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Südamerika-Reise: Chávez und Ahmadinedschad feiern Allianz gegen USA

Von , Rio de Janeiro

Mahmud Ahmadinedschad wird von Lateinamerikas Staatschefs umworben: In Venezuela erhofft man sich von dem Iraner Schützenhilfe gegen das verhasste Amerika, Brasiliens Präsident Lula will sich als Friedensmakler in Nahost profilieren - doch gerade für ihn birgt die Annäherung große Risiken.

Ahmadinedschad (l.), Chávez: "Gladiator des antiimperialistischen Kampfes" Zur Großansicht
AFP

Ahmadinedschad (l.), Chávez: "Gladiator des antiimperialistischen Kampfes"

Jeden zweiten Samstag startet ein Airbus A340 der venezolanischen Staats-Airline Conviasa von Caracas' internationalem Flughafen über Damaskus nach Teheran. Bis Syrien ist die Maschine halbvoll, Angehörige der großen arabischen Gemeinde in Venezuela besuchen ihre Familien oder reisen zu Geschäftsbesuchen. Doch ab Damaskus ist der Jet weitgehend leer. Die Strecke ist ein Verlustgeschäft. Experten schätzen, dass sie der venezolanischen Staatskasse monatlich Zehntausende Dollar kostet.

Deshalb gibt es auch reichlich Gerüchte um den teuren Leerflug: Geht es bei der geheimnisvollen Route womöglich um mehr als normalen Geschäftsverkehr? Holt der Airbus Revolutionsgarden nach Südamerika, die hier Aufständische trainieren? Transportiert der Flieger womöglich Waffen? Bringt der Jet gar radioaktives Material nach Venezuela, wie angebliche Conviasa-Mitarbeiter in anonymen E-Mails auf einer inzwischen geschlossenen Internetseite mutmaßen?

Sicher ist nur eines: Venezuelas Präsident Hugo Chávez hat den Linienflug selbst angeordnet. Der Caudillo pflegt seit Jahren eine enge Allianz mit dem radikalen Machthaber in Teheran. Iran ist ein zentraler Baustein in der antiamerikanischen Achse, die Chávez von Bolivien bis Nicaragua geschmiedet hat. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad verhilft dem ehrgeizigen Venezolaner zu internationaler Bedeutung. Mit dem radikalen Iraner an seiner Seite nimmt man den Dampfplauderer weltweit besser wahr.

Lob für den "Freund und Bruder"

Auch Ahmadinedschad profitiert von seinem Verbündeten im fernen Südamerika: Ausgerechnet vor der Haustür der USA erweist sich, dass er politisch längst nicht so isoliert ist, wie Washington es gern hätte. Nach den umstrittenen Wahlen gewinnt er international Legitimität. Zudem verfolgen die beiden Ölstaaten ähnliche wirtschaftliche Interessen. Die Hotels in Caracas sind voll mit iranischen Ingenieuren und Geschäftsleuten.

Am Mittwoch übten Chávez und Ahmadinedschad mal wieder den Schulterschluss und bekräftigten ihre "strategische Partnerschaft". Chávez nannte seinen Amtskollegen bei einem Empfang in Caracas "Freund und Bruder" und "Gladiator des antiimperialistischen Kampfes". Ahmadinedschad würdigte die "bewundernswerte" Rolle, die Chávez in Lateinamerika spiele.

Im Mittelpunkt des Treffens standen wirtschaftliche Themen. Bereits bei einem Besuch von Chávez im vergangenen September in Teheran waren mehr als 250 Kooperationsabkommen abgeschlossen worden. Am Mittwoch unterzeichneten beide Staatschefs in Caracas weitere 70 Verträge unter anderem über eine verstärkte Zusammenarbeit im Energiebereich und in der Landwirtschaft.

Diplomatischer Ritterschlag bei Lula

Bei seinem aktuellen Lateinamerika-Tripp hat Ahmadinedschad allerdings nicht nur die ökonomischen Beziehungen gepflegt. Diesmal ist ihm mehr Aufmerksamkeit sicher als bei früheren Visiten: Seinen ersten Stopp legte er in Brasilien ein. Erstmals empfing ihn Präsident Luis Inácio Lula da Silva zu einem offiziellen Besuch, dem ersten eines iranischen Staatschefs seit einer Visite des Schahs in den sechziger Jahren. Lula sprach ihm die Unterstützung für eine friedliche Nutzung der Atomenergie aus.

Die Umarmung des weltweit angesehenen Brasilianers kam einem diplomatischen Ritterschlag für Ahmadinedschad gleich. Brasilien ist ein Partner von Gewicht, eine Umarmung von Lula wiegt mehr als zehn Schulterklopfer von Chávez. Während die Regierenden in Washington, Europa und Moskau wegen des umstrittenen Nuklearprogramms über Sanktionen gegen Teheran nachsinnen, gewährt Lula dem Geächteten scheinbar wohlfeile politische Anerkennung.

An Warnungen und Kritik hatte es nicht gefehlt. Der Kolumnist Merval Pereira glaubt, dass Lula "eine Linkswende" Richtung Chávez vollzieht. Holocaust-Überlebende protestierten gegen den Ahmadinedschad-Besuch, am Strand von Copacabana marschierte eine bunte Truppe von Schwulen, Lesben und anderen in Iran verfolgten Minderheiten auf. US-Präsident Obama faxte Lula vor Ahmadinedschads Besuch einen drei Seiten langen Brief, in dem er seine Sorge wegen des iranischen Atomprogramms zum Ausdruck brachte.

