Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Flüchtlinge aus Syrien: Kurden verhängen Ausreise-Stopp

Ein Interview von

Journalistin Jenan Moussa (l.): In einem Tunnel mit kurdischen Kämpfern, die Afrin gegen den syrischen Qaida-Ableger Nusra-Front verteidigen Zur Großansicht
Al Aan TV

Journalistin Jenan Moussa (l.): In einem Tunnel mit kurdischen Kämpfern, die Afrin gegen den syrischen Qaida-Ableger Nusra-Front verteidigen

Der Krieg hat Afrin bisher nicht erreicht, die kurdische Enklave in Syrien ist unzerstört. Dennoch ziehen die Menschen in Scharen nach Europa. Die Behörden wollen die Massenflucht stoppen - und verbieten nun die Ausreise.

Jenan Moussa, 31, ist Chefreporterin beim arabischen Fernsehsender Al-Aan TV in Dubai. Sie berichtet regelmäßig aus Syrien, ihre Reportagen sind preisgekrönt. Vor Kurzem ist sie aus Afrin zurückgekommen, einer syrisch-kurdischen Enklave im Nordwesten des Landes. Sie besteht aus der Stadt Afrin sowie rund 300 Dörfern in der Umgebung.

Kontrolliert wird die Enklave von den syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), die der in Deutschland verbotenen linken Kurdenorganisation PKK nahe stehen. Die YPG kontrollieren ebenfalls die syrisch-kurdischen Städte Kobane und Serê Kaniyê und bezeichnen die Region insgesamt als "Rojava", also Westkurdistan. Für dieses fordern sie Selbstverwaltung innerhalb Syriens.

Im Interview berichtet Moussa, dass die kurdischen Behörden ihre Landsleute an der Flucht nach Europa hindern wollen. Nur noch in Ausnahmefällen wird die Ausreise aus der Enklave genehmigt.

Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Lage in Afrin?

Moussa: In weiten Teilen der Enklave haben bisher keine größeren Kämpfe stattgefunden. Die Kurden haben es geschafft, die syrischen Rebellengruppen und ausländischen Dschihadisten fernzuhalten. Es gibt kaum Zerstörung. Die Straßen sind voller Leute, die Läden offen. Die meisten Waren werden aus der Türkei geschmuggelt oder auf dem Schwarzmarkt in den benachbarten arabischen Gegenden gekauft. Wenn man das erste Mal nach Afrin kommt, hat man einen Eindruck von Normalität und Frieden, aber es gibt oft lange Stromausfälle, viele Straßensperren, und überall sieht man die Kriegsvorbereitungen. An der Front haben die Kurden ein kilometerlanges Tunnelnetzwerk gegraben, überall werden Wachtürme aufgestellt, man sieht viele Kämpfer. Die Sorge ist groß, dass Afrin von islamistischen Gruppen angegriffen werden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Glauben die Menschen an eine Zukunft in Afrin?

Moussa: Viele fühlen sich, als würden sie in einem großen Käfig leben. Im Norden und Westen grenzt die Enklave an die Türkei. Türkische Soldaten bewachen die Grenze. Überall ist Stacheldraht. Es gibt keinen legalen Weg hinein und heraus. Im Osten und Süden grenzt Afrin an Gebiete, die von den Islamisten kontrolliert werden, unter anderem von der Nusra-Front, die mit al-Qaida verbündet ist. Die Menschen fühlen sich von allen Seiten bedroht.

SPIEGEL ONLINE: Haben viele Afrin bereits verlassen?

Moussa: Einerseits sind Tausende Syrer aus anderen Teilen des Landes nach Afrin geflohen, weil es dort verhältnismäßig sicher ist. Andererseits sind viele Einheimische aus Afrin geflohen. Sie verkaufen ihre Häuser, gehen in die Türkei und weiter nach Europa. Die örtlichen Beamten sagen, dass Zehntausende die Enklave bereits verlassen haben. Die Behörden befürchten, dass dies die Demografie von Afrin verändern könnte. Die Einheimischen sind meist kurdische Syrer, die Neuankömmlinge dagegen arabische Syrer.

SPIEGEL ONLINE: Was denken die örtlichen Behörden über die Massenflucht?

Moussa: Sie sind sehr besorgt und wütend. Ein Politiker sagte: "Jetzt gibt es eine reale Chance, eine kurdische Selbstverwaltung aufzubauen, aber viele unserer eigenen Leute wollen lieber Tellerwäscher in Deutschland werden." Die Menschen hören nicht auf sie. Alle sprechen davon, Syrien zu verlassen. Jeder liest auf Facebook die Berichte und Tipps derjenigen, die schon in Europa sind. Weil Afrin eine Enklave ist, läuft die Wirtschaft dort nicht gut. Die örtlichen Behörden können wenig tun, um zu verhindern, dass die Leute nach Europa gehen, besonders, wenn die monatlichen Zuwendungen, die sie in Deutschland als Flüchtlinge bekommen würden, so viel höher sind als das, was sie in Afrin verdienen. Dazu kommt: Die YPG hat einen sechsmonatigen Wehrdienst eingeführt für alle Männer zwischen 18 und 35. Viele jungen Männer wollen nicht an die Front.

SPIEGEL ONLINE: Was will Afrin gegen den Exodus tun?

Moussa: Die Behörden betrachten die Auswanderung nach Europa inzwischen als so großes und dringliches Problem, dass sie entschieden haben: Niemand darf Afrin mehr verlassen. Man kommt aus der Enklave nur noch in Ausnahmefällen, zum Beispiel, wenn man nachweisen kann, dass man ein Stipendium fürs Studium in Europa hat. Man braucht eine Sondererlaubnis, sonst wird man am Kontrollpunkt von der kurdischen Polizei zurückgeschickt. Der Innenminister von Afrin sagte mir, er bedauere diese neue Regelung, aber manchmal müsse man in Notsituationen schwierige Maßnahmen ergreifen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hilfe wünschen sich denn die örtlichen Behörden von Europa?

Moussa: Die Premierministerin von Afrin hat mir gesagt, dass sie dankbar ist, dass Europa Flüchtlinge aufnimmt. Sie warnte jedoch davor, dass nicht alle Syrer als Flüchtlinge aufgenommen werden sollten, weil manche diese Möglichkeit ausnützen würden. Europa sollte nur die wirklich Schutzbedürftigen aufnehmen und nicht mehr jeden aus Syrien. Denn dies führe dazu, dass die besten Leute aus Syrien abwanderten, und es verändere die Demografie des Landes. Besser sei es, sagte sie, wenn Europa helfe, um Frieden in Syrien zu schaffen, sodass die Menschen nicht mehr fliehen müssten.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Anzeige
  • Maximilian Popp (Hrsg.):
    Tödliche Grenzen

    Die Krise der europäischen Flüchtlingspolitik.

    SPIEGEL E-Book; 2,99 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: