Südsudan Eine Nation wird geboren

Neue Flagge, neue Hymne, neues Selbstbewusstsein: Der Südsudan ist unabhängig - und damit der jüngste Staat der Welt. Die Menschen feiern euphorisch, doch jetzt muss sich erst zeigen, ob das Land Probleme und Konflikte lösen kann.

DPA

Aus Juba berichtet Zenith-Autor Björn Zimprich


Geduldig hatten sie gewartet. Eine Stunde, zwei, drei. Am Ende waren es mehr als acht Stunden, die die Besucher unter der tropischen Juli-Sonne in der südsudanesischen Stadt Juba verbracht haben.

Tausende waren gekommen, um den Tag der Unabhängigkeit zu feiern. Wer einen guten Platz haben wollte, musste früh aufstehen. Angel hat einen guten Platz erwischt. Er steht direkt am frischgemauerten Weg, der den Fahnenmast samt neuer Nationalflagge mit der Statue von Südsudans Freiheitshelden John Garang verbindet. "Um vier bin ich aufgestanden. Ich bin so glücklich, hier zu sein", sagt der 16-Jährige etwas schüchtern. Er hat noch viele Stunden in der Sonne vor sich - und er wird trotzdem jede Minute genießen.

Auf dieses Datum haben die Menschen im Südsudan lange gewartet. Viele haben nicht damit gerechnet, es jemals erleben zu dürfen: Die Geburt des 193. Staats der Erde. Als der Sprecher das erste Mal das Wort Unabhängigkeit in den Mund nimmt, kennt die Menge kein Halten mehr. Tausende kleiner südsudanesischer Flaggen werden geschwenkt. Ein Reporter verliert fast die Fassung. Er ballt die Fäuste und senkt den Kopf. "Endlich Freiheit", flüstert er in sich hinein, "Freiheit".

Gegenüber auf der Haupttribüne zeigt sich Paul Yugusok ebenfalls überglücklich. Der 50-Jährige ist der Bischof von Juba. "Heute feiern wir das Ende von 55 Jahren Unterdrückung, Bevormundung und Sklaverei. Wir haben unsere Würde zurück. Wir haben eine Identität! Die Tränen der Vergangenheit sind weggewischt. Wir erinnern uns an die Toten, an die Verstorbenen. Aber heute trauern wir nicht. Wir feiern im Gedenken an all die Opfer."

"Die Generäle werden mit dem Volk in der Sonne stehen"

Zu Beginn der Hauptzeremonie kommt es zu organisatorischen Problemen. Es gibt nicht genügend Plätze für die ausländischen Gäste. Unter anderem sind Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und der frühere US-Außenminister Colin Powell anwesend. Der Sprecher weiß die Situation jedoch charmant zu lösen. "Bitte geben Sie die Schattenplätze an unsere Gäste. Wir sind die Sonne gewöhnt. Unsere Haut ist die Sonne gewöhnt." Als die versammelten Generäle aufstehen und ihre Plätze freigeben, brandet Jubel auf. "Die Generäle werden mit dem Volk in der Sonne stehen", verkündet der Sprecher. Dazwischen immer wieder die Rufe: "South Sudan Waye! - Ja zum Südsudan!"

Afaf Atta al-Nanan hat einen der begehrten Plätze auf der Ehrentribüne erlangt. Sie kommt aus dem Sudan, aus der Baravi-Region. Diese wird ab Sonntag zum Norden gehören. Auch ihrer hellen Haut ist die Herkunft anzusehen. "Ich habe 32 Jahre mit Südsudanesen in Nairobi zusammengelebt. Ich habe ihr Leiden miterlebt. Ich bin heute hier, um mit meinen Freuden zu feiern." Afafs Meinung zur Unabhängigkeit ist gespalten. "Ich würde ein gemeinsames Land bevorzugen, aber das Volk hat entschieden."

Martha Thomas, 26, hat ihr gesamtes Leben im Norden verbracht. Geboren und aufgewachsen ist sie in Khartum. Ihre Familie stammt jedoch aus dem Süden. Vor zwei Tagen hat sie das erste Mal südsudanesischen Boden betreten, jetzt ist sie überwältigt. "Wow, Mann, bin ich glücklich. Ich liebe mein Land!" Martha hat vor, ihren Lebensmittelpunkt nach Juba zu verlegen, sich hier einen Job zu suchen. Ein Grund dafür ist, dass man sie entlassen hat. Im Norden werden Südsudanesen aus allen Positionen verdrängt. Martha hat keine Wahl. Ein Leben ist für sie im Norden nicht mehr möglich.

Die alten Feinde Seite an Seite

Das sind die Schattenseiten der Trennung: Die staatlichen Systeme und die Wirtschaft werden erst nach und nach entflochten. Das fordert hohe Kosten. Zudem kommt es zu einem gewaltigen Bevölkerungsaustausch, wenn die Flüchtlinge aus dem Südsudan in ihre Heimat heimkehren. Aber Martha will zurück. "In Khartum fühle ich mich nicht mehr willkommen. Hier in Juba sehe ich den Leuten ins Gesicht und sehe meine Brüder und Schwestern."

