Südlibanon Rakete trifft Hilfskonvoi, Uno zieht Soldaten ab

Dramatische Zuspitzung im Südlibanon: Beim Angriff auf einen Hilfskonvoi wurde auch das Fahrzeug eines deutschen Journalisten-Teams getroffen. Die Uno kündigte an, ihre Beobachter abzuziehen. Israel forderte die libanesische Bevölkerung ultimativ zur Flucht nach Norden auf.


Beirut/Tel Aviv/Kopenhagen/Rom - Beim Angriff auf den Hilfskonvoi im Südlibanon wurde das Fahrzeug eines deutschen Journalisten-Teams getroffen. Die N24-Reporterin Katrin Sandmann und ihre Kollegen seien bei dem Zwischenfall aber unverletzt geblieben, sagte der Chefredakteur Aktuelles, Jörg Harzem in Berlin.

Der Konvoi, der unterschiedlichen Angaben zufolge zwischen 40 und 150 Fahrzeuge umfasst haben soll, wurde von einer israelischen Rakete getroffen, als er vom Dorf Rmeisch in die Hafenstadt Tyrus unterwegs war. Als das Geschoss neben dem Wagen einschlug, wurden zwei arabische Mitarbeiter des deutschen Nachrichtenkanals verletzt, ein jordanischer Kameramann und sein libanesischer Fahrer.

Der Tross brachte kranke und alte Bewohner des durch die Kampfhandlungen abgeschnittenen Dorfes in Sicherheit. Er und sein Fahrer hätten dank der Schutzwesten, die sie getragen hatten, nur leichte Verletzungen erlitten, sagte der Kameramann Mohammed Nagawi. Bei dem Raketenangriff wurden drei weitere Zivilisten verletzt, berichteten Augenzeugen.

Ein Libanese betrachtet das Wrack eines Autos, das bei einem israelischen Luftangriff zerstört wurde.
AP

Ein Libanese betrachtet das Wrack eines Autos, das bei einem israelischen Luftangriff zerstört wurde.

Nachdem am Dienstagabend nach israelischem Beschuss vier Blauhelme im Südlibanon ums Leben kamen, will die Uno nun ihre Beobachter aus dem unmittelbaren Krisengebiet abziehen. Von dem Plan berichten die dänischen Streitkräfte. Die Unifil-Beobachter würden vorübergehend im Hauptquartier in Nakura an der libanesischen Küste zusammengezogen. Dies sei eine Reaktion aus dem fortgesetzten Beschuss in den vergangenen Tagen, hieß es in der kurzen Mitteilung weiter.

Die Lage im Südlibanon spitzt sich weiter zu: Ultimativ forderte die israelische Armee die Zivilbevölkerung jetzt zur Flucht nach Norden auf. Doch aus den Kellern in den umkämpften Dörfern gibt es kaum ein Entkommen. Inzwischen sollen auch deutsche Vermittler in der Region tätig sein.

Über lokale Medien sei die Bevölkerung des Südlibanons vor Militäreinsätzen gegen die Hisbollah gewarnt worden, teilte die Armee heute in Tel Aviv mit. Die Frist sei am Freitag abgelaufen. "Jeder Fahrer, der nach 10 Uhr in diesem Gebiet unterwegs ist, und jede Person, die diese Warnung nicht befolgt, riskieren ihre Sicherheit und die ihrer Familien", hieß es in der Mitteilung. Die Armee wolle das Risiko für Zivilisten gering halten.

Etliche sitzen in Kellern fest

Auch Deutsche sollen noch in Südlibanon sein. Doch wer in den umkämpften Dörfern nahe der israelischen Grenze in den Kellern hockt, hat keine Chance mitgenommen zu werden. Denn dort, wo israelische Bodentruppen gegen die Hisbollah-Miliz kämpfen, fährt laut der Nachrichtenagentur dpa ein unbewaffnetes deutsches Hilfsteam nicht hin.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) verstärkte jetzt seine Hilfslieferungen in die Krisenregion. "Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren", sagte WFP-Experte Amer Daoudi. Die Organisation habe heute mehrere Lkw-Konvois in die südlibanesischen Städte Sidon und Jezzine geschickt, die die Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln, Medizin sowie Decken und Zelten versorgen sollen. Zudem sei von Italien aus ein Frachtflugzeug in die Region gestartet, teilte das WFP in Rom mit. Weitere Hilfskonvois sollen in den nächsten Tagen in die Region fahren.