Nicht einmal 24 Stunden weilte der Iraner in Brasília, aber selten wurde einem Staatsbesucher so viel Aufmerksamkeit zuteil. Der sichtlich angespannte Lula verlas seine Rede komplett vom Blatt, normalerweise spricht er frei. Aber diesmal hatten die brasilianischen Diplomaten jedes Wort abgewogen.

Lula verwies auf Brasiliens Respekt für die Menschenrechte, er sprach das Recht Israels auf Sicherheit an, und er kritisierte Terrorismus. Ahmadinedschad kam seinem Amtskollegen entgegen: Er verzichtete auf antisemitische Tiraden und hielt sich auch mit Kritik an Washington zurück. Allein der Empfang in Brasília war für ihn schon ein politischer Geländegewinn.

Brasilien bringt sich als Vermittler ins Spiel

Aber was hat Lula von dem Besuch? Ahmadinedschad wird zwar von einer riesigen Wirtschaftsdelegation begleitet, doch für die Brasilianer sind die kommerziellen Kontakte zweitrangig. Lula verfolgt ein ehrgeiziges politisches Ziel: Er will sich als Vermittler im Nahost-Konflikt ins Spiel bringen.

Innerhalb von zehn Tagen empfing Lula Israels Präsident Schimon Peres, Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas und den Iraner Ahmadinedschad. Abbas hat den Brasilianer unverblümt aufgefordert, im Nahost-Konflikt zu vermitteln. Im März fährt Lula auf Staatsbesuch in die Region. Er wolle herausfinden, "wer nicht den Frieden wolle", verkündete er.

Die erste Feuerprobe hat Lula bestanden. Er habe die nötige Distanz zu seinem Gast gewahrt, kommentierte anerkennend die regierungskritische Zeitung "Folha de Sao Paulo" nach der Abreise des Iraners. Brasilien könne einen "positiven, wenn auch gemäßigten Einfluss im blutigen Schach des Nahen Ostens" ausüben.

Doch jede weitere diplomatische Initiative ist mit Fallstricken gespickt. Wenn sich herausstellen sollte, dass Iran tatsächlich an der Atombombe bastelt, wird man Lula Naivität vorwerfen. Außerdem ist das Mullah-Regime in Lateinamerika geschichtlich vorbelastet: Zwei Terroranschläge auf jüdische Institutionen in Buenos Aires Anfang der neunziger Jahre sollen in der iranischen Botschaft vorbereitet worden sein. Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner, eine Verbündete Lulas, wahrt deshalb Distanz zu Teheran.

Auch das Bündnis von Ahmadinedschad und Chávez kann noch unangenehme Überraschungen bergen: Wie wird Lula reagieren, wenn sich herausstellt, dass Chávez tatsächlich Waffen oder Nuklearmaterial aus Iran bezieht? Der Streit von Caracas und Bogotá über die Einrichtung neuer US-Militärbasen in Kolumbien hat sich in den vergangenen Wochen gefährlich aufgeschaukelt. Chávez ist unberechenbar und innenpolitisch unter Druck. Erstmals besteht die Gefahr, dass sich das Säbelrasseln der Nachbarstaaten in einem Waffengang entlädt.

Ahmadinedschad wird seinem Freund Chávez im Konflikt mit Kolumbien zweifellos zur Seite stehen - zunächst mit Worten, im Kriegsfall womöglich auch mit Waffen. Nicht im fernen Nahen Osten lauert daher die größte Herausforderung für die aufstrebende Großmacht Brasilien: Bevor Lula im fernen Nahen Osten vermittelt, ist er als Friedensstifter vor der eigenen Haustür gefragt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
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1. !
Pelayo, 26.11.2009
Kaum zu übersehen, die Zieten, als Amerika die Welt dominierte, neigen sich dem Ende zu.
2. Die Irren
Schleswig 26.11.2009
Bin ich etwa der erste. Wie dem auch sei. Sie schrieben in ihrem Bericht das Venezuela sich Unterstützung gegen "die verhassten Amerikaner" vom Iran erhofft. Das ist einfach nicht richtig, die Bevölkerung von Venezuela hasst die Amerikaner bestimmt nicht. Bei Chavez das stimmen. Da haben sich zwei Irre gesucht und gefunden.
3. Amerika?
Gegengleich 26.11.2009
In diesem Falle sollte man doch besser von einer Anti-USA-Allianz sprechen. Daß Lateinamerikas Staatschefs gegen Amerika sind, kann ich mir nicht vorstellen. Ansonsten gibt es zu dieser Allianz nur eins zu sagen: Hier tun sich zwei völlig durchgeknallte zusammen. Also aufgepaßt!
4. Lustig diese Scheinheiligkeit
marvinw 26.11.2009
---Zitat--- US-Präsident Barack Obama schließt einen Verzicht auf Landminen nun doch nicht aus. ---Zitatende--- Vielleicht sollte man nicht sich selbst auf den Leim gehen wenn man Amerikaner für friedlich hält. Sie produziert 50% aller Waffen in der ganzen Welt. Wie sollen sie denn darau verzichten Menschen in die Luft zu jagen wenn der Dollar rollt?
5. Einigkeit gegen das Böse fehlt
Daniel Freuers, 26.11.2009
Irgendwie schafft es Südamerika genauso wenig wie Europa Hand in Hand gegen Amerika zu stehen
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