Delegationen des Südsudan sowie internationale Honoratioren von Afrika bis nach Norwegen nehmen an der Zeremonie teil. Eine Parade der Befreiungsarmee SPLA leitet die Feierlichkeiten ein, bis Parlamentspräsident James Wani Igga die Unabhängigkeitserklärung vorliest. Der Staat ist geboren. "Wir haben es geschafft, die Vergangenheit zu überwinden und blicken in eine Zukunft voll neuer Möglichkeiten", verkündet Igga.

Salva Kiir Mayardit, neuer Präsident des Südsudan, steht währenddessen neben Umar al-Baschir, dem Präsidenten des Nordens. Lange Zeit war Baschir Gegner der Eigenständigkeit des Südens. Er wird wegen Kriegsverbrechen in Darfur mit internationalem Haftbefehl gesucht. Das Erscheinen Baschirs mit zahlreichen hohen Regierungsvertretern wurde von südsudanesischen Vertretern überschwänglich gelobt und als Zeichen für die zukünftige Kooperation beider Staaten bewertet.

"Wir haben vergeben, aber wir werden nie vergessen!"

"Heute eröffnen wir ein neues Kapitel", verkündet Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Er dankt den Präsidenten vom Nordsudan, Baschir, genauso wie Salva Kiir für ihre Verhandlungs- und Kompromissbereitschaft. Ban Ki Moon versichert dem neuen Mitglied der Vereinten Nationen seine Unterstützung.

Trotz der großen Stunde kritisiert er die jüngsten Probleme im Grenzgebiet zwischen Nord und Süd. "Wir haben in der letzten Zeit in Abyei und anderen Regionen viel Gewalt gesehen. Die vorgesehenen Befragungen der Bevölkerung haben nicht stattgefunden." Zumindest indirekt kann dies als Kritik an Baschir gesehen werden, der von vielen Beobachtern für die Eskalation der Gewalt in Abyei verantwortlich gemacht wird.

Denn der Streit über die Grenzregionen ist noch nicht abgeschlossen. Ein weiterer ungeklärter Punkt zwischen dem Süden und dem Norden ist das Ölvorkommen. Während der Süden das meiste Öl kontrolliert, liegen im Norden die wichtigste Pipelines sowie der strategisch wichtigste Hafen.

Doch von diesen Fragen will sich heute niemand die Laune verderben lassen. Salva Kiir ruft seine Landsleute zur Kooperation mit dem Nordsudan auf. "Wir haben vergeben, aber wir werden nie vergessen!" Er appellierte an die interne Einheit des neuen Landes. Die ethnische Identität der Einwohner solle hinter der Identität als Nation zurückstehen. "Wir sind an erster Stelle Südsudanesen", verkündet Salva Kiir.

Wehmut beim Kadertreffen

Am Vorabend der Unabhängigkeit gab es bei aller Freude auch wehmütige Zwischentöne. Um 19 Uhr, zum Einbruch der Dunkelheit, hatte Salva Kiir zum letzten Treffen der Befreiungsbewegung SPLM geladen. Veteranen und Notabeln aus der oberen Führungsebene kamen im "Go and Away Resort" im Zentrum von Juba zusammen. In Palmengärten speisen hier normalerweise internationale NGO- und Regierungsvertreter mit der Oberschicht Jubas. In Anwesenheit des designierten Präsidenten wurde hier am Freitag das offiziell letzte gesamtsudanesische Parteitreffen der SPLM abgehalten.

Bei dem Gipfel saßen rund zwei Dutzend Parteikader über 45 Minuten in freundschaftlicher Atmosphäre zusammen. Man kennt sich seit Jahrzehnten. Dies war auch beim Gruppenfoto zu spüren. Die gemeinsame Aufnahme war auch ein Abschied, denn ab jetzt wird nicht nur der Sudan in zwei Teile geteilt. Auch die SPLM wird sich spalten. Ein kleiner Ableger im Norden und die Regierungspartei im Süden.

Draußen auf der Straße war von der Wehmut nichts zu spüren. Die ganze Nacht hindurch wurde in Juba gefeiert. Vuvuzelas dröhnten, als fände hier die WM statt. Voller Stolz halten die Menschen ihre neue Flagge in die Höhe: Schwarz, Weiß, Rot, Grün, Blau und Gelb sind die Farben ihres Landes.

Die Menschen sind optimistisch, dass ihr junger Staat bald funktionieren kann, den ersten Schritt haben sie bereits getan: Sie sind frei.