"Frauen und Kinder haben täglich nicht nur mit der Bedrohung durch Beschießung und Verletzungen zu kämpfen, sondern auch mit Nahrungsmittel- und Wasserknappheit", erklärte Daoudi. "Wenn wir den Menschen jetzt nicht helfen, dann wird es zu einer großen Katastrophe kommen." Insgesamt benötige das WFP für die Lebensmittel und die Logistik der sofortigen Hilfsaktionen 48 Millionen Euro. Die Organisation rief die Internationale Gemeinschaft zu Spenden auf.

Deutsche sollen vermittlen

Laut einem arabischen Zeitungsbericht bemühen sich inzwischen auch deutsche Vermittler um den Austausch der zwei in den Libanon verschleppten israelischen Soldaten. Wie die in London erscheinende Tageszeitung "al-Hayat" heute unter Berufung auf libanesische Regierungskreise berichtete, befindet sich die Initiative noch "in ihrem Anfangsstadium". Vorerst gehe es darum, "geeignete Bedingungen für einen Gefangenenaustausch zu bestimmen", hieß es in dem Bericht weiter.

Die Verschleppung der zwei Soldaten durch die radikal-islamische Hisbollah-Miliz hatte am 12. Juli den jüngsten Libanon-Konflikt ausgelöst. Derzeit sei nicht bekannt, unter welchen Bedingungen die Hisbollah bereit wäre, die beiden Soldaten freizulassen, hieß es in dem "al-Hayat"-Artikel. Israel hält in seinen Gefängnissen derzeit drei Libanesen und mehr als 8000 Palästinenser fest.

Deutschland hat schon mehrfach in Nahost an der Freilassung von Gefangenen und Geiseln mitgewirkt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier war 2004 als damaliger Chef des Kanzleramtes an der Vereinbarung des bislang letzten Gefangenenaustauschs zwischen der Hisbollah und Israel beteiligt.

USA: Haben keinen Freibrief erteilt

Unterdessen wies die US-Regierung die Einschätzung zurück, die Libanon-Konferenz von Rom habe Israel einen Freibrief für die Fortsetzung seiner Offensive in dem Nachbarland gegeben. "Eine solche Äußerung ist empörend", sagte der Sprecher des US-Außenministeriums, Adam Ereli, heute in Kuala Lumpur. Die USA scheuten keine Anstrengungen, um zu einem tragfähigen und dauerhaften Ende der Gewalt beizutragen, sagte er während eines Besuchs von US-Außenministerin Condoleezza Rice in der malaysischen Hauptstadt.

Die Konferenz in Rom hatte sich am Mittwoch auf Druck der USA nicht auf die Forderung nach einer sofortigen Waffenruhe im Libanon einigen können. Der israelische Justizminister Haim Ramon hatte gesagt, damit habe das Treffen seinem Land effektiv grünes Licht für die Fortsetzung der Bombardierungen gegeben.

Der französische Staatspräsident Jacques Chirac hat sich für eine Uno-Resolution zu einem sofortigen Waffenstillstand im Libanon ausgesprochen: Frankreich werde sich für die schnelle Verabschiedung einer entsprechenden Erklärung einsetzen. Ein Sprecher des Außenministeriums kündigte an, Paris hoffe schon in den kommenden Tagen einen Resolutionsentwurf in Umlauf zu bringen. Einer Waffenruhe müsse "ein politisches Abkommen zwischen den Parteien" (Israel und der Hisbollah-Miliz) zu Grunde liegen, außerdem müsse sie durch die Stationierung einer internationalen Friedenstruppe mit Uno-Mandat gestützt werden, betonte Chirac in Paris.

In einer Krisensitzung zum Libanon mit einem Kreis ausgewählter Minister hat Chirac nach Angaben seines Amts den "Ernst der Lage" betont und gefordert, die auf der Libanon-Konferenz angekündigten Maßnahmen müssten "so rasch wie möglich umgesetzt werden". Humanitäre Korridore auf See- und Landwegen seien dringlich, damit der Zivilbevölkerung rasch und sicher geholfen werden könne.

asc/lan/AP/AFP/Reuters/dpa/ddp

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