Ärzte im Krisenstaat Südsudan Ohne Lohn gegen das Sterben der Kinder

Im Südsudan sind Ärzte und Krankenschwestern seit Monaten unbezahlt. Fast jeden Tag sterben Kinder in den Kliniken. Doch in dem Krisenland geht fast die Hälfte des staatlichen Gelds an das Militär.

Stefanie Glinski

Von Stefanie Glinski, Juba


Nach einer neunstündigen Frühschicht geht Kinderarzt Justin Bruno nicht nach Hause, sondern zu einer privaten Klinik, wo er noch bis Mitternacht arbeitet und etwas Geld verdient. Seit März wurde er - und das gesamte öffentliche Krankenpersonal des Landes - nicht mehr bezahlt. Denn der jüngste Staat der Welt, von einem jahrelangen Bürgerkrieg geplagt, hat dafür kein Geld.

Bereits zwei Jahre nach der 2011 erworbenen Unabhängigkeit brach im Südsudan ein heftiger Krieg zwischen Regierung und Opposition aus, bei dem mehr als 50.000 Menschen ihr Leben verloren. Es ist derzeit Afrikas größte Flüchtlingskrise: Eine Million Männer und Frauen haben bereits Sicherheit in Nachbarländern gefunden, mehr als zwei Millionen Menschen mussten aufgrund von Angriffen auf ihre Dörfer umsiedeln, täglich kommt es zu neuer Gewalt.

Al Sabbah, das überlaufene und landesweit alleinige Kinderkrankenhaus in der südsudanesischen Hauptstadt Juba, in dem Doktor Bruno tätig ist, behandelt täglich mehr als 500 Patienten, doch fast jeden Tag sterben hier Kinder einen vermeidbaren Tod.

Als einzig wirklich studierter Arzt ist der junge Familienvater überfordert. Zehn weitere Mitarbeiter nennen sich hier Ärzte, haben den Doktortitel jedoch noch nicht offiziell erworben.

"Wir arbeiten seit Monaten gratis, denn das Gesundheitsamt erhält nur zwei Prozent des Staatsbudgets und kann uns gerade nicht bezahlen. Ein Großteil des Gesamteinkommens fließt in das Militär", erzählt Bruno. Jedes Wochenende arbeitet er den ganzen Tag als Landwirt, um seine hungrige Familie ernähren zu können. Bis Februar erhielt er 900 südsudanesische Pfund pro Monat - umgerechnet ungefähr fünf Euro.

Im neuen, jetzt beginnenden Finanzjahr wird dem Gesundheitswesen umgerechnet ungefähr 6,1 Millionen Euro zugerechnet - in einem Land von geschätzt zwölf Millionen Menschen und der welthöchsten Inflation.

"Wir brauchen Frieden, damit sich etwas ändert", sagt James Jada, Gesundheitsminister des Bundesstaats Jubek. Mindestens zehn Prozent des Staatseinkommens hätte er gern für seinen Sektor. "Aufgrund der momentanen Krise haben wir aber keine Priorität. Denn Gelder müssen der Verteidigung, dem Militär und Waffen zugeteilt werden."

Auch ihm ist die aussichtslose Situation im Krankenhaus Al Sabbah bekannt. Schon bereits bei Sonnenaufgang warten Hunderte von Menschen vor den Toren der Klinik. Mütter, groß gewachsen und in bunten Gewändern, tragen ihre weinenden oder schlafenden Kinder auf dem Arm; sie sind unterernährt, haben Malaria, manchmal sogar die tödliche Cholera.

Viele kommen von weither, aus abgelegenen Regionen des Landes, wo es keine ausreichende Krankenversorgung gibt, obwohl das Land etwa der Fläche Frankreichs entspricht. Die Reise nach Juba bedeutet oft, dass Mütter aus Großfamilien ihre anderen Kinder hungrig zu Hause lassen. Oft wird die Entscheidung getroffen, ein sterbenskrankes Kind zu retten, den Rest der Familie jedoch hungern zu lassen.

"Ich sehe mein Personal und habe Mitleid"

"Jeden Tag begegne ich Menschen, die kurz vor dem Tod stehen", sagt der Arzt Bruno. "Oft bin ich entmutigt und will aufgeben. Aber wenn ich die Not und das Leid sehe, weiß ich, dass ich weitermachen muss. Als Krankenhauspersonal müssen wir gemeinsam durch diese schwere Zeit hindurchgehen, damit sich die Situation langfristig verbessert. Nur zusammen sind wir stark."

Vergangenen Monat hat er eine gut bezahlte Stelle bei einer Hilfsorganisation abgelehnt, weil das Krankenhaus ihn braucht. "Ich sehe mein Personal und habe Mitleid. Alle arbeiten hart, aber niemand erhält Lohn", sagt er. "Deshalb muss auch ich hierbleiben."

Hinter ihm sitzen auf Holzbänken unzählige Patienten, die in einem provisorischen Zelt behandelt werden. Medikamente gibt es wenige. Für diejenigen, die sich Antibiotika oder Malariatabletten aus der Apotheke nicht leisten können, kann das ein Todesurteil sein.

So war es fast für die neunjährige, an schwerer Malaria erkrankte Agoth. Beinahe zu spät kam sie mit ihrer Mutter Rebecca nach einer fünfstündigen Busfahrt in Juba an. Heute ist Agoth fast gesund. Sie sitzt gemeinsam mit anderen Patienten draußen in der heißen Sonne.

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Südsudan: Das Leiden der kranken Kinder

"Das südsudanesische Gesundheitssystem ist in einer aussichtslosen Situation", sagt Dr. Mark Young, Leiter der Gesundheitsabteilung von Unicef. "Viele Angestellte haben ihre Arbeit bereits aufgegeben, weil sie nicht bezahlt wurden. Die meisten Einrichtungen sind nicht angemessen ausgerüstet. Das schränkt die Pflegequalität natürlich ein."

Auch das Kinderkrankenhaus Al Sabbah hat nur einen Stromgenerator und zwei Beatmungsgeräte. Wenn diese ausfallen, gibt es keine Hilfe mehr.

Auf der Station für unterernährte Kinder liegt die acht Monate alte Hannah* in den Armen ihrer Mutter, ein Beatmungsschlauch steckt ihr in der Nase. Das kleine Mädchen hat sich eine Lungenentzündung zugezogen, kann kaum mehr atmen. Draußen surrt der Generator, der Hannah momentan am Leben hält.

Eine der Krankenpflegerinnen steht einige Meter entfernt und beobachtet die Situation. Jeden Tag trifft sie Kinder wie Hannah. "Ich glaube nicht, dass die Kleine den heutigen Tag überleben wird", sagt sie. "Das ist hier leider Alltag."

*Name geändert, um Identität zu schützen. Das Mädchen ist einen Tag später gestorben.

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