Nordsyrien Türkische Armee meldet Erfolge bei Afrin-Offensive

Mit aller Härte geht die Türkei gegen die Kurdenmiliz YPG im Norden Syriens vor. 260 Kämpfer sollen bereits "neutralisiert" worden sein. Außenminister Cavusoglu droht, die Offensive auszuweiten.

Türkische Soldaten an der Grenze zu Syrien
SEDAT SUNA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Türkische Soldaten an der Grenze zu Syrien


Seit Beginn der türkischen Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien sind nach Angaben der türkischen Armee zahlreiche gegnerische Kämpfer getötet worden. Mindestens 260 "Angehörige von Terrororganisationen" seien "neutralisiert" worden, teilte der Generalstab in Ankara mit.

Mit "neutralisiert" ist im Sprachgebrauch türkischer Sicherheitskräfte in der Regel "getötet" gemeint, der Begriff kann aber auch verletzt oder gefangen genommen bedeuten. Eine Bestätigung der YPG zu diesen Zahlen gibt es bisher nicht.

Die Armee hatte die "Operation Olivenzweig" am Samstag begonnen und YPG-Stellungen in der Region Afrin mit Artillerie und aus der Luft angegriffen. Am Sonntag folgte eine Bodenoffensive. Die Streitkräfte bestätigten, bei Gefechten in Syrien seien am Dienstag ein türkischer Soldat getötet und ein weiterer verletzt worden. Ein weiterer Soldat war bereits am Montag getötet worden. Präsident Recep Tayyip Erdogan nahm am Dienstag an der Trauerzeremonie für den Soldaten in Ankara teil.

Cavusoglu: "Jede Bedrohung der Türkei beseitigen"

Die Armee betonte, die Operation richte sich ausschließlich gegen Terroristen. Man unternehme alle Anstrengungen, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Die YPG kontrolliert die Region Afrin und ist der syrische Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Nach den Worten des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu könnte die Offensive auch auf die Stadt Manbidsch und Gebiete östlich des Euphrat ausgeweitet werden. In einem Interview mit dem französischen Fernsehsender France 24 warf er der YPG vor, die Türkei aus Manbidsch heraus anzugreifen. "Derzeit ist Afrin das Ziel, aber in der Zukunft könnten wir eine Operation in Manbidsch und auch im östlichen Teil des Euphrats beginnen", sagte Cavusoglu.

Auf die Frage, ob die USA eine Ausweitung der Militäraktion ablehnen könnten, sagte er: "Ich muss mit niemandem übereinstimmen. Unsere Verpflichtung ist es, jede Bedrohung der Türkei zu beseitigen."

US-Präsident Donald Trump wird am Mittwoch mit Erdogan telefonieren, wie ein Vertreter der Regierung in Washington mitteilte. Trump dürfte Erdogan vermutlich über das Unbehagen der US-Regierung über die türkische Offensive informieren. Der amerikanische Verteidigungsminister James Mattis rief die Türkei am Dienstag zu "Zurückhaltung" auf.

Video: Gefechte zwischen Türkei und der Kurdenmiliz

Russlands Präsident Wladimir Putin hat am Dienstag bereits mit Erdogan telefoniert. Syriens territoriale Integrität und Souveränität müssten respektiert werden, teilte der Kreml anschließend mit. Man wolle weiterhin gemeinsam daran arbeiten, eine friedliche Lösung für den Syrienkonflikt zu finden.

Dilemma für die Bundesregierung

Die PKK ist in der Türkei, der EU und in den USA als Terrororganisation eingestuft. Die YPG ist zugleich Verbündeter der US-geführten Koalition gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und wurde von den USA mit Waffen ausgerüstet.

Die türkische Offensive gegen syrische Kurden bringt unterdessen die Bundesregierung in Bedrängnis: Bilder der türkischen Offensive belegen, dass Ankara auch von Deutschland erworbene "Leopard 2"-Panzer gegen die YPG einsetzt. Als Kämpfer gegen den IS gelten die YPG-Anhänger gleichzeitig als Verbündete Deutschlands.

Eigentlich wollte der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) gerade einen Rüstungsdeal zur Modernisierung der "Leopard"-Panzer einfädeln - auch um die Wiederannäherung Deutschlands und der Türkei zu beschleunigen. Ob es dazu jetzt noch kommt, ist ungewiss.

Video: "Deutschland wird indirekt zur Kriegspartei"

AP; SPIEGEL ONLINE

mja/dpa/AFP/Reuters

insgesamt 30 Beiträge
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muster.schieber 24.01.2018
1. Absurde Regierungspropaganda
Entgegen der absurden türkischen Regierungspropaganda scheint es der türkischen Armee auch nach drei Tagen Überfall auf die einzige Region in Syrien, die bislang vom Krieg verschont geblieben war, nicht gelungen zu sein, irgendeinen substantiellen Geländegewinn zu erzielen. Die sog "Freie syrische Armee", eine Hilfstruppe der türkischen Regierung, die u.a. aus Al Queida Ablegern und tschetschenischen islamistischen Söldnern besteht, ist bis gestern Abend immer wieder unter Verlusten zurückgeschlagen worden. Was es leider gibt, sind mehrere Dutzend tote Zivilisten, darunter etliche Kinder bei den Dauerbombardement des türkischen Militärs von ihren Stellungen jenseits der Grenzen und deren Luftangriffen.
mustermann76 24.01.2018
2. Das Maß ist voll
Wir mussten uns von der Türkei weiss Gott genug gefallen lassen. Sanktionen müssen her, Rüstungsexporte werden eingestellt und die Ditib sollte verboten werden. Vermutlich wäre das die einzige Sprache die Erdogan versteht. Unsere deutschen Gefangenen müssten wir dann allerdings gegen gefangene Ditib Spione austauschen und die Beziehung zur türkei wäre erst mal im Eimer. Kurz, es ist ein echtes Desaster...
fatal.justice 24.01.2018
3. Nachdem...
... die türkische Republik fröhlich nahezu allen vormaligen Kriegsparteien durch strukturelle und militärische Unterstützung zu einer substanziellen Selbstdezimierung verhalf, kann sie nun unbehelligt ihren eigenen Kriegszielen nachgehen. Völkerrechtswidrig, kriegsrechtswidrig und menschenrechtswidrig. Der seine Hände in Unschuld reibende Rest der Weltgemeinschaft ergeht sich mal wieder darin, was er am besten kann: Wegducken, wegtauchen und mit einem moralischen Hüsteln ein Pflänzchen geheuchelten Mitleids in der Negev zu pflanzen. Hoffentlich haben sie wenigstens die Schamgrenze, diesmal keinen Olivenbaum einzubuddeln.
toll_er 24.01.2018
4. Freude kommt auf
Ja, bei diesen tollen militärischen Erfolgen wird doch helle Freude aufkommen bei den deutschen Panzer/Waffenbauern. Sicherlich sind Beobachter dieser Firmen vor Ort. Endlich mal wieder deutsche Panzer im Kriegseinsatz! Und sie "neutralisieren" so effektiv. Mir wird übel.
kladderadatsch 24.01.2018
5. Die Bundesregierung muss jetzt handeln
Die Bundesregierung ließ sich seinerzeit zusichern, dass die Panzer nur Nato-Verteidigungsfall eingesetzt werden. Also ist jetzt der Deal rückabzuwickeln. Viel Spaß!
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