Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Syrien: Alliierte fürchten russische Flugabwehrzone

Von , Brüssel

Jagdflugzeuge, moderne Flugabwehr: Russland hat auch Waffensysteme nach Syrien gebracht, die nichts mit dem Kampf gegen Terroristen oder Rebellen zu tun haben. Westliche Militärs sind besorgt.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wladimir Putin hat den Westen wieder einmal überrumpelt: Der Kreml-Chef hat seit Mitte September eine beeindruckende Menge militärischen Materials in Syrien aufgefahren; am Mittwoch ließ er erste Luftangriffe fliegen. Doch das dürfte noch nicht alles gewesen sein - denn was Russland in das Bürgerkriegsland liefern ließ, deutet darauf hin, dass Putin mehr vor hat, als gegen Terroristen vorzugehen.

In Russlands syrischem Militärarsenal befinden sich laut öffentlich verfügbaren Informationen Waffensysteme, die aus Sicht westlicher Experten nichts mit dem offiziellen Ziel des Kremls - der Bekämpfung des "Islamischen Staats" - zu tun haben. So hat Moskau etwa Abfangjäger vom Typ MiG-31 "Foxbat" sowie Luftüberlegenheitsjäger des Typs Su-27 "Flanker" nach Syrien gebracht.

"Ich habe noch nicht gesehen, dass der 'Islamische Staat' Flugzeuge fliegt, gegen die man fortschrittliche Jagdflugzeuge bräuchte", merkte Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove am Dienstag in Washington an.

Sorgen bereiten dem US-General offenbar auch die Flugabwehrsysteme, die Russland ebenfalls in Syrien stationiert hat. Er warnte vor dem Entstehen einer russischen "Luftverteidigungsblase", die einer Flugverbotszone für westliche Streitkräfte gleichkommen könnte. Militärs sprechen von "Anti Access/Area Denial" ("A2/AD"). "Wir beobachten, dass die Russen mit dem Aufbau einer A2/AD-Zone im nordöstlichen Mittelmeerraum beginnen", sagte Breedlove.

Westen befürchtet inoffizielle Flugverbotszone

Dabei sollen die Russen bisher nur die Kurzstrecken-Flugabwehrsysteme SA-15 und SA-22 nach Syrien gebracht haben. Es halten sich aber auch hartnäckig Gerüchte, Moskau könnte die Armee von Diktator Baschar al-Assad mit dem Langstrecken-Flugabwehrsystem S-300 ausrüsten, das selbst für moderne westliche Kampfjets eine Bedrohung wäre. Zwar verzichtete der Kreml 2013 auf Druck der USA auf die Lieferung. Allerdings warnte Putin damals, dass er sich im Falle einer "Verletzung internationaler Regeln" anders entscheiden könnte.

Fotostrecke

3  Bilder
Syrien: Russlands Waffen im Bürgerkriegsland
Um den Westen an Flügen über Syrien zu hindern, müsste Russland nicht einmal offiziell eine Flugverbotszone erklären, geschweige denn mit dem Abschuss westlicher Flugzeuge drohen. Moskau, so ein Beobachter, müsse nur zweierlei tun: Eine Luftverteidigungszone aufbauen und sich der Kommunikation mit den westlichen Streitkräften verweigern.

Derartige Befürchtungen kursieren offenbar auch im Brüsseler Nato-Hauptquartier. Es bestehe die Gefahr, dass das syrische Krisengebiet für die Alliierten "nicht mehr erreichbar" werde, sagte ein Nato-Insider. Bislang haben die USA, Großbritannien und Frankreich Luftangriffe in Syrien geflogen.

Ein ehemaliger Kampfpilot der Bundeswehr bestätigt das: "Selbst wenn Russland und der Westen die gleichen Ziele angreifen wollten, wäre das unglaublich schwierig." Ein Luftraum werde im Konfliktfall straff durchorganisiert und in Korridore aufgeteilt. "Alles, was außerhalb dieser Korridore fliegt, ist erst mal verdächtig". Doch die Unterscheidung zwischen Freund und Feind sei zwischen Nato und Russland "weder technisch noch prozedural" vereinheitlicht. Sollte Russland nicht zu enger Kooperation bereit sein, wären Einsätze westlicher Kampfflugzeuge vermutlich zu riskant.

Wird Russland Angriffe mit Alliierten koordinieren?

US-Verteidigungsminister Ashton Carter hat seine Mitarbeiter am Mittwoch angewiesen, mit Russland Kontakt aufzunehmen, um die Einsätze von Kampfflugzeugen abzusprechen. "Wir wollen nicht, dass es zu einem Unfall kommt", erklärte ein Pentagon-Sprecher. Entsprechende Gespräche könnten nach Angaben der US-Regierung noch am Donnerstag stattfinden.

