Türkei und IS Der Terror vor der Tür

Über die löchrige Grenze zu Syrien kam der Terror in die Türkei. Jetzt will die Regierung dagegen halten - mit Mauern, Gräben und einem Heer von Elitesoldaten. Doch die größte Gefahr können auch diese Machtdemonstrationen nicht bannen.

Von , Istanbul

AFP

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der IS-Terror ist in der Türkei angekommen, am Montag mussten bei einem Selbstmordanschlag in der Grenzstadt Suruc 32 Menschen sterben. Nun reagiert die Regierung in Ankara. Am Donnerstag bestätigte sie Berichte, wonach an Stellen, an denen Terroristen die Grenze zu Syrien überquerten, "physische Hindernisse" errichtet werden sollen.

Geplant sind demnach zwei parallel verlaufende Mauern aus Betonblöcken und Stacheldraht, dazwischen eine Straße, auf der Patrouillenfahrzeuge eingesetzt werden sollen. Zum weiteren Konzept gehören Scheinwerfer entlang der Grenze, neue Wachtürme und Polizeistationen. Auch aus der Luft wird künftig für Sicherheit gesorgt. An mehreren Stellen soll die Grenze mit Hilfe von Zeppelinen per Kamera überwacht werden.

Denn die löchrige Grenze zu Syrien ist tatsächlich ein Problem: Seit Jahren gilt die Türkei als wichtigstes Transitland für Dschihadisten aus aller Welt. Sie reisen meist über Istanbul ein und von dort weiter in den Südosten des Landes. Dann geht es illegal über die Grenze nach Syrien - und dort in die Arme des IS.

In umgekehrter Richtung ziehen sich Kämpfer der Miliz nach Einsätzen in die Türkei zurück. Dort suchen sie im Grenzgebiet Erholung oder lassen sich in Krankenhäusern behandeln. Und nun bringen sie eben auch den Terror mit.

"Physische Hindernisse" sollen Terror eindämmen

Hier will Ankara jetzt gegensteuern. Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte in einer schriftlichen Mitteilung, die Türkei sei gegen "alle Terrororganisationen". Was den IS und dessen Anschlag in Suruc angehe, werde die türkische Regierung "jedes verfügbare Mittel einsetzen, die Täter des Terrorangriffs ausfindig zu machen".

Bislang stehen an der mehr als 900 Kilometer langen Linie zwischen beiden Ländern nur einfache Zäune. Die neue Sicherung soll "an besonders heiklen Stellen errichtet werden, auf etwa 150 Kilometer verteilt", sagte ein Beamter des Verteidigungsministeriums. Über mehrere hundert Kilometer solle künftig außerdem ein Graben die Grenze bilden. Die neuen Maßnahmen richteten sich nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen "andere Terrororganisationen", sagte Vizepremierminister Bülent Arinc, ohne die kurdischen Kämpfer beim Namen zu nennen.

Elitesoldaten an die Grenze verlegt

Sofortmaßnahmen laufen bereits an. In mehrere Städte nahe der Grenze wurden in der Nacht auf Donnerstag Elitesoldaten verlegt. Eine genaue Zahl nannte die Regierung nicht, jedoch berichten türkische Medien von Dutzenden von Militärtransportern, mit denen Spezialeinheiten in die Region gebracht wurden. Solche Meldungen gibt es aus den Provinzen Kilis, Hatay, Gaziantep, Sanliurfa und Mardin. Angeblich sollen sie den Bau der neuen Anlagen vorbereiten und sichern. Entlang der Grenze sind bereits 18.000 türkische Soldaten stationiert.

Der IS-Angriff auf türkischem Territorium beunruhigt auch die USA, schließlich handelt es sich um Nato-Gebiet. In einem Telefonat berieten sich US-Präsident Barack Obama und sein türkischer Amtskollege Erdogan über die Bedrohung durch die Terrormiliz. Man werde "zusammenarbeiten, um den Strom an ausländischen Kämpfern einzudämmen und die Grenze der Türkei mit Syrien zu sichern", teilte das Weiße Haus am Mittwochabend mit.

Der Täter von Suruc, ein 20-jähriger Türke, war vor Monaten gemeinsam mit seinem Bruder verschwunden und von seinen Eltern als vermisst gemeldet worden. Er soll sich mehrere Monate in Syrien aufgehalten haben. Von dort kehrte er zurück und riss Aktivisten einer sozialistischen Jugendorganisation in den Tod, die beim Wiederaufbau der zerstörten syrischen Grenzstadt Kobane helfen wollten.

Wie soll man mit den IS-Leuten im Land umgehen?

