Südkoreas Vereinigungsplan: "Niemand will den Norden einfach schlucken"

Erlebt auch Korea irgendwann seine Wiedervereinigung? Im Süden glaubt man fest daran - und fängt schon an zu sparen, um die gewaltigen Kosten zu bewältigen. Der zuständige Minister, Yu Woo Ik, erklärt im Interview, was er von Kim Jong Un hält und was sein Land von Deutschland lernen kann.

Südkoreanische Soldaten an der Grenze zum Norden: "Wir hoffen, dass die neue Regierung in Pjöngjang den Dialog aufnimmt" Zur Großansicht
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Südkoreanische Soldaten an der Grenze zum Norden: "Wir hoffen, dass die neue Regierung in Pjöngjang den Dialog aufnimmt"

SPIEGEL ONLINE: Herr Minister Yu, russische Regierungsberater glauben an eine Wiedervereinigung Koreas in den nächsten 20 Jahren, Sie auch?

Yu: Natürlich haben wir das feste Ziel, wichtig ist aber nicht der Zeitpunkt. Wichtig ist jetzt, dass wir den Glauben daran nicht verlieren und dass Pjöngjang seine Zweifel an unseren ehrlichen Absichten beseitigt und mit uns ernsthaft verhandelt. Niemand bei uns setzt auf den Zusammenbruch des Regimes und will den Norden einfach nur schlucken. Wir wollen eine friedliche Wiedervereinigung und allen Flüchtlingen die freiwillige Entscheidung eröffnen, wo sie leben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Das neue Regime im Norden unter Führung von Kim Jong Un, dem jungen Sohn des im Dezember verstorben Kim Jong Il, spricht derzeit ebenfalls viel von Wiedervereinigung. Ist das glaubwürdig?

Yu: Wir müssen gegenseitiges Vertrauen schaffen. Dafür brauchen wir einen neuen Dialog-Kanal zwischen beiden Ländern, der unabhängig von der jeweiligen aktuellen politischen Lage stabil bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Regierung in Pjöngjang dafür mit ihrer überraschenden Ankündigung, die Urananreicherung zu stoppen und auf Atomtests zu verzichten, jetzt die Türen geöffnet?

Yu: Zumindest hat Nordkorea erkannt, dass die Atomfrage erheblichen Einfluss darauf hat, ob der gemeinsame Dialog vorankommt oder nicht, und dass ein entsprechendes Signal wichtig ist. Nun bleibt abzuwarten, wie belastbar diese Ankündigung ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Zweifel an der Ernsthaftigkeit?

Yu: Das ist noch nicht abschließend zu beurteilen. Aber es ist ein gutes Signal, dass sich die Regierung im Norden bewegt. Wenn die angekündigten Schritte auch umgesetzt werden, schafft das die Voraussetzungen für neue Gespräche auch in einem erweiterten Kreis, wie wir sie immer gefordert haben.

SPIEGEL ONLINE: Weil ohne eine schnelle Wiederaufnahme der Sechser-Gespräche mit China, Russland, Japan und den USA auch in der Frage der Wiedervereinigung nichts vorankommt?

Yu: Unbedingt. Der innerkoreanische Dialog und die Sechs-Parteien-Gespräche über die Zukunft Koreas verhalten sich zueinander wie die Räder an einem Auto. Wenn eines davon stillsteht, kommt das Fahrzeug nicht voran. Alle Fortschritte in den Beziehungen der vergangenen 20 Jahre liefen immer parallel zu den Gesprächen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das neue Regime bereits stabil genug für ernsthafte Verhandlungen?

Yu: Wir gehen davon aus, dass Nordkorea noch etwas Zeit braucht. Im Moment befindet sich das Land in einer Phase der "Testament-Politik" nach dem Tod von Kim Jong Il, und die außenpolitischen Aktivitäten sind etwas zurückgefahren. Wir hoffen aber, dass die neue Führung sich schnell stabilisiert und mit Selbstbewusstsein den Dialog aufnimmt, statt alte Strukturen zu zementieren. Nordkorea muss sich jetzt entscheiden, ob es sein Angebot ernst meint oder auf früheren Standpunkten inklusive seiner Nuklearpolitik beharren will und sich weiter isoliert. Dann wird die Bevölkerung weiter leiden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einem Arbeitsprogramm für dieses Jahr "substantielle Vorbereitungen" für die Vereinigung angekündigt. Was soll das sein?

