Südafrikas Umweltsünden: Die Erde brennt, die Regierung schweigt

Von Holger Kulick, Johannesburg

Alle Problemstellungen des Uno-Weltgipfels liegen in Johannesburg vor der Tür. Südafrikas Kohleindustrie hinterläßt brennende Flöze, aber die Ignoranz der Regierenden verhindert die Sicherung der Minen. Dabei könnten Klimaschutz und Armutsbekämpfung hier Hand in Hand gehen.

Hier scheint alles sauber: Steriles Tagungsgebäude des Uno-Gipfels in Johannesburg
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Hier scheint alles sauber: Steriles Tagungsgebäude des Uno-Gipfels in Johannesburg

Johannesburg - Samuel schüttelt den Kopf. Vor dem Zugang zum Konferenzzentrum des Uno-Erdgipfels im eleganten Geschäftsviertel Sandton verfolgt der Taxi-Chauffeur aufmerksam das Geschehen und kommentiert: Die gut bewachten Diplomaten hätten Glück, dass der südafrikanische Winter vorüber sei. "Sonst würden sie mitbekommen, wie dick die Luft hier sonst ist", lacht der junge Mann und berichtet über die Abgsae aus den vielen Kohlefeuern der Armensiedlungen, gemischt mit dem Kohlestaub aus den Bergbau-Abraumhalden vor den Toren der Stadt.

"Stadt des Smogs, der uns den Atem nimmt" hat dieser Tage auch eine südafrikanische Lokalzeitung über Johannesburg geschrieben und angesichts des Gipfels kommentiert: "Vielleicht ändert sich die Verschmutzung endlich, aber wahrscheinlich zu wenig und zu spät". Denn soeben habe der staatliche Energiekonzern Eskom den Bau zusätzlicher Kraftwerke angekündigt, die den Ausstoß von Schwefeldioxid von 1,2 Millionen auf 1,5 Millionen Tonnen jährlich steigern werden.

Nicht nur die Kraftwerke rauchen

Lebensgefährliche Umgebung: Wilde Siedlung am Rande eines Kohlebergwerks
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Lebensgefährliche Umgebung: Wilde Siedlung am Rande eines Kohlebergwerks

Doch nicht nur Kraftwerke verpesten die Luft. Johannesburg liegt nahe der Provinz Mpumalanga in einer Region, die auch als Ruhrgebiet Südafrikas bezeichnet wird. Früher wurde in dieser Gegend nach Gold gegraben, dann nach Kohle für die Hochöfen während der Industrialisierung und inzwischen zur Vermarktung weltweit. Südafrika ist nach China der zweitgrößte Kohleexporteur der Welt.

Die Zechenbetreiber haben der Region rücksichtslos eine Vielzahl ökologischer Altlasten beschert. Eine der giftigsten liegt im Umfeld der Stadt Emalahleni (Witbank), 90 Auto-Minuten von Johannesburg entfernt. Junge afrikanische Umweltschützer lotzsen nun Wissenschaftler und Politiker in die trostlose Gegend, in der Straßenschilder mahnen, "Befahren auf eigene Gefahr."

Zahllose Hohlräume im Boden sind von Einsturz bedroht, verursacht durch unsachgemäßen Abbau. Die dicht unter der Oberfläche gelegenen Kohlenminen wurden über alle Maßen ausgebeutet und entweder gar nicht oder mit teilweise giftigem Müll verfüllt.

Dauerfeuer unter Tage

Dampf aus alten Tagebauen: Hier brennen in zwei bis 17 Metern Stärke Kohleflöze - seit über 50 Jahren
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Dampf aus alten Tagebauen: Hier brennen in zwei bis 17 Metern Stärke Kohleflöze - seit über 50 Jahren

Durch Selbstentzündung und Fahrlässigkeit sind im an mehreren Stellen unterirdische Schwelbrände ausgebrochen, die sich durch die aufgegeben unterirdischen Kohleflöze fressen. Der Boden ist fühlbar heiß und es dringt giftiger Rauch aus den Verwerfungen, nachts glüht an mancherorts das Gestein.

So brennen im Gebiet von Mpumalanga auf einer Fläche von 750 Hektar mehrere Kohleflöze, die bis zu 17 Meter stark sind. Die dadurch verursachten Emmissionen an Schadstoffen und Kohlendioxid tragen erheblich zu Südafrikas mieser Umweltbilanz bei und demonstrieren, dass auch die Länder des Südens Beiträge zum Klimaschutz leisten können, ohne auf auf Entwicklungsfortschritt verzichten zu müssen.

Ernsthafte Versuche, diese Brände zu löschen, haben Südafrikas Regenten aber nie unternommen. Die früheren Zechenbetreiber sind nicht mehr auffindbar und der Regierung fehlt das Geld oder der politische Wille, dass Problem ernsthaft anzugehen. Die Schwelbrände zu löschen und die Gruben zu sichern kostet rund 250 Millionen Dollar, schätzten Experten aus Nordrhein-Westfalen, das 1995 eine Partnerschaft mit der Provinz Mpumalanga eingegangen ist.

