Südkoreas Präsident Roh "Fühle mich inkompetent"

Ein seltener Anflug von Selbsterkenntnis bei Politikern überkam den südkoreanischen Präsidenten Roh Moo Hyun. Er bekannte öffentlich, er sei dem hohen Amt nicht gewachsen. Um sich zu fangen, sagte er für die nächsten drei Tage alle Termine ab und fuhr ans Meer.


Selbstzweifel: Roh in einer Fernsehsendung
AP

Selbstzweifel: Roh in einer Fernsehsendung

Seoul - Für südkoreanische Oppositionspolitiker wurde ein Traum wahr. Präsident Roh, erst seit drei Monaten im Amt, plagen Selbstzweifel. "Als Präsident fühle ich mich inkompetent", sagte er laut "Financial Times" gegenüber südkoreanischen Führungspersönlichkeiten. Er befinde sich in einer Krise, er halte sich nicht für fähig, den Pflichten eines Präsidenten nachzukommen. Roh beklagte sich auch darüber, dass die gesellschaftlichen Kräfte aus Eigen- und nicht aus Staatsinteresse handeln. "Der Staat ist gelähmt, weil alle Parteien ihre Interessen mit hohem Druck durchzubringen versuchen."

Die Äußerungen Rohs haben in Südkorea zu heftigen Diskussionen geführt. Die Nation ist gespalten. Die einen sagen, der Präsident habe sich mit seinen öffentlich geäußerten Zweifeln selbst abgeschossen, die anderen - hauptsächlich junge Leute - bewundern, dass er menschliche Schwäche gezeigt hat.

Die Kommentatoren zerreißen sich die Mäuler angesichts des Präsidenten, der so untypisch für einen Politiker handelt. Ihm freundlich gesonnene Leitartikler versuchen Rohs Erklärungen damit zu entschuldigen, dass der Präsident nach seiner Rückkehr aus den USA noch unter Jetlag leide. Roh war mit US-Präsident George W. Bush zusammengetroffen, um über die Probleme mit Nordkorea zu beraten.

Kritiker werfen Roh hingegen vor, unter anderem überforderten die lahmende Wirtschaft, demonstrierende Arbeiter und das nordkoreanische Atomwaffenprogramm den Präsidenten. Sie brüsten sich nun damit, dass sie bereits vor den Wahlen vor dem 56-Jährigen gewarnt hätten. Der ehemalige Menschenrechtsanwalt sei ein linker Einzelgänger.

Roh hat sich für die nächsten Tage aus dem öffentlichen Leben verabschiedet. Zusammen mit seiner Familie ist er ans Meer gefahren, um sich zu erholen und um sich über seine Zukunft Gedanken zu machen.



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