Synode in York Bischofsweihe von Frauen spaltet anglikanische Kirche

"Verbittert und widerwillig": Auf der Synode im englischen York machen konservative Anglikaner mobil gegen die Ernennung von Frauen zu Bischöfen. 1300 Geistliche drohen mit dem Austritt - die Staatskirche steht vor der Spaltung.

Von Sebastian Borger, London


Das hat Rowan Williams gerade noch gefehlt. Der Erzbischof von Canterbury muss sich an diesem Wochenende als Friedensstifter im eigenen Haus versuchen - auch wenn er dafür eigentlich viel zu sehr im Stress steckt.

Erzbischof von Canterbury Williams: Friedensstifter im eigenen Haus
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Erzbischof von Canterbury Williams: Friedensstifter im eigenen Haus

Das geistliche Oberhaupt von 77 Millionen Anglikanern in 164 Ländern der Erde muss eine Mammutkonferenz organisieren. Alle zehn Jahre kommen die Vertreter des religiösen Commonwealth, dem der Erzbischof von Canterbury vorsteht, für drei Wochen in das Universitätsstädtchen südöstlich von London, von wo aus im 6. Jahrhundert die Christianisierung der Angelsachsen ihren Ausgang nahm. Die Tagung ist überschattet von schweren Globalisierungskonflikten zwischen Nord und Süd, zwischen Konservativen und Liberalen. Doch das wahre Reizthema ist ein anderes.

Die englische Staatskirche debattiert heute auf ihrer Synode im nordenglischen York über die Bischofsweihe von Frauen – und schon vorab überboten sich die Kontrahenten an gereizten Stellungnahmen, Drohungen und Unterstellungen. "Wenn Frauen geweiht werden", sagt ein evangelikaler Priester, "werden wir verbittert und widerwillig sein."

1300 Geistliche, die meisten von ihnen Ruheständler, haben Williams schriftlich mit dem Übertritt zur katholischen Kirche gedroht. 2300 ihrer Amtsbrüder und -schwestern drängten öffentlich auf die Zulassung der mittlerweile mehr als 2000 Pfarrerinnen zum Bischofsamt.

Faule, scheinheilige Kompromisse

In dieser Lage entspräche die pragmatische Suche nach einem Kompromiss bester anglikanischer Tradition. Nur durch häufig faule, gelegentlich sogar scheinheilige Kompromisse haben die Anglikaner ihre 1534 begründete Staatskirche über die Jahrhunderte aufrechterhalten, trotz aller Unterschiede zwischen Anglo-Katholiken und Anglo-Evangelischen, zwischen Weihrauch-geschwängerten Messen und nüchternen Bibelstunden. Diesmal wirken die Kontrahenten unversöhnlich. Selbst der Vertreter der Kirchenleitung warnte zu Beginn der Debatte vor lähmendem Stillstand: "Wir müssen eine Lösung finden", glaubt Nigel McCulloch, der Bischof von Manchester.

Haben wir doch längst, antwortet die Mehrheit, und verweist auf eine Reihe von Beschlüssen, seit Frauen 1993 erstmals zu Priestern geweiht wurden. Tatsächlich hat die Synode immer wieder mit klarer Mehrheit festgestellt, was in den protestantischen Kirchen Deutschlands wie in der anglikanischen Kirche Nordamerikas längst zum Alltag gehört: Pfarrerinnen sind ebenso gut geeignet wie Pfarrer, in der Kirche leitende Funktionen zu übernehmen. Fragt sich nur: Was macht man mit jenen, die das anders sehen?

Eine "integre und sichere" Lösung wünscht sich Beaumont Brandie, ein Sprecher jener Koalition aus Anglo-Katholiken und Evangelikalen, für welche die Bibel wortwörtlich genommen werden muss: Da Jesus sich mit zwölf Jüngern umgeben habe, sei die männliche Dominanz der Kirchenleitung biblisch gerechtfertigt. Für die Zukunft wünschen sich die selbsternannten "Traditionalisten" fliegende Bischöfe außerhalb der bestehenden Diözesen - ein Plan, den der konservative Unterhaus-Abgeordnete Robert Key unmöglich findet: "Wer Frauen ablehnt, hat jeden Anschluss an unsere moderne Welt verloren."

Schwule "minderwertiger als Tiere"

Die neue Militanz der Frauenverächter erklärt sich aus Entwicklungen in der anglikanischen Gemeinschaft, die auf die englische Mutterkirche zurückstrahlen. Auf einer Tagung in Jerusalem gründeten konservative Anglikaner vor einer Woche einen neuen Verband "Foca" in Konkurrenz zu Erzbischof Williams – dessen geistliche Führung, so der kanadische Theologe Jim Packer, sei "entbehrlich". Die neue Gruppierung fordert energischere Missionierung unter Nicht-Christen, lehnt Frauen in kirchlichen Führungspositionen ab und sieht Homosexualität als Sünde.

Ihr geistlicher Führer, der nigerianische Erzbischof Peter Akinola, lässt sich sogar mit dem Satz zitieren, Schwule seien "minderwertiger als Tiere". Die Einladung nach Canterbury haben Akinola und rund 250 Gleichgesinnte ausgeschlagen: Sie wollen nicht an einem Tisch sitzen mit den Kirchenvertretern aus den USA, die der Weihe eines Schwulen zum Bischof der winzigen Diözese von New Hampshire zugestimmt haben.

Erzbischof Williams kämpft ebenso unverdrossen wie vergeblich für die Einheit. Strafmaßnahmen gegen Andersdenkende seien nicht vorgesehen in der anglikanischen Gemeinschaft, sagt der glänzende Theologe: "Es reicht nicht gegen die bestehenden Strukturen unserer Gemeinschaft zu sein. Wir sollten sie gemeinsam erneuern, nicht neue Gruppen gründen." Doch der Appell stößt auf taube Ohren. Auf der Synode in York wollen Dutzende von Konservativen sich als Foca-Mitglieder bekennen. Die Abspaltung ist nur noch eine Frage der Zeit.



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