Yu: Wir müssen jetzt handeln, wenn wir Wiedervereinigung ernst meinen. Dazu brauchen wir eine Wiedervereinigungsdiplomatie, die auch die Nachbarländer der Region mit einbezieht. Und wir müssen finanzielle Mittel bereitstellen. Denn wir haben von Deutschland gelernt, dass Wiedervereinigung viel Geld kostet.

SPIEGEL ONLINE: Wissenschaftler und Experten in Seoul verlangen deshalb eine spezielle Steuer oder Abgabe wie den deutschen Solidaritätszuschlag.

Yu: Eine Wiedervereinigung-Steuer bedeutet Zwang, aber wir setzen auf Freiwilligkeit. Deshalb plant die Regierung einen Vereinigungsfonds von umgerechnet rund 55 Milliarden Euro, der noch vor den Wahlen im Sommer vom Parlament genehmigt werden soll. Das Startkapital dafür kommt von der Regierung, den Rest sollen Koreaner im Inland und im Ausland spenden.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Einheit hat inklusive der Transferkosten weit über eine Billion Euro gekostet...

Yu: Natürlich kann es sein, dass wir schon im ersten Jahr fünfmal mehr brauchen, als der Fonds hergibt. Aber es geht nicht nur um Geld, es geht um den Willen zur Einheit. Wenn die Bürger Schlange stehen, um Geld zu spenden, so wie sie freiwillig Gold gesammelt haben, als wir 1998 gemeinsam erfolgreich gegen die Wirtschaftskrise kämpften, ist der symbolische Wert unschätzbar, auch gegenüber den Menschen im Norden. Das zeigt, das wir es ehrlich meinen.

SPIEGEL ONLINE: Die Sehnsucht nach einer Wiedervereinigung sinkt in Ihrem Land rapide. Vor allem unter den jungen Südkoreanern liegt die Zustimmungsrate weit unter 50 Prozent, weil sie Angst vor den wirtschaftlichen Folgen haben.

Yu: Die Menschen haben sich an die Teilung gewöhnt. Und wir haben bisher immer nur die Kosten der Wiedervereinigung betont, aber nie die Kosten der Teilung. Das sind ja nicht nur Ausgaben für die Flüchtlinge oder humanitäre Hilfsprogramme für Pjöngjang, um zum Beispiel die Hungersnöte zu mildern. Es sind auch sicherheitspolitische und sozialpolitische Kosten. Das Geld für die Wiedervereinigung zahlen wir aber nur einmal, der Nutzen ist ewig.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hilfe erwarten Sie von Deutschland?

Yu: Die Bedingungen der deutschen Einheit sind nicht eins zu eins vergleichbar, trotzdem sind die Erfahrungen ein Lehrbuch für Korea. Insbesondere, dass wir nicht unvorbereitet in diese Situation kommen und wie die Integration von Ost und West bewältigt wurde.

Anmerkung der Reaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde der Umfang des Vereinigungsfonds mit 55 Millionen Euro beziffert. Tatsächlich sind es 55 Milliarden Euro. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Das Interview führte Manfred Ertel

