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Südossetien-Krise: Russische Kampfjets beschießen Öl-Pipeline

Im russisch-georgischen Krieg wird verbissen weiter gekämpft. Beide Seiten werfen sich "ethnische Säuberungen" vor. Georgien behauptet, Russland habe eine wichtige Öl-Pipeline beschossen und beklagt zivile Opfer. Zudem greifen die Kampfhandlungen auf Abchasien über.

Tiflis - Ungeachtet des Angebots einer Waffenruhe, das Georgiens Präsident Mishail Saakaschwili unterbreitet hatte, gingen die Kämpfe zwischen russischen und georgischen Streitkräften am Samstag unvermindert weiter. Sie griffen sogar noch auf die zweite von Georgien abtrünnige Provinz, Abchasien, über.

Verwundete Georgierin: Kämpfe gehen weiter
REUTERS

Verwundete Georgierin: Kämpfe gehen weiter

Russische Kampfjets flogen bis zu fünf Angriffe überwiegend auf militärische Ziele in der Umgebung der georgischen Stadt Gori, die nahe Südossetien liegt. Russland hat Georgien zufolge auch versucht, eine für die Rohstoffversorgung des Westens wichtige Öl-Pipeline zu zerstören. Die Baku-Tiflis-Ceyhan-Leitung sei von russischen Jets angegriffen worden, sagte Ekaterina Scharaschidse, Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung. Die Angreifer hätten ihr Ziel aber verfehlt. Dies beweise, dass Russland nicht allein auf die wirtschaftlichen Interessen Georgiens abziele, sondern auch auf internationale Wirtschaftsinteressen in Georgien.

Beide Seiten warfen einander Vertreibungen vor. Der Sekretär des georgischen Sicherheitsrates sprach von "ethnischen Säuberungen", die russische Soldaten durchführten. Der russische Nato-Botschafter Dmitry Rogozin erklärte in Brüssel, in Südossetien finde ein "Völkermord" statt.

Putin im Krisengebiet

Am frühen Abend reiste der russische Premierminister Waldimir Putin aus Peking zurück nach Russland und besuchte eine Stadt in der Nähe zur Grenze nach Südossetien. Er wolle dort über die Lage der ins Land strömenden Flüchtlinge reden, hieß es in russischen Agenturberichten. Russland zufolge sind bereits 30.000 Südosseten auf russisches Gebiet geflohen.

Angesichts der Krise erwägt Georgien, seine Athleten von den Olympischen Spielen in Peking abzuziehen. "Wir reden darüber. Aber es ist die Entscheidung des Präsidenten", hieß es vom Nationalen Olympischen Komitee in Tiflis. An den Spielen nehmen 35 Sportler aus Georgien Teil.

Der Konflikt war am gestrigen Freitag eskaliert, nachdem georgische Soldaten in Südossetien einmarschiert waren, um die dortigen Separatisten unter Kontrolle zu zwingen. Russland hatte daraufhin zu deren Unterstützung eine Gegenoffensive begonnen. Allerdings beschränkten sich die russischen Angriffe nicht nur auf das umkämpfte Gebiete, sondern umfassten auch Ziele in Georgien selbst.

Russland fordert Rückzug Georgiens

Am Samstagmittag bot Sakaschwili eine Waffenruhe, eine Entflechtung der Truppen und eine Demilitarsiierung des Konfliktgebietes an. Russland reagierte mit einer Erklärung, derzufolge der einzige Weg zur Lösung der Krise ein vollständiger georgischer Militärrückzug aus Südossetien sei.

Am Samstagnachmittag griffen die Kämpfe auf die Provinz Abchasien über: Die dortigen Separatisten begannen nach eigenen Angaben, Luft- und Artillerieangriffe gegen georgische Stellungen zu führen. Russische Kampfjets sollen ebenfalls in Abchasien zum Einsatz gekommen sein.

Abchasien hatte sich wie Südossetien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von Georgien losgesagt. Die Unabhängigkeit beider Regionen ist international aber nicht anerkannt. Georgien wirft Russland vor, Südossetien und Abchasien annektieren zu wollen. Die Regierung in Moskau beschuldigt hingegen Georgien, sich die Gebiete gewaltsam wieder einverleiben zu wollen.

Das Parlament in Tiflis erklärte unterdessen offiziell den Kriegszustand, zunächst für eine Dauer von fünfzehn Tagen.

US-Präsident George W. Bush zeigte sich "tief besorgt" über die Krise. Er forderte Russland auf, die Angriffe auf das georgische Gebiet außerhalb der Konfliktzone in Südossetien sofort zu stoppen. Georgien sei ein souveräner Staat, dessen territoriale Integrität respektiert werden müsse.

In einem Telefonat mit Bush habe der russische Präsident Dmitrij Medwedew unterdessen betont, dass "der einzige Ausweg aus der tragischen Krise, die durch die georgische Führung provoziert wurde, der Abzug der bewaffneten Verbände durch Tiflis aus der Konfliktzone ist", heißt es in einer Kreml-Pressemitteilung.

Unklarheit über Operzahlen

Am Samstagvormittag hatte die russische Armee gemeldet, sie habe die südossetische Hauptstadt Zchinwali völlig unter ihre Kontrolle gebracht. Georgien dementiert diese Nachricht.

Mit Spezialeinsätzen der russischen Streitkräfte würden nun weitere Regionen "befreit", sagte ein russischer Militärsprecher zudem nach Angaben der Agentur Interfax. Dabei gehe es nur um das von den sogenannten Friedenskräften kontrollierte Gebiet in der von Georgien abtrünnigen Region. Georgien hatte vor dem am Freitag ausgebrochenen Militärkonflikt etwa ein Drittel Südossetiens unter seiner Kontrolle.

Wie viele Menschen bisher ums Leben gekommen sind, ist unklar. Südossetische Separatisten sprechen von über 1500 Toten. Der russische Botschafter in Georgien sprach von mindestens 2000 Menschen, die beim Kampf in der Hauptstadt Zchinwali gestorben seien. Aus Tiflis hieß es, die Zahl der getöteten Zivilisten sei wahrscheinlich zweistellig. Aber es gibt keine unabhängige Bestätigung für diese Angaben.

yas

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