Sunniten-Aufstand im Irak Dschihad-Kommandeure klagen über al-Qaida

Sunnitische Militante kämpfen immer häufiger gegen die Schiiten statt gegen US-Truppen. Sie klagen, dass al-Qaida sie in den Bruderkrieg hineingezogen hat. Der "Guardian" enthüllt die Strukturen des irakischen Aufstandes. Demnach kaufen die Krieger ihre Waffen sogar von US-Soldaten.


Berlin - Es ist selten, dass man einen Einblick in das Innere des irakischen Aufstandes bekommt. Dem Reporter Ghaith Abdul-Ahad, der schon länger hinter den Linien recherchiert, ist das gelungen. Für den britischen "Guardian" hat er einige Begegnungen mit Dschihad-Kommandeuren protokolliert.

US-Soldaten in Bagdad: Manche Soldaten sollen Waffen an die Aufständischen verkaufen
AFP

US-Soldaten in Bagdad: Manche Soldaten sollen Waffen an die Aufständischen verkaufen

So beschreibt ein Mann namens "Rami", der in Wahrheit anders heißt, dem Reporter, wie sich der Dschihad im Irak im Laufe der Zeit verändert hat: "Früher habe ich die Amerikaner attackiert, als das der Dschihad war. Aber jetzt gibt es keinen Dschihad mehr. Sieh dich doch mal um, zum Beispiel in Adhamija (einem Zentrum des sunnitischen Widerstands, d. Red): Alle Kommandeure trinken nur noch Kaffee. Es sind nur junge Burschen, die dort kämpfen, und auch die bekämpfen keine Amerikaner mehr, sie töten nur noch Schiiten … Sie würden für alles töten, für eine Waffe, für ein Auto, und alles kann als Dschihad verkauft werden."

Das Zitat zeigt, wie sehr sich der Charakter der Gewalt im Irak verändert hat: An die Stelle des Widerstands gegen die Besatzer ist ein Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten geworden. Seit die Sunniten von den Schiiten immer mehr in die Enge getrieben würden, seien Waffen knapp geworden und die Preise gestiegen, heißt es in dem Beitrag weiter. "Rami", bis vor kurzem Mudschahidin-Kommandeur, habe deshalb umgesattelt und sei heute Waffenhändler.

Eine Zeit lang bezog er seine Ware über einen Dolmetscher, der für die US-Armee in Bagdad arbeitete. "Dieser Mann hatte einen Deal mit einem US-Offizier", zitiert Abdul-Ahad den Mann. Der amerikanische Soldat, der angeblich auf dem Flughafen arbeitete, habe sogar einmal eine ganze Lkw-Ladung Waffen umgeleitet, gleich nachdem sie über die jordanische Grenze in den Irak gelangt sei. Heutzutage aber, so berichtet der "Guardian", sei die Hauptquelle für Waffen die neue irakische Armee. Sie soll eigentlich den Widerstand bekämpfen helfen.

Amerikaner als Schutz gegen Schiiten

Interessant sind auch jene Passagen des Berichts, in dem die Aufständischen die Rolle der lokalen Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida bewerten. "Am Anfang hatte al-Qaida das Geld und die Organisation", wird etwa ein weiterer Kommandeur zitiert. Aber heute seien sie nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee gewesen sei, sich mit dem Terrornetzwerk einzulassen - al-Qaida habe sie nämlich in die Auseinandersetzung mit den Schiiten hineingezogen.

Diese Äußerungen bestätigen, dass die Strategie der al-Qaida, die unter der Führung des mittlerweile getöteten Abu Musab al-Sarqawi entwickelt wurde, in der Tat aufgegangen ist. Auch "Abu Aischa", ein dritter Kommandeur in Ramadi, wird von Abdul-Ahad in diesem Sinne zitiert: "Wir wurden von den arabischen Mudschahidin in die Irre geführt", sagt der Mann mit Bezug auf die irakische al-Qaida, die zu Beginn vor allem aus Kämpfern aus Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien bestand.

Ein Kommandeur namens "Abu Omar" beschreibt laut Abdul-Ahad, wie al-Qaida den Konflikt schürt: "In meiner Gegend haben einige ignorante Qaida-Typen ein paar arme schiitische Bauern entführt, umgebracht, und dann ihre Leichen in den Fluss geworfen. Ich sagte zu ihnen: 'Das ist kein Dschihad. Ihr könnt doch keine Schiiten töten! Das ist falsch! Die schiitischen Milizen sind wie tollwütige Hunde - warum sie provozieren?'" - "Die hatten eine internationale Agenda, und wir haben sie umgesetzt", ergänzt dem Bericht zufolge "Abu Aischa". "Aber jetzt besteht die gesamte Führung des Dschihad aus Irakern."

Nach übereinstimmender Aussage der Kommandeure, berichtet der "Guardian" weiter, finanzieren sich die Aufständischen vor allem aus drei Quellen: Spenden reicher sunnitischer Geschäftsleute, dem Verkauf von Raubgut nach Überfällen auf Schiiten - und eine Art lokale Steuer, die die Bewohner einzelner Stadtteile abführen müssen: So zahle jede Familie 8 US-Dollar. Sind die Kämpfe schwer, müssen sie 5 Dollar nachzahlen.

Schließlich berichtet der Reporter von einer Versammlung von Dschihad-Kommandeuren, in denen auch darüber diskutiert wird, ob man nicht mit den Amerikanern sprechen solle. Mehr als einer der Männer, heißt es in dem Beitrag, sei zu der Ansicht gelangt, dass die Schiiten ein größeres Problem darstellten als die Amerikaner. Man brauche die Amerikaner sogar als Schutz. Andere Dschihadisten wollten davon aber nichts hören.

yas



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.