Björn Zimprich ist Autor von Zenith, sein Text ist auf der Website des Magazins erschienen



insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
rondon 09.07.2011
1. meinetwegen
gleichzeitig sollte aber auch nicht vergessen werden, dass längst auch in europa neues entsteht..beispielsweise in spanien, in griechenland...überall beginnen die menschen sich horizontal zu organisieren...und auch in deutschland empört man sich längst: http://le-bohemien.net/2011/06/21/emport-euch2/
Meskiagkasher 09.07.2011
2. Ich kann nicht verstehen,
Zitat von sysopNeue Flagge, neue Hymne, neues Selbstbewusstsein: Der Südsudan ist unabhängig - und damit der jüngste Staat der Welt. Die Menschen feiern euphorisch, doch jetzt muss sich erst*zeigen, ob das Land*Probleme und Konflikte lösen kann. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,773443,00.html
wieso die sich keinen gescheiten neuen Namen für ihr Land ausdenken. Das ist doch stets eine Referenz auf den verhassten nördlichen Nachbarn. Man stelle sich vor, Deutschland hieße Ostfrank(en)reich...
commandersheppard 09.07.2011
3. Nicht schlecht
Ich bin wirklich beeindruckt liebe Spiegel Online Redaktion. Ein ganzer Artikel über die Entstehung des neuen Staates des Südsudans, aber KEIN ! einziges Wort über die Hintergründe für diesen Schritt. Kein einziges Wort über die muslimischen Reitermilizen ( Dschandschawid-Milizen ) die christliche Bewohner jagen, vergewaltigen, töten und in die Sklaverei verschleppen. Über Rassismus von Araberb gegenübern Afrikanern. Zitat aus einem Stern Artikel: "Parallel dazu entstanden in Darfur Rebellenbewegungen, die "Sudanesische Befreiungsarmee" (SLA) und die "Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit" (JEM). Mit Waffengewalt setzte sie sich gegen die von der Zentralregierung in Khartum betriebene Vernachlässigung der Region zur Wehr. Keine Schulen, keine Straßen, keine Hospitäler für die "Afrikaner", hieß die Devise von Präsident al-Bashir. Der wiederum gilt als Marionette einer eng mit dem Islamismus verbundenen Clique um Geheimdienstchef Salah Abdallah Gosh, die hinter der Menschenjagd stehen soll. " Kein einziges Wort über zehntausende Tote, Millionen Flüchtlinge. Darfur dürfte doch wohl bekannt sein. Das ! ist nämlich auch ein wichtiger Grund für die Entstehung dieses neuen Staates aber darüber zu berichten würde ja gegen die Political Porrectness verstossen.
Koltschak 09.07.2011
4. Südsudan hört sich gut an! Ja und zum Kososvo gab es damals nur tolle Worte
Ja und zum Kososvo gab es damals nur tolle Worte! Zu dem Staat, der nur durch Mord, Drogen- und Frauenhandel überlebt oder durch Organhandel. Macht nichts, zehn von Elf Zeugen sind schon ermordet, Ministerpräsident Hashim Thaçi unangefochten. Der Südsudan hat eine zehn mal größere Chance eigenständig zu überleben als die Mißgeburt Kosovo, die auch nur von gerade mal 30 Staaten anerkannt wurde, davon als erstes mit von Deutschland. Wünschen wir dem Südsudan Alles Gute! Good Fortune, Good Luck! Und möge Bashir bald auch von einem Flugverbot bedroht werden. Ach so, der wurde ja nur als Mörder verurteilt, das hat dann keine Konsequenzen! Man muß wie Herr Gaddafi den westlichen Schranzen ein Dorn im Auge sein, dann könnte es für einen gefährlich werden! Der Südsudan hat gute Chancen und es ist ein Trauerspiel, daß SpOn die Vorgeschichte dieses Staates verschweigt. Good Luck!
trafozsatsfm 09.07.2011
5. Vielleicht mal genauer gucken?
Zitat von commandersheppardIch bin wirklich beeindruckt liebe Spiegel Online Redaktion. Ein ganzer Artikel über die Entstehung des neuen Staates des Südsudans, aber KEIN ! einziges Wort über die Hintergründe für diesen Schritt. Kein einziges Wort über die muslimischen Reitermilizen ( Dschandschawid-Milizen ) die christliche Bewohner jagen, vergewaltigen, töten und in die Sklaverei verschleppen. Über Rassismus von Araberb gegenübern Afrikanern. Zitat aus einem Stern Artikel: "Parallel dazu entstanden in Darfur Rebellenbewegungen, die "Sudanesische Befreiungsarmee" (SLA) und die "Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit" (JEM). Mit Waffengewalt setzte sie sich gegen die von der Zentralregierung in Khartum betriebene Vernachlässigung der Region zur Wehr. Keine Schulen, keine Straßen, keine Hospitäler für die "Afrikaner", hieß die Devise von Präsident al-Bashir. Der wiederum gilt als Marionette einer eng mit dem Islamismus verbundenen Clique um Geheimdienstchef Salah Abdallah Gosh, die hinter der Menschenjagd stehen soll. " Kein einziges Wort über zehntausende Tote, Millionen Flüchtlinge. Darfur dürfte doch wohl bekannt sein. Das ! ist nämlich auch ein wichtiger Grund für die Entstehung dieses neuen Staates aber darüber zu berichten würde ja gegen die Political Porrectness verstossen.
Also *ich* habe bei SPON eine Menge Artikel zu dem Thema gelesen. Zu finden hier: http://www.spiegel.de/thema/suedsudan/ Man muss den gesamten Hintergrund ja nicht in jedem Artikel wieder neu aufrollen.
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