Weißhelme in Syrien Retter in der Falle

Hunderte Weißhelme und ihre Familien sind am Wochenende von Israel aus Syrien gerettet worden. Doch fast genauso viele sitzen noch immer im Kriegsgebiet fest. Sie fürchten nun die Rache des Regimes.

Weißhelm in Syrien (Archivbild)
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Weißhelm in Syrien (Archivbild)

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827 syrische Weißhelme und ihre Angehörigen wollte Jordanien am Sonntag aufnehmen. Doch dann stiegen nur 422 Männer, Frauen und Kinder aus den Bussen, in denen sie mithilfe der israelischen Armee über die Golanhöhen in Sicherheit gebracht worden waren.

Die übrigen rund 400 Personen hatten es am Wochenende offenbar nicht rechtzeitig an den Sammelpunkt am Fuße der Golanhöhen geschafft, andere sollen sich geweigert haben, israelisches Gebiet zu betreten oder mit dem israelischen Militär zu kooperieren. Sie stecken noch immer im Kriegsgebiet fest. Und nun wächst die Sorge um die zivilen Helfer und ihre Familien.

"Nach der Abreise unserer Kollegen sind wir in noch größerer Gefahr als vorher. Die Anschuldigungen gegen uns haben noch einmal zugenommen. Und es gibt einen neuen Vorwurf: dass wir mit Israel zusammenarbeiten", sagte der Weißhelm mit dem Pseudonym Abu Muhannad der Nachrichtenseite "Syria Direct".

Syrische Armee stoppte Weißhelme

Der syrische Zivilschutz, wie die Weißhelme offiziell heißen, veröffentlichte zu der Evakuierung eine Erklärung, in der der Name "Israel" nicht einmal auftaucht und in dem die Golanhöhen als besetztes syrisches Gebiet bezeichnet werden - aber das wird den eingeschlossenen Rettern kaum helfen.

Abu Muhannad gehört selbst zu denen, die vergeblich versucht hatten, zum Evakuierungspunkt zu gelangen. Zwei Tage vor der Rettungsaktion habe er eine Textnachricht erhalten, in der stand: "Macht euch auf den Weg zur Grenze nach Israel."

Abu Muhannad und seine Familie, die sich als Zivilisten getarnt hatten, seien jedoch an mehreren Checkpoints von Soldaten der syrischen Armee gestoppt worden. Die Straße sei wegen des Vormarsches der mit der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) verbündeten Miliz "Jaish Khaled bin al-Walid" gesperrt, teilten die Soldaten Abu Muhannad mit. Also musste die Familie umkehren.

Angst vor Verhaftung

So wie ihm geht es zahlreichen anderen Weißhelmen und ihren Angehörigen. Sie waren vor rund zwei Wochen darüber informiert worden, dass die Möglichkeit einer Evakuierung bestehe. Daraufhin wurden sie aufgefordert, ihre Namen und die ihrer Angehörigen zu schicken.

Dann nahmen die unmittelbar an der Rettung beteiligten Staaten - Israel, Jordanien, Kanada, Großbritannien und Deutschland - eine Sicherheitsüberprüfung vor, um zu gewährleisten, dass die Schutzsuchenden keine Verbindung zu Terrororganisationen haben.

Doch nun hat sich die Hoffnung auf Rettung und Asyl in Jordanien oder einem westlichen Land für Abu Muhannad und seine Kollegen vorläufig zerschlagen. Einige Weißhelme hätten inzwischen das Angebot angenommen, aus dem Südwesten Syriens in die nordsyrische Provinz Idlib evakuiert zu werden. Doch Abu Muhannad hat Angst: "Wer garantiert uns, dass das Regime uns nicht verhaftet, wenn wir in die Busse steigen?"

Abu Omar, ein anderer festsitzender Mitarbeiter des syrischen Zivilschutzes, teilte dem britischen "Telegraph" mit: "Wir haben seit Tagen das Haus nicht mehr verlassen, weil wir nicht wissen, was mit uns passiert."

Großmufti fordert Jagd auf die Retter

Die Furcht vor Repressalien durch das Assad-Regime gegen die Weißhelme war überhaupt erst der Anlass für mehrere westliche Staaten, die riskante Rettungsaktion zu wagen. Die Regierung in Damaskus betrachtet die Retter seit Jahren als Terroristen, das Außenministerium bezeichnete die Evakuierung als "kriminelle Operation" Israels.

Die oberste muslimische Autorität des Landes, Großmufti Ahmed Badr al-Din Hassun, rief die Regierungen Syriens und Russlands öffentlich auf, die Retter zu jagen. "Das sind Kriegsverbrecher. Ich rufe die Regierungen unserer Länder auf, die Mitglieder der Weißhelme zu verfolgen und sie aufzuspüren, wo immer sie sind", sagte Hassun. Zuletzt hatte der Geistliche im März für Aufsehen gesorgt, als sich eine Delegation der AfD aus Deutschland mit ihm in Damaskus getroffen hatte.

Die Weißhelme teilten unterdessen mit, sie versuchten weiterhin, die restlichen Helfer aus dem Südwesten Syriens zu evakuieren. Derzeit sei ein zweiter Rettungsversuch aber zu riskant.

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