Drohender US-Militärschlag: Assads Lügen-Offensive

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DPA/ SANA

Syriens Präsident Assad: "Alles Lügen!"

Das Regime in Syrien wird nervös. Es fürchtet einen harten Militärschlag der Amerikaner. Präsident Assad und seine besten Botschafter kämpfen an vorderster Medienfront - sie wollen der Welt die Attacke doch noch einmal ausreden.

Nahezu täglich erklären US-Präsident Barack Obama und seine Regierung der Welt derzeit ihre Sicht der Dinge. Washington wirbt um Unterstützung für einen Militärschlag gegen das syrische Regime.

Doch auch Damaskus macht mobil. In einer bisher noch nicht dagewesenen Propaganda-Anstrengung schickt das syrische Regime derzeit seine besten internationalen Botschafter an die Medienfront. Sie sollen Zweifel säen und die Angriffe doch noch einmal abwenden.

US-Präsident Barack Obama hat angekündigt, die Militäreinrichtungen des syrischen Regimes bombardieren zu wollen. So soll Damaskus davon abgeschreckt werden, noch einmal Chemiewaffen gegen die Bevölkerung einzusetzen. Am 21. August wurden in Damaskus durch Giftgas rund 1400 Menschen getötet, darunter viele Frauen und Kinder.

Durch die Bombardierungen könnte das syrische Regime einen zentralen Vorteil gegenüber den Rebellen verlieren: seine Flughäfen - und damit seine Luftwaffe und Luftversorgungswege. Kein Wunder, dass das Regime unbedingt verhindern will, dass es zu den Angriffen kommt.

Assads Apologeten rühren die Werbetrommel

Die Protagonisten der jüngsten Propaganda-Tour sind die besten internationalen Botschafter des syrischen Regimes - wortgewandt und perfekt englischsprachig.

  • Baschar al-Assad: Der Präsident höchstpersönlich eröffnete die Propaganda-Offensive. In Damaskus sprach er erst mit russischen Medien und empfing dann einen renommierten Reporter der französischen Zeitung "Le Figaro". Assad gab sich bewusst entspannt, schrieb der Reporter hinterher - sich bloß nichts von der Sorge vor den US-Militärschlägen anmerken lassen. Seine Antwort, zusammengefasst, auf die Vorwürfe des Westens? "Alles Lügen!"

  • Baschar al-Dschaafari: Syriens Uno-Botschafter trat im amerikanischen TV-Sender CNN auf. Wie immer gab sich der 57-Jährige als besonnener Diplomat. Doch Moderatorin Christiane Amanpour ließ es ihm nicht durchgehen, wenn er offensichtlich log. Es folgte ein sehenswerter Schlagabtausch. Das syrische Regime bezeichnete Dschaafari als "Opfer" und "friedlich" - und das obwohl seit 2011 in Syrien über 100.000 Menschen umgebracht wurden, davon die große Mehrheit von Kräften des syrischen Regimes.

  • Buthaina Schaaban: Die Medienberaterin von Baschar al-Assad präsentierte im britischen TV-Sender Sky News am Donnerstag eine neue Erklärung, was sich am 21. August in Damaskus abgespielt haben soll. Demnach hätten Dschihadisten Kinder an der syrischen Küste entführt, sie auf von Schaaban nicht näher erklärte Weise über 300 Kilometer unbemerkt durchs Bürgerkriegsgebiet nach Damaskus geschmuggelt und sie dann dort vergast. Dabei vergaß Schaaban offenbar, dass das syrische Staatsfernsehen schon eine andere Erklärung für die Attacke gefunden hatte: Demnach soll Saudi-Arabien unbemerkt große Mengen Giftgas nach Damaskus geschmuggelt und diese dort in einem unbemerkt selbstgegrabenen Tunnel versteckt haben. Die Rebellen hätten versehentlich im Tunnel einen Chemikalien-Unfall gehabt - so sei es zu den Toten gekommen. Wo dieser Tunnel genau gewesen sein soll und warum ihn bisher keiner entdeckte, wurde nicht näher erklärt.

Auffällig ist auch, wer dieses Mal nicht mehr für Baschar al-Assad in die Bresche sprang:

  • Dschihad al-Makdisi: Der Ex-Sprecher des syrischen Außenministeriums ist vor einem halben Jahr desertiert, was er seitdem selbst bestätigt hat. Damaskus behauptete nach seiner Desertion, Makdisi sei nicht desertiert, er mache lediglich ein paar Monate Sabbatical.

