der Spitze steht ein zwielichtiger Mann, der nur noch durch Skandale von sich reden macht: Staats- und Parteichef Jacob Zuma. Zuletzt befand das Verfassungsgericht, dass der Präsident beim Ausbau seines Luxusanwesens in Nkandla Steuergelder in Millionenhöhe veruntreut hat.

Die gierige Machtelite in Person

Das Resultat der Kommunalwahl war auch ein Misstrauensvotum gegen Zuma, der in den letzten sieben Jahren Südafrika in einem beispiellosen Tempo heruntergewirtschaftet hat. Er verkörpert wie kein anderer Politiker eine gierige Machtelite, die den Staat plündert und vergessen hat, wofür sie einst kämpfte.

Dafür hat der ANC nun die Quittung bekommen. Vor allem die neue schwarze Mittelschicht in den Städten wählt ihn nicht mehr, aber auch viele junge, arbeitslose Südafrikaner, die sich um die Zukunft betrogen fühlen. Nur in den rückständigen ländlichen Regionen, wo die Menschen schlecht informiert sind, kann der ANC noch vom Bonus einer Befreiungsbewegung zehren. Aber auch dort schwindet von Wahl zu Wahl die Zustimmung.

Immerhin: Die Abstimmung war frei und fair - und sie verlief friedlich. Das ist in diesem gewaltgeplagten Land keine Selbstverständlichkeit.

Es war zwar nur eine Kommunalwahl, aber sie hat die politische Gemengelage in der Kap-Republik durcheinander gewirbelt. Denn die Ergebnisse zeigen: Der ANC ist nicht unbesiegbar. In den Metropolen sind die Einbrüche so enorm, dass die Genossen nicht mehr allein regieren können; sie müssen Koalitionen eingehen oder die Oppositionsbank drücken. Und Präsident Zuma ist schwer angeschlagen. Nicht auszuschließen, dass er beim nächsten ANC-Parteitag gestürzt wird, um noch mehr Schaden von der Partei und vom Land abzuwenden.

Der große Sieger dieser Wahl ist die liberale Democratic Alliance, die unter der Führung des smarten schwarzen Politikers Mmusi Maimane auch für Schwarze wählbar geworden ist. Ausgerechnet in der industriellen Region um die Großstadt Port Elizabeth, die den Namen des Nationalhelden Mandela trägt, bereitete sie der Regierungspartei eine verheerende Niederlage: In Nelson Mandela Bay stimmten 46,7 Prozent für die DA, während der ANC auf 40,9 Prozent schrumpfte.

Dieser Triumph markiert eine historische Wende. Port Elizabeth war einst eine Hochburg im Kampf gegen das weiße Apartheidregime. Nun tritt ein, was vor Kurzem noch undenkbar war: Ein weißer Bürgermeister wird künftig wieder die Hafenstadt am Indischen Ozean regieren.



insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 05.08.2016
1. Wenn et bedde sich lohne däät...
Südafrika ist die Schlüsselnation zur Überwindung der afrikanischen Krankheit. Es wäre eine Katastrophe für die Welt, wenn Mandelas Traum und Vermächtnis sich in Korruption und Kleptokratie auflöste.
global player 05.08.2016
2. 'Unter der Apartheid ging es uns besser'
---Zitat--- Nun tritt ein, was vor kurzem noch undenkbar war: Ein weißer Bürgermeister wird künftig wieder die Hafenstadt am Indischen Ozean regieren. ---Zitatende--- Das war zu erwarten. Millionen von Afrikanern machen sich ja auch auf den langen Weg um in Länder zu flüchten, die von Weißen regiert werden, weil es ihnen dort besser geht als in ihrer Heimat, die von sich selbst bereichernden, korrupten und inkompetenten Machthabern geführt werden. Es gibt mittlerweile sogar in Südafrika viele Schwarze die sagen, selbst unter dem weißen Apartheidsregime ging es uns besser als jetzt. http://www.tagesspiegel.de/politik/kommunalwahlen-in-suedafrika-unter-der-apartheid-ging-es-uns-besser/13965376.html
eva_in_Rom 05.08.2016
3.
Ich muss das wirklich naiv fragen - machen die weißen Südafrikaner gar nichts mehr? Oder verlassen sie das Land? Niemand will zur Apartheid zurück, aber möglicherweise könnte ein gutes Gemisch in der Regierung den Laden auf Vordermann bringen?
apestuipe 05.08.2016
4. #3
Die weißen Südafrikaner stellen 10% der Bevölkerung, machen sehr viel ( soviel sie können ) und wählen gerne DA, eine Partei die genau das ist: Ein gemischtes " Völkchen" Deshalb bin ich sehr froh dass jetzt auch viele Schwarze sie gewählt haben.
ptb29 05.08.2016
5. Es ist wie überall
Gib dem einfachen Menschen eine Funktion und er zeigt sein wahres Gesicht. Und Korruption und Machtgier ist keine südafrikanische Krankheit.
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