Südossetien-Propaganda Wie die Wahrheit den Krieg verlor

Übertriebene Opferzahlen, Falschmeldungen über Manöver - im Kaukasus-Konflikt haben sich Georgien und Russland mit Horrormeldungen überboten. Erstmals hat die Propagandaschlacht auch mit voller Wucht das Internet erfasst, mit Bloggern und Hackern als Soldaten im Cyberkrieg.

Von , und Heike Sonnberger


Hamburg - Die Meldungen aus Georgien klangen klar und alarmierend: Am Montagabend konnte es scheinen, als würden schon bald die ersten russischen Panzer über den Rustaweli-Boulevard von Tiflis rollen. "Russische Truppen dringen Richtung Georgiens Hauptstadt vor" - diese Meldung hatte die georgische Regierung verbreiten lassen.

Aber auch am Dienstagabend gab es rund um die Hauptstadt Georgiens keine Spur von russischen Panzern. Im Gegenteil: Russlands Präsident verkündete ein Ende der Offensive und versprach einen baldigen Abzug der Truppen aus Südossetien.

Der Krieg im Kaukasus war auch ein Krieg um die Wahrheit. Russland und Georgien kämpften nicht nur gegeneinander, sie kämpften und kämpfen auch um die Deutung der Ereignisse. Der junge britische Reporter William Dunbar hat das eindrucksvoll erfahren. Er arbeitete bis vor kurzem für den russischen TV-Sender Russia Today - bis seine Berichterstattung nicht mehr gewünscht war.

Wie die "Moscow Times" berichtet, hatte Dunbar am Samstag in einem Bericht über die Kämpfe in Südossetien auch die russischen Bombenangriffe gegen Georgien erwähnt - seitdem durfte er keine Sekunde mehr senden. "Die wahren Nachrichten, die wahren Fakten der Sache passten nicht zu dem, was sie bringen wollten, und deshalb ließen sie mich nicht berichten", sagte Dunbar der "Moscow Times". Inzwischen hat er bei dem englischsprachigen Sender gekündigt.

"Drei feindliche Zeitungen sind mehr zu fürchten als tausend Bajonette." Dieser Satz wird Napoleon Bonaparte zugeschrieben - er könnte in leicht abgewandelter Form auch von Russlands Staatschef Dmitrij Medwedew, Premier Wladimir Putin oder Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili stammen.

"Die Kontrolle über die Medien ist absolut existentiell in jedem Krieg. Kriege werden nicht mehr auf dem Schlachtfeld gewonnen, sondern mit der Unterstützung der öffentlichen Meinung", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Christiane Eilders von der Universität Augsburg. Der Vietnam-Krieg sei der erste Krieg gewesen, der auch in den Wohnzimmern der Fernsehzuschauer ausgetragen wurde. Erstmals hätten die verschiedenen Seiten dann im Kosovo-Konflikt bewusst versucht, die Medien zu instrumentalisieren und die Deutungshoheit über Gut und Böse zu beanspruchen. Seither verschärfe sich die Schlacht um die Kontrolle der Berichterstattung mit jedem Konflikt, sagt Eilders, die über die Rolle von Medien im Krieg forscht.

"In jedem Krieg lernen die Konfliktparteien hinzu, wie sie die Medien unauffällig instrumentalisieren und mit welchen Informationen sie sie füttern können", sagte Eilders SPIEGEL ONLINE. Die Beschaffung von verlässlichen Informationen sei - wie in jedem Krieg - sehr mühsam. Im Kaukasus war das besonders gut zu beobachten.

Anna Neistat, Direktorin des Moskau-Büros von Human Rights Watch (HRW), drückt es so aus: "Der Klammergriff der staatlichen Propaganda ist besorgniserregend." Es sei praktisch unmöglich, "verlässliche Informationen über aktuelle Entwicklungen und reale Opferzahlen zu bekommen", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Während die Menschenrechtlerin in ihr Funktelefon spricht, ist sie mit dem Auto unterwegs ins südossetische Zchinwali, "um sich selbst ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung zu machen".

In Berichten über die südossetische Hauptstadt seien Opferzahlen klar manipuliert worden, sagt Neistat - einzig zum Zweck der kriegerischen Stimmungsmache. Russlands Botschafter in Georgien hatte am Samstag erklärt, durch georgische Bombardements seien in der ersten Kriegsnacht 1500 Menschen gestorben, "98 Prozent Zchinwalis liegen in Ruinen". Doch das Feldhospital von Alagir, in das fast alle verwundeten Südosseten und Russen zunächst eingeliefert werden, nahm laut Neistat in jener Nacht lediglich ein Dutzend Verwundete auf. "In modernen Kriegen ist die Zahl der Verletzten durchschnittlich dreimal höher als die der Toten", sagt sie. "Niemand kennt die genauen Opferzahlen, aber sie dürfte wesentlich niedriger liegen als von Russland behauptet."

Übertreibung gehörte in diesem Krieg zur Informationspolitik: Das russische Staatsfernsehen zeigt zwischen den Nachrichten immer wieder Zusammenschnitte erschreckender Szenen aus Südossetien, untermalt mit getragener Musik. "Ich habe erwartet, dass es schwierig sein wird, die Fakten zu erfahren", sagt HRW-Mitarbeiterin Neistat, "doch momentan habe ich keinerlei Vertrauen in jegliche Informationen, die die Regierungen verbreiten." Sie klingt bitter.

Mit der Verbreitung des Internets hat sich die Propagandaschlacht auch hier weiter zugespitzt - Fachleute sprechen schon vom "Cyberkrieg": Viele georgische Web-Seiten sind seit Tagen nicht mehr erreichbar, schuld sollen russische Hacker sein. Die estnische Regierung kündigte inzwischen die Entsendung von Computerspezialisten an, die Georgien im Konflikt mit Russland bei der Abwehr von Online-Angriffen unterstützen sollen.

Zudem tobt in den Blogs ein erbitterter verbaler Kampf. Schon im Irak-Krieg hätten zahlreiche Blogs aus ziviler Sicht über die Opfer berichtet, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Eilders. "Dadurch wurde eine enorme Anti-Kriegs-Mobilisierung erreicht. Blogs werden generell als glaubwürdiger empfunden." Das Problem der Manipulation würden sie aber nicht lösen. "Blogs unterliegen keinerlei Kontrolle und sind keinesfalls glaubwürdiger", sagt Eilders. "Journalisten haben einen Ruf zu verlieren und können sich viel weniger leisten, Unwahrheiten zu verbreiten."

Außerdem sieht die Professorin eine weitere Gefahr: Es sei zwar bisher noch kein Fall bekannt, in dem Blogger von Regierungen oder Militärs für ihre Zwecke eingespannt wurden. Aber: "Die kriegführenden Parteien scheuen vor keinem Mittel zurück, um ihre Propaganda unters Volk zu bringen."

Die unübersichtliche Lage erschwere die Arbeit der Journalisten im Kaukasus-Krieg jedenfalls immens, "es bleibt auch hier nur die Taktik des Mosaikstein-Zusammensetzens, aber die Steine sind weit verstreut und aufwendig zu besorgen".

Eilders' Urteil: "Ich habe selten erlebt, dass in der Kriegsberichterstattung so unklare Lageberichte abgegeben werden."

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