Südossetien-Konflikt: Stellvertreterkrieg um Macht und Ressourcen

Von Carmen Eller, Moskau

Der Konflikt im Kaukasus ist brandgefährlich - denn es geht nicht allein um Südossetien. Russland kämpft um seinen Anspruch als Großmacht, Georgien bangt um seine bisher guten Beziehungen zur Nato. Im Hintergrund tobt ein geostrategisches Geschacher um den Zugang zu Gas, Öl und Pipelines.

In der staatsnahen russischen Zeitung "Iswestija" beschrieb vor wenigen Tagen ein Reporter seine Fahrt durch den Kaukasus in Richtung Südossetien. Auf einer Gebirgsstraße wies der ossetische Fahrer den Journalisten auf eine Gaspipeline am Straßenrand hin. "Das ist unsere am höchsten gelegene Bergpipeline", sagte er.

"Sollen wir die etwa Georgien überlassen?"

Eifersüchteleien zwischen Dutzenden verschiedenen Volksgruppen, der Konflikt zwischen Muslimen und Christen, das Gerangel um Rohstoffe und Transportwege - dieses Gemisch hat den Kaukasus seit Jahrzehnten zum brandgefährlichen Konfliktherd gemacht. In den vergangenen Jahren waren es vor allem die Auseinandersetzungen zwischen Georgien und Russland, die die Schlagzeilen bestimmten. Jetzt sind sie in der umstrittenen Provinz Südossetien zu einem offenen Krieg eskaliert.

Die beiden Kontrahenten Georgien und Russland streiten sich gleich um zwei Provinzen, um Südossetien und Abchasien. Die Einwohner fühlen sich emotional an Russland gebunden, beide Regionen sind seit langem semiautonom. Formell gehören sie zum georgischen Staatsgebiet.

Steinmeier unterbrach Urlaub

Es ist eine verfahrene Lage: Der Westen, der sich auf dem Balkan für die Unabhängigkeit von Provinzen wie dem Kosovo stark gemacht hat, opponiert im Kaukasus gegen die Abspaltung von Abchasien und Südossetien - und für die Einheit seines Alliierten Georgien, der bisher immer als Kandidat für die Nato hofiert wurde.

SPIEGEL ONLINE

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen konnte sich bislang nicht auf eine gemeinsame Linie einigen, wie im Konflikt zwischen Georgiern und Südosseten angemessen zu reagieren sei. Eine Pattsituation, in der die einzelnen Parteien viele Vorwürfe äußern.

Die Bundesregierung ist über die Lage am Kaukasus zutiefst besorgt, hieß es. Außenminister Frank-Walter Steinmeier unterbrach seinen Urlaub in den Alpen, um mit beiden Konfliktparteien per Telefon zu sprechen, und drang dabei auf eine rasche Mäßigung, um eine weitere Eskalation zu verhindern. "Ich rufe alle Beteiligten mit Nachdruck dazu auf, unverzüglich jegliche Gewaltanwendung zu beenden und geeignete Schritte zur Beruhigung der Lage zu ergreifen", sagte er nach den Telefonaten mit dem georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili und dem russischen Außenminister Sergej Lawrow.

Alle Beteiligten müssten davon Abstand nehmen, durch ihre Rhetorik und gegenseitige Schuldvorwürfe die Spannungen zusätzlich zu verschärfen, forderte Steinmeier eindringlich. Es komme jetzt darauf an, aus der "Spirale gegenseitiger Drohungen und Gewalt" auszubrechen. "Ich appelliere deshalb an die Parteien, unverzüglich in einen direkten Dialog einzutreten", erklärte der SPD-Politiker. Die deutsche Seite will einstweilen den Dialog mit beiden Seiten weiterführen. Noch, so die Analyse des Auswärtigen Amts, könne man in den Konflikt "einhaken".

USA haben die Armee Georgiens modernisiert

Die Krise im Kaukasus offenbarte in der Vergangenheit immer wieder auch die Differenzen zwischen Russland und USA. Russland möchte seinen Einfluss in der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien nicht verlieren. Für die Regierung in Washington wiederum ist Georgien ein Transitland für Öl und Gas und ein regionaler Brückenkopf. Die Amerikaner bieten neben politischer Rückendeckung auch finanzielle Unterstützung.

