Kämpfe in Syrien Aufständische attackieren das Staatsfernsehen

Aufständische haben in Aleppo ein symbolträchtiges Ziel angegriffen: das Gebäude des Staatsfernsehens. Regierungstruppen wehrten den Angriff ab. Doch das syrische Regime hat große Probleme, sich weiter zu finanzieren. Russland prüft direkte Hilfen - und zieht damit Zorn auf sich.


Damaskus/Beirut - In der syrischen Stadt Aleppo toben heftige Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Aufständischen. Rebellen griffen in der Nacht zu Samstag das Rundfunkgebäude an. Darin ist das Staatsfernsehen untergebracht. Die Aufständischen hätten rings um das Haus Sprengsätze deponiert, seien dann aber bei dem Versuch, das Gebäude zu stürmen, von der syrischen Luftwaffe beschossen worden, teilte die im Ausland ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Nachdem den Regierungstruppen Kampfflugzeuge zur Hilfe gekommen seien, hätten die Aufständischen den "taktischen Rückzug" angetreten, berichtet ein Rebellenkommandeur vor Ort. Auch die syrische amtliche Nachrichtenagentur Sana bestätigte den Angriff auf die Niederlassung des Staatsfernsehens und berichtete von "Terroristen, die Zivilisten und das Gebäude angegriffen" hätten. Syrische Soldaten seien aber zur Verteidigung angerückt. Bei dem Vorfall seien "Terroristen getötet und verletzt worden", hieß es weiter. Mit "Terroristen" umschreibt die syrische Führung regierungskritische Demonstranten und Aufständische im Land.

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Syrien: Kampf um Aleppo
Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gab es auch in zwei westlichen Stadtteilen von Aleppo heftige Kämpfe. In Damaskus gelang es den Regierungstruppen offenbar, die Aufständischen größtenteils zurückzudrängen. So haben Soldaten des Regimes in der Hauptstadt die weitgehende Kontrolle über das umkämpfte Stadtviertel Tadamun wieder hergestellt. Die Armee habe das südliche Viertel "so heftig beschossen wie nie zuvor", teilte die Beobachtungsstelle mit.

Assad beantragt in Russland einen Kredit

Tadamun war die letzte Hochburg der Rebellen in Damaskus. Nach Angaben eines lokalen Aktivisten wurden bei den Kämpfen mindestens zwölf Menschen getötet. Außerdem sollen mehrere Personen bei Hausdurchsuchungen der Sicherheitskräfte an Ort und Stelle erschossen worden sein. Die staatliche Agentur Sana meldete aus Damaskus zudem Gefechte im östlichen Bezirk Dschubar. Eine "große Anzahl" von Aufständischen wurde demnach festgenommen oder getötet. Zudem seien Waffen beschlagnahmt worden.

Die Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die der syrischen Opposition nahesteht, erklärte, am Samstag seien landesweit mindestens 13 Menschen getötet wurden. Am Freitag starben demnach mindestens 84 Menschen, darunter 46 Zivilisten.

Während Regierungstruppen laut den Berichten Aufständische zurückdrängen können, gerät das Regime angesichts der Kosten für den Krieg offenbar wirtschaftlich immer stärker unter Druck. Nun will Präsident Baschar al-Assad ausgerechnet ein Mitglied des Uno-Sicherheitsrats als Unterstützer gewinnen. Assad habe Russland um finanzielle Hilfe und Treibstofflieferungen gebeten, teilte der stellvertretende syrische Ministerpräsident Kadri Dschamil am Freitagabend nach Gesprächen in Moskau mit.

Russland prüft den Antrag

Demnach bat Assad um einen Kredit. Russland wolle den Antrag prüfen, meldete die russische Nachrichtenagentur Ria Novosti. Beobachter gehen davon aus, dass Syrien seine geschätzten Währungsreserven in Höhe von 17 Milliarden Dollar bald aufgebraucht hat. Denn die Sanktionen der EU und der USA zeigen offenbar Wirkung. "Wir erwarten Engpässe bei Diesel und anderen Ölprodukten", sagte der syrische Ölminister Said Masa Hanidi.

Zugleich zeigt das Hilfsgesuch an Moskau aber, wie schwer es für die Weltgemeinschaft ist, dauerhaft Druck auf das Regime in Damaskus auszuüben. Denn die Regierung in Moskau hat wiederholt Uno-Sanktionen gegen Syrien verhindert und die dortige Regierung während des Bürgerkriegs weiter mit Waffen beliefert. Russland sprach sich auch gegen eine am Freitag verabschiedete Resolution der Uno-Vollversammlung aus. Zuvor waren auf Betreiben der Russen und Chinesen noch eine Rücktrittsforderung an Assad sowie ein Aufruf zu Sanktionen aus dem Papier gestrichen worden.

Frankreich forderte, der Uno-Sicherheitsrat müsse mehr humanitäre Hilfe für die syrische Bevölkerung ermöglichen. Auf politischer Ebene sei ein Vorankommen angesichts der Blockade Russlands und Chinas schwierig, sagte der französische Uno-Botschafter Gérard Araud am Samstag dem Radiosender Europe 1. "Wir werden versuchen, Russland und China wenigstens bei den humanitären Fragen auf unsere Seite zu bekommen", sagte Araud. Im Gespräch ist ein "humanitärer Korridor", über den Hilfe ins Land gebracht werden könnte. "Es gibt derzeit drei Millionen Syrier, denen es an Nahrungsmitteln und Medikamenten fehlt", sagte der Uno-Botschafter.