Doch ob die Russen kooperieren, erscheint fraglich. So hat Moskau den Westen nur eine Stunde vor seinen ersten Luftschlägen in Syrien informiert - indem ein General in die US-Botschaft in Bagdad ging und dem dortigen Personal Bescheid sagte. Auf die Koordinierung mit den Alliierten ("deconfliction") legte der Kreml schon zu diesem Zeitpunkt offenbar nur wenig Wert. Der russische General soll den Amerikanern geraten haben, während der russischen Angriffe den syrischen Luftraum zu verlassen.

Zudem deutet derzeit vieles darauf hin, dass Russland nicht in erster Linie den "Islamischen Staat" bekämpfen, sondern Syriens Diktator Baschar al-Assad helfen und zugleich seinen Einfluss in der Region ausweiten will. "Merkwürdig, aber sie haben den 'Islamischen Staat' nicht angegriffen", sagte Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian. Russlands Außenminister Sergej Lawrow widersprach: Man habe in Zusammenarbeit mit dem syrischen Militär "ausschließlich" IS-Ziele beschossen. Breedlove dagegen sagte, Moskau wolle Assads Regime "vor denjenigen schützen, die es unter Druck setzen" - also auch vor den westlichen Streitkräften.

Sollte das zutreffen, dürfte Moskau wenig Interesse an Absprachen haben, die es westlichen Kampfflugzeugen erlauben würden, weiterhin in Syrien zu operieren. In diesem Fall dürfte schon die Angst vor einem verheerenden Zwischenfall die Alliierten davon abhalten, in die russische Luftverteidigungszone einzudringen. Sollte Russland auf offizielles Bitten der syrischen Regierung den Luftraum des Landes schützen, wäre die Lage noch schwieriger.

Ein Eindringen westlicher Kampfflugzeuge, so ein Insider, könnte dann eine "höchst explosive Situation" bedeuten.

Zusammengefasst: In westlichen Militärkreisen wird befürchtet, dass Russland eine Flugabwehrzone in Syrien errichten könnte - und damit weitere Einsätze des Westens in dem Bürgerkriegsland praktisch unmöglich macht. Das US-Verteidigungsministerium will schnellstens Gespräche mit Russland ansetzen, um das Entstehen einer russischen Flugabwehrzone über Syrien zu verhindern.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Korrespondent in der Redaktionsvertretung Brüssel.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

Mehr Artikel von Markus Becker

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 250 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
P-Centurion 01.10.2015
Tja, denkt mal scharf nach wozu diese hauptsächlich Defensivwaffen benutzt werden könnten. Wer fliegt ohne Erlaubnis einfach in Syrien rum und bombt wie sie lustig sind und bricht damit internationales Recht?
2. Ungleiches Vorgehen
Quantus 01.10.2015
Auf ewig wird es nicht gut gehen können wenn die Nato um Koordination und Deeskalation bemüht ist während Rußland eigene Brötchen backt und sich betont aggressiv und unkooperativ zeigt. Immer auf Frieden setzen ist riskant wenn Rußland den Konflikt will.
3. Lasst
ihatewolf 01.10.2015
die Russen sich doch um Syrien kümmern. Die Alliierten können sich dann auf den Irak und Afghanistan konzentrieren.
4. Nu macht mal halblang
Rosa3000 01.10.2015
Glaubt wirklich wer, dass Russland westliche Militär-Flugzeuge abschießen würde? Der Westen hat in der Gegend (Türkei, wahrscheinlich auch in Israel, am Golf, Träger) wesentlich mehr Blech zu stehen. Bis jetzt hat sich Putin nicht als zu dumm verhalten.
5. Desinformationspolitik
syn4ptic 01.10.2015
Statt objektiver, durchaus gerne auch kritischer Berichterstattung gibt's bei gewissen Themen auf SPON nur noch Mutmaßungen, Gerüchte, Befürchtungen, Emotionen und "Der hat das aber gesagt. es wäre so.". Wie gut das Ganze zieht sieht man ja an manchen Kommentatoren, die immer noch munter von 'Freiheitskämpfern' sprechen, die gegen Assad kämpfen und die man unterstützen müsse. Solche Kommentatoren denken dabei an Freiheit im freiheitlich demokratischen Sinne, während Gruppen wie Al-Nusra aber von der Freiheit reden Andersgläubigen mit Gewalt zu Leibe zu rücken. SPON wie wärs mal mit etwas weniger halbgaren Geschichten und dafür etwas mehr Fakten?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Syrien-Reiseseite


Fotostrecke
Angriffe in Syrien: Wen bombardiert Russland wirklich?

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: