Journalistenstreik in Südkorea Machtkampf der Medien

Südkoreas Journalisten streiken wie noch nie. Denn die Regierung nimmt im Superwahljahr des Landes massiven Einfluss auf die Berichterstattung. Doch es geht nicht nur um Zensur. Der Ausstand der Medien soll für einen Machtwechsel in Seoul sorgen.

Malte E. Kollenberg

Von Malte E. Kollenberg, Seoul


"KBS gehört dem Volk", rufen die streikenden Journalisten des öffentlich-rechtlichen Senders Korean Broadcasting System (KBS) in Seoul. "Neu starten" wollen sie den Sender, skandieren sie. "Aus einem öffentlichen Sender ist ein staatlich kontrollierter geworden", ereifert sich Kim Hyeon Seok, Chef der betriebsinternen Gewerkschaft von KBS. In strömendem Regen sitzt er, gehüllt in einen Regenponcho, mit seinen Streikgenossen auf der Treppe vor dem Seouler Hauptbahnhof.

Vor ihnen auf dem Seoul Square fordert Lee Kang-taek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Medienarbeiter, die Chefs von KBS, der Munhwa Broadcasting Corporation (MBC), des Nachrichtensenders YTN und der koreanischen Nachrichtenagentur Yonhap, deren größter Anteilseigner KBS ist, zum Rücktritt auf.

Die wichtigsten Medien Südkoreas sind seit Wochen im Streik. Die drei Fernsehsender vereinen rund 80 Prozent der im koreanischen Rundfunk verbreiteten Nachrichten auf sich.

"Regierungsfreundliche Berichterstattung ist kein Einzelfall", sagt Lee Kang Taek. Das Programm aller drei Sender und auch die Meldungen von Yonhap seien durch die Regierung beeinflusst. Reportagen über kontroverse Polizeieinsätze, Korruption in Politikerkreisen oder Kritik an der Regierung seien entweder nur zensiert gesendet oder völlig aus dem Programm gestrichen worden.

In Südkorea sind am 11. April Parlamentswahlen, und Ende des Jahres wird ein neuer Präsident gewählt. Für den Kommunikationswissenschaftler Kang ist deshalb klar: "Die Wahlen im April werden nicht nur über die Zusammensetzung des Parlaments entscheiden, sondern auch über ein Ende des Journalisten-Streiks." Bis dahin wird der Ausstand weitergehen, ist er sich sicher.

Im Falle von KBS habe Staatschef Lee Myung Bak seine Befugnisse überschritten, wirft die Gewerkschaft der Regierung vor. Der Chef des Senders wird in Südkorea vom Präsidenten auf Vorschlag der Senderleitung ernannt. Die Senderleitung wiederum wird von Parlament und Präsident ernannt. Im November 2009 wurde der ehemalige Medienberater von Lee Myung Bak, Kim In Kyu, Chef des öffentlich-rechtlichen Senders. Seitdem hängt der Haussegen schief. Es werde nun einseitig zugunsten der konservativen Regierungspartei Saenuri und des Präsidenten berichtet, kritisiert die Gewerkschaft.

Politisch gesteuerte Einflussnahme auf die koreanischen Medien

Als weiteres Beispiel für tendenziöse Berichterstattung führt die Gewerkschaft die Seouler Bürgermeisterwahl im letzten Jahr an. Laut einer Umfrage der Gewerkschaft habe MBC 157 Sekunden über Korruptionsvorwürfe gegen die konservative Kandidatin berichtet, während 469 Sekunden lang über Vorwürfe gegen den unabhängigen Kandidaten Park Won Soon berichtet worden sei. Geholfen hat es den Konservativen nicht. Eingezogen ins Rathaus ist der damals noch parteilose Park Won Soon trotzdem.