Seit der "Rosenrevolution" im November 2003, die zur Amtsübernahme des jetzigen Präsidenten Micheil Saakaschwili führte, verstärkte Amerika sein Engagement in der Region. Die USA stellten Georgien Mittel zur Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung und agieren als wichtiger Investor. Saakaschwili fühlt sich Amerika nah, er studierte zeitweise in den USA und war mehrfach als Staatsmann dort zu Gast. Mit Hilfe von USA und Nato rüstete Tiflis in den vergangenen Jahren stark auf und modernisierte seine Armee.

Für Saakashwili hat die Einheit seines Staates die höchste politische Priorität - das hat er immer wieder deutlich gemacht.

Ähnlich wie die USA hat auch Westeuropa im Konflikt um Abchasien und Südossetien vor allem die Regierung in Tiflis unterstützt. Dabei spielen wiederum geopolitische Interessen eine entscheidende Rolle. Georgien ist auch für Europa als Transitland für Rohstoffe ein wichtiger Partner.

Hilflosigkeit des Westens nützt Russland

In einer Fernsehansprache hatte Saakaschwili noch am Donnerstag die Führung von Südossetien zu Verhandlungen aufgefordert. Das Angebot lautete: Weitgehende Autonomie unter russischer Aufsicht, aber kein Ausscheren aus dem georgischen Staatsverband. Doch auf Versprechungen dieser Art geben die Bewohner in den abtrünnigen Regionen wenig: Das Vertrauen in die georgische Führung ist schon lange dahin, die eigene Unabhängigkeit ist für die meisten Osseten und Abchasier nicht mehr wirklich verhandelbar.

Deshalb stießen auch die jüngsten Vermittlungen Steinmeiers in Abchasien auf Ablehnung. Nach seinen Vorstellungen wäre die Frage nach dem Status der beiden Teilrepubliken an das Ende der Verhandlungen gelegt worden - undenkbar für die abchasische Führung. Sie sieht in der Unabhängigkeit ihres Staates das Fundament für alle weiteren Schritte. "Die Frage unseres Status diskutieren wir mit niemandem", sagte Abchasiens Außenminister Sergei Schamba im SPIEGEL-ONLINE-Interview. "Die Beziehungen zu Russland lösen praktisch alle unsere Probleme." Hoffnung auf eine Unterstützung aus Europa gibt es kaum. In der politischen Isolation erscheint Russland sowohl für Südossetien als auch Abchasien heute als einzig verlässlicher Partner.

Die Hilflosigkeit der internationalen Gemeinschaft nützt Russland. Denn solange Abchasien und Südossetien von der internationalen Staatengemeinschaft nicht anerkannt werden und somit faktisch isoliert bleiben, kann Russland seinen Einfluss in der Region geltend machen. Wenn Georgien es nicht schafft, seine territoriale Integrität wieder herzustellen, rückt darüber hinaus ein Nato-Beitritt in weite Ferne. Eine Entwicklung, die ebenfalls im Sinne des Kremls liegt. Russland agierte in den vergangenen Jahren zunehmend als Schutzmacht, verteilte russische Pässe in Abchasien und Südossetien und baute die Gaspipeline von Südossetien nach Norden.

Klar ist vor allem: Die Südosseten und die Abchasen wollen schon längst nichts mehr mit den Georgiern zu tun haben. "Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten" - dieses Gandhi-Zitat ziert eine abchasische Webseite und drückt die Stimmung vieler Menschen in den beiden Provinzen aus.

Eine friedliche Gemeinschaft in einem geeinten Georgien - diese Aussicht erscheint heute selbst großen Optimisten als utopisches Projekt. Der Tenor in den einst autonomen Republiken Georgiens lautet vielmehr: Nur kriegerische Gewalt kann noch zusammenhalten, was nicht mehr zusammengehört.

Mitarbeit: Matthias Gebauer

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