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1. ....
Chlodwich 10.03.2012
Zitat von sysopErlebt auch Korea irgendwann seine Wiedervereinigung? Im Süden glaubt man fest daran - und fängt schon an zu sparen, um die gewaltigen Kosten zu bewältigen. Der zuständige Minister, Yu Woo Ik, erklärt im Interview, was er von Kim Jong Un hält und was sein Land von Deutschland lernen kann. Südkoreas Vereinigungsplan: "Niemand will den Norden einfach schlucken" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820295,00.html)
Der Vergleich war vielleicht nicht der Beste. Die ehemalige DDR wurde so gut wie voll von der damaligen BRD geschluckt, man hatte einfach das westdeutsche System über das ostdeutsche gestülpt.
2.
hokie 10.03.2012
Die Frage ist viel mehr was macht man mit den weit ueber einer Million indoktrinierter und fanatischen Politkadern, Soldaten und sonstigen 'Sicherheitskraeften'? Oder besser werden diese eine halbwegs friedliche und geordnete Wiedervereinigung ueberhaupt zulassen? Wohl kaum! Fuer viele Ostdeutsche war der Erstkontakt mit dem Westen schon ein Kulturschock ; wie werden dann wohl erst hungernde Menschen reagieren die in der Schule Schiefertafeln zum schreiben nutzen, wenn diese an jeder Ecke fette Kinder mit IPhones spielen sehen? Sollten "Westler"/Touristen in naher Zukunft sich frei in Nordkorea bewegen koennen, dann wird es wohl zu einer Art Freakshow Disneyland entwickeln; das wird jeder sehen wollen. Aber NEIN natuerlich nicht; bei Verkehrsunfaellen gafft ja schliesslich auch keiner ... Ich glaube Nordkorea muss noch lange in seiner gewachsenen 'Blase' bleiben und sich darin Schritt fuer Schritt mit Hilfe Suedkoreas modernisieren und die Gesellschaftlich an den Westen heran wachsen und erst dann sehr sehr wohldosiert oeffnen ...
3.
rainer_daeschler 10.03.2012
Zitat von ChlodwichDie ehemalige DDR wurde so gut wie voll von der damaligen BRD geschluckt, man hatte einfach das westdeutsche System über das ostdeutsche gestülpt.
Das funktionierte, weil ein ganzes Land aufgegeben und die ganze Bevölkerung überwiegend gefordert hatte: "Auch wir wollen jetzt Westler sein!". Der gemeine Nordkoreaner hat mangels Informationen keine Vorstellung, was der Süden ist und wie es dort aussieht. Viele denken eher daran, dass es eine vom Kapitalismus geknechtete Gesellschaft sei, vor deren Schicksal sie von ihrer weisen und umsichtigen Führung bisher gerettet wurden. Ein Gedanke: "Golf statt Trabi", gibt es also im vergleichbaren Sinne nicht. Der Reichtum Südkoreas würde die Nordkoreaner quasi erschlagen. Dann würde aber auch eine Rückbesinnung auf "nordkoreanische Werte" folgen, weil viele Nordkoreaner von der Welt des Südens überfordert wären. Das wäre die Stunde der Arbeiterpartei Nordkoreas, die im gemeinsamen Korea die größte Partei stellen würde.
4. Zeigen sie mir ein einziges Land auf der Welt...
DerNachfrager 10.03.2012
[QUOTE} Ich glaube Nordkorea muss noch lange in seiner gewachsenen 'Blase' bleiben und sich darin Schritt fuer Schritt mit Hilfe Suedkoreas modernisieren und die Gesellschaftlich an den Westen heran wachsen und erst dann sehr sehr wohldosiert oeffnen ...[/QUOTE] ... wo so etwas funktioniert hat. Ohne dass ein viel größerer Bruder mit Billionen dahinter stand.
5.
freiheitsk 10.03.2012
Zitat von sysopErlebt auch Korea irgendwann seine Wiedervereinigung? Im Süden glaubt man fest daran - und fängt schon an zu sparen, um die gewaltigen Kosten zu bewältigen. Der zuständige Minister, Yu Woo Ik, erklärt im Interview, was er von Kim Jong Un hält und was sein Land von Deutschland lernen kann. Südkoreas Vereinigungsplan: "Niemand will den Norden einfach schlucken" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820295,00.html)
Wenn die Koreaner wirklich von (bzw. aus) Deutschland lernen wollen, dann sollten sie bei einer Wiedervereinung eine neue Verfassung verabschieden und den Abzug der letzten Besatzertruppen einleiten.
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Zur Person
  • REUTERS
    Yu Woo Ik, 62, ist Minister für Wiedervereinigung in Seoul und enger Vertrauter des Präsidenten. Er hat an der Universität Kiel Geografie, Geschichte und Soziologie studiert und dort auch 1980 in Geografie promoviert. Später war er als Botschafter in China und fungierte als Stabschef des südkoreanischen Präsidenten Lee Myung Bak.

Karte

Fläche: 99.646 km²

Bevölkerung: 48,184 Mio.

Hauptstadt: Seoul

Staatsoberhaupt:
Park Geun Hye

Regierungschef: Chung Hong Won

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Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 24,346 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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