Südafrikas Seuche Wo selbst der Präsident denkt, dass Duschen gegen Aids hilft

Rote Bete und duschen statt Medikamente und Kondome: Die südafrikanische Regierung hat die tödliche Aids-Gefahr dramatisch verharmlost - während Millionen Einwohner sich infizierten. Jetzt bricht die Politik endlich das absurde Tabu. Wissenschaftler sind erleichtert.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


Kapstadt - "Am Jahresende 1997 dachte ich, ich müsse sterben", sagt Richter Edwin Cameron. "Doch dann wurde mir durch eine antiretrovirale Therapie das Leben zurückgegeben und ich fühlte, dass ich das herausschreien musste." Vielleicht habe er bei seinem Kampf gegen Aids und die Politik des früheren südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki "eine Grenze überschritten", räumt er ein. Aber für ihn, der seit 22 Jahren gegen seine Krankheit ankämpft, sei es eine "moralische Notwendigkeit" gewesen, diesen Kampf auch in die Öffentlichkeit zu tragen.

Edwin Cameron bewirbt sich derzeit um einen Sitz in Südafrikas Verfassungsgericht. Er ist einer von vier Kandidaten. Anfang dieser Woche musste er sich einer Anhörung durch einen Parlamentsausschuss stellen, der über die Berufung der Richter in das höchste Gericht des Landes befindet. Mit seinem Bekenntnis "Ich konnte einfach nicht schweigen" fand Cameron viel Zuspruch bei den Parlamentariern. Justizminister Enver Surty eilte sogar auf ihn zu und versicherte ihm, wie sehr er mit ihm und seinem Feldzug gegen die Ignoranz der Politik mitfühle.

Für Edwin Cameron ist das eine späte Rechtfertigung. Und es gibt Zufälle, die niemand besser hätte planen können. Denn wenige Kilometer von Camerons Auftritt vor dem Parlamentsausschuss entfernt läutete Südafrikas neue Gesundheitsministerin Barbara Hogan eine geradezu dramatische Wende in der Aids-Politik ihres Landes ein.

Vor dem internationalen Aids-Impfkongress in Kapstadt sagte sie: "Wir wissen, dass HIV Aids verursachen kann." Dieser Satz ist das offizielle Aus für Thabo Mbekis zehnjährige Politik, die den Zusammenhang zwischen dem HI-Virus und Aids konsequent geleugnet und die tödliche Immunschwäche verharmlost hatte. Hogan scheute sich nicht, das unter dem frenetischen Beifall der 900 Wissenschaftler aus aller Welt auch klar zu sagen: "Die Politik unserer Regierung in den vergangenen zehn Jahre hat versagt." Nun sei es Zeit für einen neuen Anfang. "Wir können die Kehrtwende in unserem Gesundheitssystem in den kommenden fünf Jahren schaffen."

Wissenschaftler jubeln über "befreiendes Erlebnis"

Der Vizekanzler der Universität von KwaZulu-Natal, Malegapuru Makgoba, schwärmte geradezu: "Zum ersten Mal seit Jahren können südafrikanische Wissenschaftler offen sagen, dass HIV zu Aids führt, ohne Gefahr zu laufen, bedroht zu werden." Unter starkem Beifall seiner Wissenschafts-Kollegen fügte er hinzu: "Das ist ein befreiendes Erlebnis. Sie können sich nicht vorstellen, wie lange wir unter unserer Fesselung gelitten haben."

Für die Zeitungen Südafrikas war die Rede Hogans denn auch Schlagzeilen wert. Wolfgang Preiser, Professor für Virologie an der Universität Stellenbosch, kommentiert: "Dass es 25 Jahre nach Entdeckung des HI-Virus durch die gerade mit dem Nobelpreis geehrten französischen Kollegen Luc Montagnier und Francoise Barre-Sinoussi eine solche Meldung immer noch auf die Titelseite der 'Cape Times' schafft, zeigt drastisch den enormen Nachholbedarf im politischen Bewusstsein Südafrikas, wenn es um Aids geht."

Denn das Land am Kap hat eine erschreckende Aids-Bilanz: Rund 5,5 der knapp 49 Millionen Einwohner sind vom tödlichen Virus befallen, mehr als in jedem anderen Staat der Welt. In Deutschland sind es rund 56.000. Oder umgerechnet auf den globalen Maßstab: Obwohl Südafrika nur einen Anteil von 0,7 Prozent an der Weltbevölkerung hat, leben 15 Prozent der HIV-Infizierten dieser Erde am Kap.

Tausend Aids-Tote täglich

Täglich sterben fast 1000 Menschen in Südafrika an der Seuche. Von den täglich weltweit 6500 geschätzten Neuansteckungen werden ebenfalls etwa tausend in Südafrika registriert. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist auf 52 Jahre gesunken, in den großen Bergwerksregionen Südafrikas liegt sie sogar nur noch bei rund 40 Jahren - nicht zuletzt wegen der grassierenden Immunschwächekrankheit.

Doch Aids galt in der südafrikanischen Politik bisher als Tabu-Thema. Edwin Cameron war der erste Prominente, der öffentlich bekannte, dass er infiziert ist, und der sich im Kampf gegen das Virus engagierte. 1986 war er positiv getestet worden, 1997 brach die Krankheit aus. Doch erst ein schockierendes Erlebnis bewog den Juristen zu seinem Schritt in die Öffentlichkeit: 1998 war Gugu Dlamini, eine 36-jährige Frau aus der Provinz KwaZulu-Natal, zu Tode gesteinigt worden, weil sie sich am Welt-Aidstag in einer Radiosendung als HIV-positiv geoutet hatte.

In seinem Buch "Tod in Afrika - Mein Leben gegen Aids" schildert Cameron seinen Leidensweg im "Epizentrum von Aids". Nelson Mandela nannte den streitbaren Juristen einen "der neuen Helden Afrikas". Doch seit seinem Outing wurde er von den Machthabern des Kapstaates immer wieder angegriffen und diffamiert - weil sie die tödliche Gefahr für ihr Volk nicht wahrhaben wollten.

Präsident Mbeki hatte in einer Parlamentsdebatte 2001 die Marschrichtung vorgegeben: Es gibt keine Verbindung zwischen dem Virus und der Seuche. Medikamentenschenkungen internationaler Pharmakonzerne zur Aids-Bekämpfung lehnte die südafrikanische Regierung ab, während in ihren Townships die Menschen massenhaft an der Seuche starben.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.