Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye: Die Erbin des Diktators

Aus Seoul berichtet Wieland Wagner

Kritiker nennen sie spöttisch "Eisprinzessin" - weil sie Distanz und Kühle kultiviert. Als erste Präsidentin Südkoreas muss Park Geun Hye jetzt beweisen, dass sie auch versöhnen kann. Denn die Wahl der Diktatorentochter hat in ihrem Land historische Wunden aufgerissen.

Park Geun Hye: Von der Diktatorentochter zur Präsidentin Fotos
DPA

Es war zwar nur ein Zufall, dass Park Geun Hye vor wenigen Tagen ihren Wahlkampf unterbrach. Sie sagte alle Auftritte ab, am Vortag war ihr engster Berater tödlich mit dem Auto verunglückt. Doch der Unfall rief plötzlich Erinnerungen wach an das von Tod und Tragik überschattete Leben der Tochter von Ex-Diktator Park Chung Hee, die am Mittwoch zur ersten Präsidentin des demokratischen Südkorea gewählt wurde.

Ihr Vater war am 26. Oktober 1979 vom eigenen Geheimdienstchef erschossen worden - und damit hatte sie beide Eltern verloren. Auch ihre Mutter Yuk Young Soo war einem Attentat zum Opfer gefallen. Ein nordkoranischer Agent hatte fünf Jahre zuvor versucht, den Präsidenten zu erschießen und dabei seine Frau getroffen. Im Alter von 22 Jahren übernahm die Diktatorentochter damals die Rolle der First Lady.

Jetzt kann sie als Nachfolgerin von Präsident Lee Myung Bak wieder in den Palast mit dem blau gekachelten Dach einziehen. Lee durfte nach fünf Jahren nicht wieder kandidieren. Schon die Kandidatur von Park Geun Hye hatte in Südkoreas noch junger Demokratie alte Gräben aufgerissen. Denn das Erbe der Diktatur, die bis 1987 währte, ist längst nicht bewältigt. Der kapitalistische Süden der geteilten koreanischen Halbinsel ist innerlich tief gespalten. Linke und Liberale fürchten, dass ihr Land unter einer Staatschefin Park in autoritäre Zeiten zurückfallen könnte.

Vor allem diese Angst einte die Anhänger ihres Gegenkandidaten Moon Iae In, der als junger Dissident unter Diktator Park im Gefängnis saß und später dem Ex-Präsidenten Roh Moo Hyun als Stabschef diente.

Streit um eine Karikatur weckt Ängste

Hong Seong Dam empfängt in seinem Atelier südlich von Seoul. Der 57-jährige Maler trägt eine dunkle Wollmütze und einen grauen Schal, es ist nicht geheizt. An den Wänden lehnen Ölbilder, und eines der Werke sollte eigentlich nicht hier, sondern in einer Ausstellung in Seoul hängen: Es zeigt eine Gebärende in einem Kreißsaal. Über der Frau, die der Kandidatin Park eindeutig ähnelt, halten die Ärzte einen Neugeborenen hoch: Er trägt eine Sonnenbrille - das Erkennungsmerkmal von Ex-Diktator Park.

Die Karikatur versetzte Park und ihre Anhänger in hellen Zorn. Auf Weisung der Nationalen Wahlkommission musste Hong sein Bild abhängen. Für den Maler gibt die Reaktion der möglichen Präsidentin einen Vorgeschmack auf das, wovor er mit seinem Kunstwerk gerade warnen wollte: die Wiedergeburt der Diktatur.

Die Zeit der rauen Herrschaft des Diktators hat in dem Land tiefe Spuren hinterlassen. Einerseits sorgte er nach seinem Putsch im Jahr 1961 für den wirtschaftlichen Aufschwung im bitterarmen Südkorea. Andererseits ging er mit Gewalt gegen Demokratiebewegungen vor.

"Mit der brutalen Industrialisierung hat Park unsere Kultur zerstört", sagt der Künstler Hong, "und mit seinem engstirnigen Nationalismus hat er unser Denken vergiftet". Hong nahm 1980 am Aufstand von Kwangju teil - das Militärregime schlug die Revolte blutig nieder. Ein Jahr später kam der Künstler ins Gefängnis, weil er Bilder nach Nordkorea geschickt hatte. "Sie folterten mich und prügelten mich fast zu Tode."

Als Handhabe gegen Dissidenten wie Hong diente Diktator Park und seinen Nachfolgern das drakonische Nationale Sicherheitsgesetz, es gilt bis heute und stellt jeglichen Kontakt mit dem verfeindeten Nordkorea unter Strafe.