Unklar lässt die Regierung in Ankara, ob und wie sie gegen IS-Sympathisanten im Land vorgehen will. Seit der Ausrufung des Kalifats durch IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi vor einem Jahr hat sie bei vielen Aktivitäten in der Türkei weggeschaut. IS-Anhänger konnten in Istanbul, Ankara, Izmir und anderen Städten ihre Devotionalien verkaufen, und - viel schlimmer - unbehelligt neue Dschihadisten rekrutieren.

Die türkischen Sicherheitsbehörden wussten, dass Baghdadi die IS-Leute in der Türkei angewiesen hat, im Land zu verharren, sich ruhig zu verhalten und logistische Hilfe für die Kämpfer im Irak und in Syrien zu leisten. Das geht aus einem Dokument der nationalen Polizeibehörde hervor. Erst in den vergangenen Wochen fanden Razzien gegen IS-Anhänger in der Türkei statt, wohl auch auf Druck aus den USA, wie Sicherheitsexperten in Ankara sagen. Etwa 100 Verdächtige wurden festgenommen.

Das Wohlwollen der Türkei gegenüber dem IS rührte daher, dass die Terrormiliz zwei Ziele verfolgt, die auch im Interesse Ankaras liegen: den Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad und die Bekämpfung der Kurden und damit die Verhinderung eines autonomen kurdischen Gebiets im Norden Syriens.

Doch nun verhalten sich die IS-Leute im Land nicht mehr ruhig, sondern tragen den Terror herein. Ob der Anschlag von Suruc die Haltung der Türkei wirklich verändert, muss die Regierung jetzt beweisen.


Zusammengefasst: Mit dem Anschlag von Suruc ist der Terror des IS in der Türkei angekommen. Nun laufen Gegenmaßnahmen: Mauern und Gräben sollen die Grenze zu Syrien sichern, ebenso wie Elitesoldaten. Das Problem der IS-Anhänger in der Türkei selbst löst aber auch diese Taktik nicht.

Der Autor auf Facebook

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Münchner MV 23.07.2015
1.
Augenwischerei, mehr nicht. Weiterhin wird jeder, der vorgibt gegen "die Kurden" ins Feld zu ziehen die Grenze Richtung Syrien passieren können. Weiterhin wird jeder der "die Kurden" dort im Kapf unterstützen möchte aufgehalten. Jeder durch IS-Milizen getötete Kurde den türkischen Sultan. Durch die absolut wichtige, strategische Lage der Türkei für die Nato wird auch weiterhin alles geduldet, was dort passiert - oder eben nicht. Warum wohl gibt es auf Zypern noch immer einen durch die Türkei besetzten Teil? Warum wird ein eigentlich per Gesetzt nicht zulässiger Grenzkonflik zwischen Nato Partnern geduldet? Es wird sich außer "physischen Hindernissen" mit entsprechenden Hintertürchen nichts ändern. Die getöteten Zivilsten waren zudem Kurden, was interessiert das den Sultan? Im Zuge der physischen Hindernisse könnte man auch endlich eine neue Pipeline bauen, das würde den Ölhandel mit den IS-Milizen erleichtern...
kuac 23.07.2015
2.
Zitat: "Physische Hindernisse" sollen Terror eindämmen... ...... Das hat weder in AFG noch in Irak funktioniert. Es hilft nur, wenn die Türkei gemainsam mit Assad und den Kurden an einem Strang zieht. Dazu muss aber die Türkei zuerst die Rechte der Kurden und der Syrischen Regierung anerkennen und mit Unterstützungen des IS aufhören.
deus-Lo-vult 23.07.2015
3.
Um den IS aus dem Land zu halten, ist es mittlerweile VIEL zu spät! Wenn es denn überhaupt jemals möglich war.
hinifoto 23.07.2015
4. Bock oder Gärtner?
In der Vergangenheit konnte der IS gerade dort ungehindert die Grenze passieren wo das Militär stationiert war. Mit einem massiven Truppenaufgebot soll die Unterstützung für die Kurden blockiert werden, die in Syrien im Kampf gegen den IS stehen.
syr91 23.07.2015
5. ganze Verantwortung an den Türken
Sehr viele IS-milizen kommen aus Europa oder Afrika, selbst sogar Kurden schließen die Terrorgruppe an. Deshalb verstehe ich nicht, wieso die Welt die Türkei die ganze Verantwortung geschoben wurde, wenn die restliche Welt nicht mal in dieLage ist ihre Ausreiser zu stoppen. Desweiteren kann ich auch die Türken verstehen: Sie haben zwei Feinde, Kurden und IS, nur IS ist der kleinere Übel, der jeden zum Krieg erklärt hat. Die Kurden hingegen werden nach einem Sieg gegen IS sofort an die Türkei wenden und das Vorletzte Stück des angegblichen Kurdistan zum Kireg ziehen. Desweiteren wird der Irak sich einmischen, weil die ganzen Ölressourcen von dem Kurden weggenommen wurde und somit Wirtschaftlich verhungern wird - dasselbe gilt auch in Syrien.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.