Mit Polizei gegen Umweltexperten

"Südafrikanischer grüner Rat" heißt die Umweltgruppe, die jetzt während des Uno-Gipfels eine Exkursion mit der Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen in das Gebiet organisierte. Doch vor Ort angekommen, erlebte die Öko-Reisegruppe eine Überraschung. Bewaffnete Polizisten versperrten den Weg und ein Beamter der Energiebehörde erläuterte warum: Hier drohe Lebensgefahr, das könne den Gipfelgästen nicht zugemutet werden. Derweil laufen unbekümmert ganze Schulklassen durch das Terrain und Einwohner zu ihrer nahegelegenen Siedlung.

Auch die jungen Umweltschützer lassen sich nicht aufhalten und stürmen singend an der Polizei vorbei: "Wir haben das Recht zu demonstrieren, überall". Solches Selbstbewusstsein in Umweltfragen ist neu in Südafrika. Mepuku, einer der Sprecher der Gruppe, meint, das Ministerium wolle nur verhindern, dass ihr Nichtstun gegen die Katastrophe begutachtet wird: "So ein Irrsinn, dabei wollen uns doch die Experten helfen!".

Extrem saures Wasser

Gefährliches Terrain: Warnung vor brennenden, unterirdischen Kohleflözen
SPIEGEL ONLINE / Holger Kulick

Gefährliches Terrain: Warnung vor brennenden, unterirdischen Kohleflözen

Aber nicht nur die Luft wird durch die Dauerfeuer schwer belastet. Nicht minder gefährlich ist die Grundwasservergiftung. Regenwasser, ungereinigte Abwässer und ungesichert gelagerte Giftstoffe sammeln sich unteridisch als höchst ungesunder Cocktail, der den Boden aufweicht.

An einem Flecken namens "Old Coronation" tritt das Wasser mit einer Temperatur von bis zu 42 Grad an die Oberfläche. Es enthält keinen Sauerstoff mehr und der PH-Wert, den die Wissenschaftler am Tag unserer Visite messen, liegt im gesundheitsbedrohlichen roten Bereich ihrer Messskala, bei 4,0 bis 5,0. "Das ist schon Säure", empört sich einer der Fachleute. Auer dürrem Gras wächst hier nichts mehr, für den Anbau von Gemüse und Getreide ist das Gebiet gestorben.

"Es bringt keinen Gewinn hier zu investieren, so denken die zuständigen Behörden", kritisiert der leitdende Stadtplaner von Witbank, Eric Parker. Deshalb brenne die Erde weiter. Wenn wenigstens in unmittelbarer Nähe solcher Gefahrenstellen keine wilden Siedlungen mehr entstehen und die Bewohner bestehender Wellblechsiedlungen umgesiedelt würden, damit wäre Parker schon zufrieden. Aber das Unterfangen war bislang aussichtslos: "Sowie wir die Leute umsiedeln, ziehen sofort andere dorthin".

Risikoreicher Kohlenklau

Illegale Jagd nach Kohlen, weil es andere Heizenergien nicht gibt
SPIEGEL ONLINE / Holger Kulick

Illegale Jagd nach Kohlen, weil es andere Heizenergien nicht gibt

An einigen betroffen Orten haben er und die neue Umweltinitiativgruppe inzwischen neue Warnschilder aufgestellt, die auf die Lebensgefahr durch die unteririschen Feuer hinweisen. Aber viele Anwohner der Armensiedlungen kommen trotzdem dorthin, um sich Kohle zum Heizen zu holen, und sei es unter Lebensgefahr.

"Das sind Kohlendiebe, die wollen das nur verkaufen" schimpft dagegen Eliza Swart, eine Bedienstete des zuständigen Energieministeriums, die zunächst wenig Mitleid zeigt. Aber dann folgt sie doch einer spontanen Einladung der örtlichen Bürgerinitiative in das Gemeinschaftshaus des Orts. Ein wahres Festmahl wird aufgeboten, selbstgebrautes Bier gereicht und Redner aus der alten Anti-Apartheid-Bewegung beschwören den Widerstand gegen die Kohle-Multis, die endlich lernen müssten, so nachhaltig zu handeln, wie es auf dem Gipfel von Johannesburg gefordert wird.

Der Bergbau hat nicht nur Umweltsünden hinterlassen, sondern auch eine hohe Arbeitslosigkeit von bis zu 60 Prozent. Und etwa 30 Prozent der Bevölkerung gelten als HIV-positiv, zahlreiche Aufklärungsplakate am Wegrand zeugen vom verzweifelten Kampf gegen die Seuche.

"Bitte helft!"

Protest mit Tanz und Transparenten gegen die Kohle-Mafia von Südafrika
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Protest mit Tanz und Transparenten gegen die Kohle-Mafia von Südafrika

Auch Ralf Fücks, der die Böll-tiftung auf dem Uno-Gipfel mit einem kleinen Arbeitsstab vertritt, geht der Besuch unter die Haut. Er habe diesen Ausflug veranlasst, "weil man in der Kunstwelt des Sandton-Kongresscenters nicht erfahren kann, um was es beim Gipfel eigentlich geht".

Mit selbstgemalten Pappschildern beobachten derweil Kinder das Geschehen, gleich mehrere haben den Spruch gemalt: "Was ist eine Mine? Ein Loch im Boden, dessen Besitzer lügt". Beim Abschied lassen sich einige von ihnen freudestrahlend Arme oder gar Hemdkragen signieren. Und Moses, einer der örtlichen Helfer bittet: "Bitte vergesst uns nach dem Gipfel nicht, bitte helft!".

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