Bei allen genannten Medien habe es seit 2008, dem Jahr des Amtsantritts von Präsident Lee Myung Bak, Entlassungen kritischer Journalisten gegeben, sagt die Gewerkschaft. Das sei von den regierungsnahen Senderchefs beeinflusst worden. Dabei ist das Problem der politisch gesteuerten Einflussnahme auf die koreanischen Medien keinesfalls neu. Auch unter den Vorgängerpräsidenten aus dem liberal-progressiven Lager hat es diese Versuche gegeben. Der politische Druck habe jedoch vor Lee Myung Bak keine redaktionellen Konsequenzen gehabt, erklärt Lee Kang Taek. Das sei nun anders.

Für Kang Myung Koo, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Seouler National Universität liegt das Problem der politischen Einflussnahme in der Struktur des Systems. Präsident und Regierungspartei hätten zu viel Einfluss auf die Auswahl der Senderleitung. "Als das System Ende der achtziger Jahre nach der Demokratisierung Koreas eingeführt worden ist, habe auch ich gedacht, dass es sich bewähren wird", erklärt der Professor. Heute, sagt der Kommunikationswissenschaftler, müsse die Möglichkeit politischer Einflussnahme reduziert werden.

Er sieht eine zu starke Verquickung von Politik und Medien. "Früher haben die Medien einmal am Rande des Spielfelds gestanden und darüber berichtet, wie das Politikspiel verläuft. Jetzt spielen sie selber mit." Allein in der Lee Myung-Bak-Administration arbeiteten über hundert ehemalige Journalisten an der Gestaltung der koreanischen Politik mit.

Südkoreas Medien werden seit Monaten von Skandalen erschüttert

Dass die Regierung versucht, auf die Berichterstattung so eklatant Einfluss zu nehmen, sei zwar ungeschickt, sagt Kang. Grund dafür sei das Superwahljahr. Für Yoon Young Chul, Kommunikationssoziologe an der Yonsei Universität in Seoul, ist auch der Streik der Mediengewerkschaft politisch motiviert. "Gewerkschaften sind traditionell progressiv und unterhalten enge Beziehungen zu den progressiven Parteien des Landes", sagte er in einem Fernsehinterview. Das nun gestreikt werde, habe auch wahltaktische Gründe.

Nicht nur die Arbeitsbedingungen der Journalisten sind Beispiel für Südkoreas Probleme mit Meinungs- und Pressefreiheit. Die Organisation Freedom House attestiert der Regierung in Seoul "substantielle politische Zensur" im Internet, auch wenn die Presse an sich als frei gelten könne. Bei der Organisation Reporter ohne Grenzen steht die asiatische Vorzeigedemokratie auf der Beobachtungsliste, neben Frankreich und Australien, aber auch Russland, Ägypten und Eritrea. Die in Paris ansässige Nichtregierungsorganisation sieht die starke Kontrolle des Internets in Südkorea mit gemischten Gefühlen, nennt Korea jedoch trotzdem eines der wenigen Länder in Asien, in dem es echten Nachrichtenpluralismus gebe.

Trotzdem wird die koreanische Medienlandschaft seit Monaten von Skandalen erschüttert: Im Dezember verurteilte ein koreanisches Gericht den 51-jährigen Chung Bong Ju, einen von drei Moderatoren der unter jungen Koreanern und Oppositionellen beliebten Internetshow "Naneun Ggomsuda", wegen Verleumdung des Präsidenten zu einer Gefängnisstrafe. In dem Podcast, der sich auf Deutsch in etwa mit "Ich bin ein kleinkarierter Widerling" übersetzen lässt, verhöhnen die Moderatoren den koreanischen Präsidenten Lee Myung Bak. Auch die Verhaftung und Verurteilung des Moderators wird von der progressiven Opposition des Landes als politisch motiviert und im Zusammenhang mit den anstehenden Wahlen gesehen.