Vetternwirtschaft zwischen Politikern und Industriebossen

Der autoritäre Modernisierer Park duldete keinen Widerspruch. Den damaligen Oppositionsführer Kim Dae Jung ließ er 1973 aus einem Hotel in Tokio entführen. Nur eine Intervention der USA bewahrte den Dissidenten angeblich davor, auf einem Fischkutter zwischen Japan und Korea ermordet zu werden. Doch selbst Kim erkannte später als gewählter Präsident die Verdienste seines einstigen Peinigers um die Modernisierung des Landes an. Das war Ende der neunziger Jahre: Während der Asien-Krise war Korea knapp am Staatsbankrott vorbeigeschlittert, viele Landsleute sehnten Park und seine Wirtschaftswunder-Ära zurück.

Und vor der Wahl stritt die Nation wieder über sein Erbe. An einer verschneiten Straßenkreuzung südlich von Seoul drängten sich jüngst die Anhänger der Diktatorentochter vor einem Wahlkampflaster, dort sollte Park reden und versprechen, dass sie 70 Prozent des Volkes in den Mittelstand befördern wolle. Doch zunächst einmal feuerten die Helfer in ihren roten Schals und rot-weißen Jacken die Menge an, sie skandierten: "Park-Geun Hye, Park-Geun Hye."

Choi Min Chol hatte den Auftritt organisiert, er ist Vizepräsident eines Vereins von Park-Anhängern. Der bullige 48-Jährige betreibt eine Firma für Inneneinrichtungen. "Was Korea braucht, ist Park Geun Hye", schreit er gegen den Lärm an. "Sie hat beim Vater gelernt, sie hat erlebt, wie er Fabriken und Autobahnen bauen ließ, wie er unserer Land groß machte."

Nur: Für die Industrialisierung von oben ist das heutige Korea längst zu kompliziert, zu erwachsen. Ähnlich wie das benachbarte Japan steht der ebenfalls vergreisende koreanische Aufholer vor der Herausforderung, seine Wirtschaft von den Fesseln staatlicher Gängelung zu befreien.

Im Wahlkampf ging es deshalb vor allem um die großen Firmenimperien, wie etwa Samsung und Hyundai. Diktator Park hatte ihren Gründern einst den Auftrag erteilt, Fabriken zu bauen, um Schiffe, Autos und Fernseher zu exportieren. Aber die Giganten bestimmen in dem Land längst das Wirtschaftsgeschehen zu Lasten kleiner Unternehmen. Ein großes Problem: die Vetternwirtschaft zwischen Politikern und den Industriebossen.

Daher forderte nicht nur Oppositionskandidat Moon eine "Demokratisierung der Wirtschaft", auch Park hat sich den Slogan zu eigen gemacht.

Und die Konkurrentin ging noch weiter, sie hielt eine Pressekonferenz ab, verneigte sich und sagte etwas, das unerhört klingt in Koreas streng konfuzianischer Gesellschaft, die den Respekt gegenüber Vätern über alles stellt. Erstmals in ihrer 16-jährigen Politikerinnenkarriere bat Park die Opfer der Diktatur um Verzeihung, sie sagte: "Ich verstehe, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt".

Die "Eisprinzessin" wird ihre Vergangenheit nicht los

Das zähle zu den Werten der Demokratie. Zuvor hatte sie dagegen stets betont, die Geschichte müsse über ihren Vater urteilen. Doch eine Entschuldigung braucht auch Opfer, die verzeihen. Maler Hong ist dazu nicht bereit. Er schimpft: "Kaum hatte Park sich entschuldigt, da eilte sie schon zum nächsten Wahlkampfauftritt und vergnügte sich mit Gangnam-Style."

In der Tat tanzte sie abends in Seoul zu den Klängen des heimischen YouTube-Hits den Pferdetanz. Dabei bewegte sie sich indes sichtbar ungelenk, sie musste von ihren Anhängern praktisch auf die Tanzfläche gezerrt werden.

Die "Eisprinzessin" - so nennen sie Kritiker, weil sie unterkühlt wirkt - wird ihre Vergangenheit nicht los: Immer wieder werfen ihre politischen Gegner ihr vor, dass sie und ihre Geschwister nach der Ermordung ihres Vaters 600 Millionen Won von dessen Nachfolger, Ex-Diktator Chun Doo Hwan, erhielten. Inzwischen hat Park versprochen, das Geld dem Volk zurückzuerstatten.

Eine Politikerin, die Korea in finstere Diktatur zurückführen will, hört sich anders an. Vielleicht sollte das Land ihr tatsächlich eine Chance geben, vielleicht lassen sich die bösen Geister der Diktatur am ehesten mit einer zur Demokratin geläuterten Park-Tochter endgültig vertreiben.

Dass sie zur Versöhnung fähig ist, bewies Park immerhin gegenüber Nordkorea, dem Erzfeind ihres Vaters. Im Mai 2002 besuchte sie den damaligen Diktator Kim Jong Il in Pjöngjang zum längeren Gespräch.

Auch dieser Tage, trotz des vom Norden angekündigten Raketentests, befürwortet Park grundsätzlich eine Annäherung. Sie will von der starren Linie abrücken, mit der Amtsinhaber Lee den Norden nur immer weiter isolierte und in die Arme Chinas trieb.

Vielleicht trifft Park sich ja zum Gipfel mit Jungdiktator Kim Jong Un. Und vielleicht fällt den beiden koreanischen Diktatorenkindern dann gemeinsam ein, wie sie ihr väterliches Erbe überwinden können.

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
freedomfornet 20.12.2012
Zitat von sysopDPAKritiker nennen sie spöttisch "Eisprinzessin" - weil sie Distanz und Kühle kultiviert. Als erste Präsidentin Südkoreas muss Park Geun Hye jetzt beweisen, dass sie auch versöhnen kann. Denn die Wahl der Diktatoren-Tochter hat in ihrem Land historische Wunden aufgerissen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/suedkorea-die-wahl-von-park-geun-hye-reisst-historische-wunden-auf-a-874043.html
Selbst wenn ihr Vater der Teufel selbst gewesen wäre, Sippenhaft gibt es in Korea nicht. Sie hat sich in einem fairen, demokratischen Wahlkampf durchgesetzt. Wahlbeteiligung war mit über 75% sogar höher als hier bei uns. Hoffentlich kann sie den Kim aus Nordkorea zur Vernunft bringen. Diktatorenkinder müssen sich doch verstehen können.
2. Ja was denn nun?
derandersdenkende 20.12.2012
Zitat von sysopDPAKritiker nennen sie spöttisch "Eisprinzessin" - weil sie Distanz und Kühle kultiviert. Als erste Präsidentin Südkoreas muss Park Geun Hye jetzt beweisen, dass sie auch versöhnen kann. Denn die Wahl der Diktatoren-Tochter hat in ihrem Land historische Wunden aufgerissen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/suedkorea-die-wahl-von-park-geun-hye-reisst-historische-wunden-auf-a-874043.html
Aus glühend gefeierten westlichen Demokraten werden auf einmal Diktatoren? Bisher hat man Diktatoren immer in eine bestimmte Ecke eingeordnet und die westlichen Despoten als glühende Demokraten gefeiert. Soll dies ein Zeichen neuer Ehrlichkeit sein? Und sind letzten Endes die uns vorgeführten Demokraten die eigentlichen Diktatoren und die geschaßten Diktatoren die Wahren Demokraten?
3. optional
jebbpa 20.12.2012
Der Gwangju-Aufstand fand bereits 1980 statt. 1988 gab es kein Militärregime mehr in Südkorea.
4. optional
jebbpa 20.12.2012
Es hört sich so an, als wäre Park verantwortlich für die Niederschlagung des Gwangju-Aufstands. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt Chun Doo-Hwan Präsident. Außerdem scheint es unwahrscheinlich, dass dieser ohne die Zustimmung der USA hätte handeln können. Für den Kampf gegen nordkoreanische Soldaten ausgeblidete Truppen wurden damals gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt.
5. Gute Nacht Korea
steven_s 20.12.2012
Das Land ist tiefer gespalten denn je, große Teile der Bevölkerung haben die Verbrechen des Park Chung-hee nicht vergessen, die anderen meist älteren haben noch immer nicht begriffen was Demokratie bedeutet und verteidigen die Diktatur bis heute. Die extrem exportabhängige Wirtschaft wird durch die nun weiterhin gesicherte Macht der mächtigen chaebols weiter innovationsfeindlich bleiben, junge kreative Unternehmer werden noch mehr auf massive Widerstände stoßen. Die Schere zwischen Arm und Reich wird sich weiter ausbreiten. Alles sehr schade für dieses schöne Land mit seinen tollen Menschen.
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Bevölkerung: 48,184 Mio.

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Staatsoberhaupt:
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