"Wir werden das Resultat haben, das die Russen fürchten"

Er kritisierte das Taktieren Russlands. Die Regierung in Moskau fürchte eine Machtübernahme der Islamisten in Syrien. Diese werde es aber auf jeden Fall geben, wenn Moskau am aktuellen Regime festhalte, sagte Araud. "Assad wird gestürzt werden, und je länger wir warten, desto mehr wird sich der Widerstand radikalisieren", warnte er. "Schon jetzt sehen wir, wie al-Qaida in Syrien auftaucht, und am Ende werden wir das Resultat haben, das die Russen fürchten."

Das Rote Kreuz forderte die syrische Regierung und die Rebellen auf, Zivilisten zu verschonen. "Wir rufen alle an den Kämpfen beteiligten Gruppen zur Beachtung der Pflichten auf, die sich für sie aus dem humanitären Völkerrecht ergeben", erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Samstag in Genf und Damaskus. Laut der Hilfsorganisation kommt es auch zu Angriffen auf Helfer. Demnach wurden bereits fünf Mitarbeiter des Syrischen Arabischen Roten Halbmonds (Sarc) getötet und zahlreiche Krankenwagen in Syrien beschossen oder geraubt.

mmq/dpa/dapd

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Seite 1
SteigerF 04.08.2012
1.
Der französische UNO-Botschafter hat recht. Assad wird, ganz egal, was geschehen mag, nicht haltbar sein und je länger der Konflikt andauern wird, desto radikaler werden die sein, die danach kommen. Die Haltung Russlands, dass sich über jede ausländische Einmischung empört, aber selbst finanzielle Unterstützung an das Regime prüft, ist heuchlerisch.
seine-et-marnais 04.08.2012
2. Medienpolitik nach Art der Aktivisten
Zitat von sysopREUTERSAufständische haben in Aleppo ein symbolträchtiges Ziel angegriffen: das Gebäude des Staatsfernsehens. Regierungstruppen wehrten den Angriff ab. Doch das syrische Regime hat große Probleme, sich weiter zu finanzieren. Russland prüft direkte Hilfen - und zieht damit Zorn auf sich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,848210,00.html
Dass man das Gebaeude des Staatsfernsehens als Propagandamedium angreift ist verstaendlich, unverstaendlich ist aber die Entfuehrung und Hinrichtung eines Journalisten. Reporter ohne Grenzen hatte sich schon um den Fall gekuemmert, und die Meldung ueber die Exekution kam von London. Le Figaro - Flash Actu : Syrie: un prsentateur TV excut (http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2012/08/04/97001-20120804FILWWW00277-syrie-un-presentateur-tv-execute.php)
spon-facebook-1580792693 04.08.2012
3. Das verstehe ich nicht
Der Präsident Assad ist doch von der Mehrheit der Syrer ein gewollter Präsident. Also die Mehrheit der Syrer stehen hinter Assad hier im Spiegel wird das nicht deutlich. Aber das ist die Tatsache.
Revarell 04.08.2012
4. Das ist die Realität,...........
Zitat von SteigerFDer französische UNO-Botschafter hat recht. Assad wird, ganz egal, was geschehen mag, nicht haltbar sein und je länger der Konflikt andauern wird, desto radikaler werden die sein, die danach kommen. Die Haltung Russlands, dass sich über jede ausländische Einmischung empört, aber selbst finanzielle Unterstützung an das Regime prüft, ist heuchlerisch.
............diesen Konflikt haben die Russen, natürlich auch die Chinesen, erst zu dem werden lassen was er jetzt ist! Nach den ersten friedlichen Demos in Syrien und den darauf folgenden gewaltsamen Übergriffen des Assad-Regimes hatten Rußland und China die Möglichkeit sich im Sicherheitsrat für die richtige Seite zu entscheiden, das haben sie verpasst aus welchen Gründen auch immer! An der derzeitigen Entwicklung mit all den babarischen Vorfällen auf beiden Seiten tragen ausschließlich China und Russland die Schuld.
paulroberts 04.08.2012
5. Also bitte
Zitat von Revarell............diesen Konflikt haben die Russen, natürlich auch die Chinesen, erst zu dem werden lassen was er jetzt ist! Nach den ersten friedlichen Demos in Syrien und den darauf folgenden gewaltsamen Übergriffen des Assad-Regimes hatten Rußland und China die Möglichkeit sich im Sicherheitsrat für die richtige Seite zu entscheiden, das haben sie verpasst aus welchen Gründen auch immer! An der derzeitigen Entwicklung mit all den babarischen Vorfällen auf beiden Seiten tragen ausschließlich China und Russland die Schuld.
So ein Unsinn.Russland und China versuchen, das schlimmste zu verhindern, dass in einer Krisenzone ein Staat in die Hände von Terroristen fällt. Dass die USA und die Nato andere Interessen haben lässt sich nur mit Geschäftsinteressen der Rüstungsindustrie erklären.
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