Afrin unter türkischer Herrschaft "Die Kämpfer machen, was sie wollen"

Die Türkei inszeniert sich in Afrin als Schutzmacht. Zivilisten jedoch klagen über Vertreibungen und Enteignungen. Viele fürchten, die Regierung in Ankara betreibe einen Bevölkerungsaustausch.

AFP

Aus Afrin berichtet


Von der türkischen Grenze aus führt der Weg nach Afrin durch Zeltsiedlungen, in denen Flüchtlinge hausen, vorbei an Häuserruinen und Feldern, auf denen Bauern langsam wieder anfangen, sich um den Olivenanbau zu kümmern. Türkische Soldaten haben an den Ortszugängen Checkpoints errichtet. In der Ferne steigt Rauch auf.

Als Hasan Huseein im Februar vor dem Krieg zwischen dem türkischen Militär und der kurdischen Miliz YPG floh, hoffte er, bald wieder in seine Heimatstadt Afrin zurückkehren zu können. Nun wartet er seit einem halben Jahr bei Verwandten in einem Dorf im syrisch-türkischen Grenzgebiet. Und mit jedem Tag schwindet seine Hoffnung, jemals wieder in Afrin zu leben, ein Stück mehr.

Zwar sind die Gefechte seit Mitte März weitgehend beendet. Türkische Truppen haben, gemeinsam mit Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA), die YPG aus Afrin vertrieben. Zehntausende Menschen, die allermeisten von ihnen Kurden wie Hussein, laufen trotzdem Gefahr, ihr Zuhause in der nordwestsyrischen Stadt dauerhaft zu verlieren.

Hussein, der vor Kriegsbeginn als Mechaniker gearbeitet hat, erzählt, FSA-Milizen hielten das Haus seiner Familie sowie die Häuser Dutzender Verwandter besetzt. Das hätten ihm Bekannte berichtet, die in der Stadt ausharren. Die Organisation Human Rights Watch dokumentierte im Juni ähnliche Fälle. "Rebellen, die von der Türkei unterstützt werden, haben das Eigentum kurdischer Zivilisten beschlagnahmt, geplündert und zerstört, seit sie die Kontrolle über die Region übernommen haben", heißt es in dem Bericht.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan stellt den Militäreinsatz in Afrin als Erfolg dar. Die Armee hat die Stadt schneller eingenommen, als viele Beobachter erwartet hatten. Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und ihr syrischer Ableger, die YPG, haben im Grenzgebiet an Einfluss verloren. Zivilisten leiden jedoch bis heute unter den Folgen der Offensive. Von den 400.000 Menschen, die vor dem Krieg in Afrin wohnten, haben 250.000 die Stadt verlassen. Nur etwa jeder Zweite ist bislang wieder zurückgezogen.

"Man hat uns unsere Häuser weggenommen, unsere Geschäfte"

Afrin gleicht vier Monate nach dem Ende der Gefechte einer Geisterstadt. Etliche Häuser sind beschädigt. Kinder mit Sturmgewehren in der Hand laufen durch die Straßen. FSA-Kämpfer heben die Hand zum Gruß der türkischen Rechtsextremisten.

Vor dem Gouverneursamt hat sich Mehmet Akarca aufgebaut, ein Berater Erdogans. Die türkische Regierung hat internationale Journalisten nach Afrin geladen, um ihre Sicht auf den Konflikt zu erläutern. "Wir sind hier, um zu helfen", sagt Akarca. Türkische Truppen hätten die PKK aus Afrin verjagt und Sicherheit geschaffen. Nun würden sie sich Stück für Stück zurückziehen.

Die Häuser weg, die Geschäfte auch

Viele Menschen in der Region nehmen der türkischen Regierung dieses Versprechen nicht ab. Sie glauben, die Türkei wolle die Demografie in der Region verändern, wolle Kurden durch Araber ersetzen und auf diese Weise ihren Einfluss in Syrien ausbauen. Weiter nördlich, rund um die Stadt Dscharabulus, kontrolliert die Türkei bereits ein Gebiet, das türkische Soldaten und die FSA von der Terrormiliz Islamischer Staat befreit haben.

Fotostrecke

4  Bilder
Afrin unter türkischer Herrschaft: Bangen in der Trümmerstadt

Tausende Menschen, die nach den Angriffen durch Russland und das Assad-Regime aus Ghuta, einem Vorort von Damaskus, evakuiert wurden, wurden nach Afrin gebracht. Kurden wurden hingegen zum Teil an der Rückkehr in die Stadt gehindert.

Izmet, ein Kurde aus Afrin, der aus Angst vor Repressionen seinen Nachnamen nicht nennen will, erzählt, er habe seine Heimatstadt nicht wiedererkannt, als er im Mai zurückkam. "Man hat uns unsere Häuser weggenommen, unsere Geschäfte." Es gebe keine verlässliche Instanz, an die man sich wenden könne, um Eigentum zurückzuerhalten. Frauen würden genötigt, Schleier zu tragen. Die FSA-Kämpfer betrachteten sich selbst als die Eroberer von Afrin, sagt Izmet. "Sie machen nun, was sie wollen."



insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
phermana 18.07.2018
1. Welche Überraschung!
Ohne Billigung der NATO wäre der Angriff der Türkei auf Afrin und anderswo in Syrien undenkbar gewesen (ist). Der Diktator in Ankara hatte auch gute Beziehungen (kauf S-400 und Bau eines Atomkraftwerkes) zu seinem gleichgesinnten Autokraten Putin dazu genützt, seine von den islamisten übernommenen Aufgabe zu erfüllen. Die Vertreibung der Kurden und Enteignung ihrer Ländereien und Guthaben war ja die Absicht. Nun schweigen nicht nur die beteiligten Länder, sondern auch die UNO und nicht zuletzt NGO darunter auch AI, die in anderen Fällen fiktiven Ereignissen und Verleumdungen gegen Kurden stets publikmachte.
m.gu 18.07.2018
2. Herr Popp hat diesen Beitrag sehr gut beschrieben. Es zeigt die
wahre Politik des NATO Partners Türkei in Nordsyrien. Doch die deutsche Regierung schweigt zu diesen unmenschlichen Zuständen in Afrin, auch zu den begangenen Kriegsverbrechen der Türkei unter den Diktator Erdogan gegenüber den Kurden in Syrien und in der Türkei. Siehe Beispiel Quelle: "Kurdengebiet - Türkei: 80 Prozent der Stadt Sirnak dem Erdboden gleichgemacht." Diese Stadt zählte vor kurzem noch ca. 69 000 Kurden, heute nur noch ca. 4 000. Der große Rest wurde regelrecht massakriert oder gewaltsam aus der Stadt vertrieben. Bestätigt auch von der UNO denen 100de Beweise zu diesen Menschenrechtsverletzungen vorliegen. Siehe Quelle: "UNO wirft Türkei grobe Verstöße gegen Menschenrechte vor." Sowie "Menschenrechtsverletzungen: UNO wirft Türkei Verbrechen an Kurden vor." Ähnliches geschah in Afrin, einst lebten dort ca. 400 000 Menschen, heute nur noch ca. 250 000. Geschätzte 3 500 Kurden verloren ihr Leben, wie im Bericht weiter berichtet wird das Eigentum der Kurden beschlagnahmt bzw. entwendet. Das belegt die wahre Politik des Diktators Erdogan und seiner Helfershelfer.
matthyk 18.07.2018
3. Ethnische Säuberung sollte man auch so benennen
Was in anderen Weltregionen eine ethnische Säuberung ist, scheint in diesem Fall wohl nur das "Betreiben eines Bevölkerungsaustausches" zu sein. Nichtsdestotrotz wichtig, dass wenigstens jetzt darüber berichtet wird - auch wenn das Ganze nicht nur absehbar, sondern sogar von höchster Stelle angekündigt war. Oder wie hätte man es anders verstehen sollen, dass "Afrin seinen wahren Besitzern zurückgegeben" werden soll?
Nachteuie 18.07.2018
4. Endlich mal konsequent sein....
Wenn die NATO eine Wertegemeinschaft sein will - dann hat die Präsidialdiktatur Türkei keinen Platz mehr in ihr. Wenn die NATO ein Verteidigungsbündnis sein will - dann hat die aussenpolitisch expansive Türkei darin keinen Platz mehr. Wenn die NATO ein politisches Bündnis freiheitlich gleichgesinnter Staaten sein will - dann hat die immer islamistischer werdende Türkei darin keinen Platz mehr. Wenn die NATO eine Gemeinschaft freiheitlicher Rechtsstaaten sein will - dann hat der Unrechtsstaat Türkei darin keinen Platz mehr.Und wenn man die NATO als das nimmt, was sie dem Namen nach sein soll (North Atlantic .....) gehörte die Türkei eigentlich noch nie so richtig in die NATO....Bei dem Gedanken, dass bis heute deutsche Soldaten zu den Waffen greifen müssten, um militärische Angriffe auf diesen Staat Türkei abzuwehren, kommt mir das kalte Grausen. Und das Argument, man müsse die Türkei in der NATO halten, damit "der Russe" nicht dort militärischen Einfluss nähme, ist angesichts der engen "Männerfreundschaft" W. Putin - R.T. Erdogan ja wohl auch nur noch Quatsch. Die Türkei von heute hat in der NATO nichts mehr zu suchen, und in einer Europäischen Gemeinschaft oder - Union erst recht nix - schnellstmöglich raus! Auch wenn das der "fünften Kolonne" Erdogans unter den in Deutschland lebenden Türken sowie so manchem "Hauptsache-sonnig-und-billig-Antalya-All-Inclusiv-Urlauber" dann wohl so gar nicht gefallen dürfte.
hoernomat 18.07.2018
5. Wer genau hinsieht...
.... stellt fest, dass die Türkei damit als NATO-Land indirekt legitimiert, was Assad in Syrien an vielen stellen betreibt. Es ist de facto ethnische Säuberung zu Lasten sunnitischer Araber, die dereinst in diesen Orten die Mehrheit bildeten. Hatten wir nach Bosnien und Ruanda nicht gesagt: "Nie wieder" - was sich sowohl auf Völkermord wie ethnische Säuberung bezogen hatte? Nun will ich der Türkei bzw. Erdogan nicht auf eine Stufe mit den Massenmördern Assad, in Ruanda und Bosnien stellen, denn die Menge an Opfern ist schon signifikant unterschiedlich, aber die Methoden scheinen es eben kaum zu sein. Wir können nicht sagen, wir hätten es nicht gewusst und wer es weiß und trotz der Möglichkeit zu handeln untätig bleibt, macht sich nun mal mit schuldig. Das können wir ja bedenken, wenn wir das nächste Mal zur Wahlurne schreiten, welche Art von verantwortungsvoller Regierung wir als Wahlbürger haben möchten...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.