insgesamt 4 Beiträge
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Alfons Emsig 26.03.2012
1. Respekt
Den unbequemen Journalisten gilt mein uneingeschränkter Respekt. Angesichts der ständigen realen Bedrohung aus dem Norden nicht in blinde Regierungstreue zu verfallen, zeugt von Reife dieser noch relativ jungen Demokratie. Wenn man darüber hinaus bedenkt, dass die koreanische Gesellschaft paternalistisch geprägt ist, die Gehorsam gegenüber der Obrigkeit grundsätzlich gutheißt, ist das schon bemerkenswert - ganz gleich wie man zur jetzigen Regierung stehen mag.
der_mündige_bürger 26.03.2012
2. Wie bitte?
Südkoreas Journalisten streiken und protestieren gegen eine Einflußnahme der Regierung? Was fällt denen ein! Die sollten sich lieber ein Beispiel an unseren Medien nehmen ... Herzliche Grüße
hanji 29.03.2012
3. Das Problem ist Lee MB
Zitat von sysopMalte E. KollenbergSüdkoreas Journalisten streiken wie noch nie. Denn die Regierung nimmt im Superwahljahr des Landes massiven Einfluss auf die Berichterstattung. Doch es geht nicht nur um Zensur. Der Ausstand der Medien soll für einen Machtwechsel in Seoul sorgen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,823369,00.html
[QUOTE=sysop;9888160]Südkoreas Journalisten streiken wie noch nie. Denn die Regierung nimmt im Superwahljahr des Landes massiven Einfluss auf die Berichterstattung. Der Unterschied zwischen früherer Einflussnahme der Politik auf die Medien und jetzt ist gravierend: Der jetzige Präsident wurde zwar demokratisch gewählt, hat aber nach der Wahl nicht mehr verborgen, wieviel er von dieser Regierungsform hält. Als ex-CEO eines Baukonzerns, also einer Branche, die man in Korea ganz offen zu den "dirty businesses" zählt, hat er eine Sozialisierung durchgemacht, neben der Leute wie Berlusconi oder FJ. Strauss als Musterdemokraten dastehen. Seit Amtsantritt versucht er das "ihm von Gott anvertraute Land" (zit.) wie einen presbyteranischen Familienbetrieb mit USA als Haupteigentümer zu führen. Und das mögen 90% der Koreaner überhaupt nicht. Deswegen steht die breite Mehrheit hinter allen möglichen Protesten im Land, Hauptsache sie sind gegen Lee MB gerichtet.
hanji 29.03.2012
4.
Zitat von Alfons EmsigDen unbequemen Journalisten gilt mein uneingeschränkter Respekt. Angesichts der ständigen realen Bedrohung aus dem Norden nicht in blinde Regierungstreue zu verfallen, zeugt von Reife dieser noch relativ jungen Demokratie. Wenn man darüber hinaus bedenkt, dass die koreanische Gesellschaft paternalistisch geprägt ist, die Gehorsam gegenüber der Obrigkeit grundsätzlich gutheißt, ist das schon bemerkenswert - ganz gleich wie man zur jetzigen Regierung stehen mag.
[QUOTE=Alfons Emsig;9888208] Angesichts der ständigen realen Bedrohung aus dem Norden nicht in blinde Regierungstreue zu verfallen, zeugt von Reife dieser noch relativ jungen Demokratie. Herr Emsig, die Bedrohung aus dem am Hungertuch befindlichen Norden ist für die Südkoreaner überhaupt nicht real. Habe dort lange gelebt - kein Mensch dort interessiert sich für dieses Thema. Eigentlich sind es nur die US-Politik und die deutsche Presse, die dem Popanz der "nordkoreanischen Gefahr" so viel Aufmerksamkeit schenken. Davon abgesehen, ist Südkorea eines der sichersten, friedlichsten und sozial ausgeglichendsten Länder, die ich je kennengelernt habe. Obwohl die Demokratie dort erst 25 Jahre alt ist, waren die Bürger und Medien von Anfang an kritisch, manchmal zu kritisch mit ihren Regierungen. Das ging bisher immer gut; aber dem jetzigen antidemokratischen Präsidenten passt diese Grundhaltung natürlich nicht ins Konzept.
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