  • Rim Haddad: Warum sich die schöne Vertreterin des Informationsministeriums nicht mehr blicken lässt, ist unklar. Flammend und manchmal auch absurd komisch verteidigte sie das Assad-Regime 2011 in ihrem perfekt britischen Akzent. Eine ihrer unvergesslichen Aussagen etwa war, dass es keine syrischen Flüchtlinge gäbe. Es handle sich bei den Ausreisenden lediglich um syrische Urlauber. Damaskus hielt damals noch daran fest, dass es gar keinen Konflikt gäbe, in Syrien sei alles in bester Ordnung. Inzwischen sind über zwei Millionen Syrer als Flüchtlinge registriert.

Damaskus tut so, als sei Syrien der Irak

Gebetsmühlenartig tragen Assads Apologeten die eine Botschaft in die Welt, die einen US-Angriff doch noch verhindern soll: Syrien - das sei wie der Irak 2003. Chemiewaffeneinsatz? Alles eine Lüge der Amerikaner! Wie damals mit den Massenvernichtungswaffen.

Das syrische Regime setzt darauf, dass viele internationale Beobachter den Irak und Syrien nicht auseinanderhalten können. Komplizierte Länder irgendwo im Nahen Osten - wo war doch gleich der Unterschied?

Die wichtigsten Unterschiede sind: Anders als beim Irak-Einsatz 2003 ist es bekannt, dass Syrien Chemiewaffen besitzt. Nicht einmal Damaskus bestreitet dies. Die Erkenntnisse, dass das syrische Regime Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt hat, stammen nicht von einer einzigen Quelle wie 2003.

Dieses Mal stimmen die Einschätzungen der britischen, französischen und deutschen Geheimdienste überein. Gestützt werden sie von Augenzeugenberichten, unzähligen Videos und Experteneinschätzungen. Nach der Attacke wurde das Gebiet über mehrere Tage vom syrischen Regime heftig bombardiert. Die Uno-Inspektoren wurden so lange hingehalten. Damaskus ließ nicht zu, dass sie sofort ihre Untersuchungen aufnehmen konnten. Auch dies trug nicht gerade zur Glaubwürdigkeit von Assads Unschuldsbeteuerungen bei.

Dann gibt es noch die Plausibilitätsfrage.

Wäre es theoretisch möglich, dass die Rebellen sich selbst vergasen in einem Stadtteil, der seit über einem Jahr von ihnen kontrolliert wird, ohne dass das Regime ihn zurückerobern kann - indem sie von Positionen der Regime-Streitkräfte in kurzen Abständen mehrere große Giftgas-Sprengköpfe auf sich selbst abschießen? Kein internationaler Waffenexperte hält es für möglich, dass die Rebellen das dafür nötige Giftgas besitzen oder zu einem derart großen, koordinierten Schlag in der Lage wären. Diese Fähigkeit besitzt nur das Regime.

Doch um Plausibilität scheren sich Assads Apologeten wenig.

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insgesamt 203 Beiträge
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1. jaja
rabenkrähe 05.09.2013
Zitat von sysopDas Regime in Syrien wird nervös. Es fürchtet einen harten Militärschlag der Amerikaner. Präsident Assad und seine besten Botschafter kämpfen an vorderster Medienfront - sie wollen der Welt die Attacke doch noch einmal ausreden. Syrien: Assad auf Propaganda-Tour gegen US Angriff - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-assad-auf-propaganda-tour-gegen-us-angriff-a-920583.html)
......... Solche Gestalten wie Assad probieren genau aus, wie weit sie gehen können, werden sie dann in ihre Schranken verwiesen, tun sie ganz kleinlaut und lassen sich die merkwürdigsten Geschichtchen einfallen. Schon deswegen ist es dringendst, daß dieser Despot in seine Schranken verwiesen wird. Besser wäre, KGB-Genosse Putin holte Assad nach Tschetschenien, da paßte er ihn und dort tobt sich ein Putin-Freund ja schon seit Jahren gnadenlos und gänzlich ungestraft aus.
2. Sie Wahrscheinlichkeit...
Berlin142 05.09.2013
dass die Geheimdienste der USA hier lügen, dürfte bedeutend größer sein. Aber das passt ja nicht in eine Berichterstattung, die offensichtlich zum Ziel hat, einen Krieg gegen Syrien zu rechtfertigen. Warum zählt SPOn nicht auch einmal die Argumente auf, die u.a. in Al Djazira schon vor Wochen dargestellt wurden? Dass durch Regierungstruppen Chemielager gefunden wurden, deren Rohstoffe in double-use direkt für chemische Angriffe verwendet werden können und deren Gegenmittel u.a. auch einer deutsch-saudischen Firme stammten? Warum geht man nicht auf die Unstimmigkeiten ein, dass offenbar bereits Videos, die als Beweis des Vorgehens der Assad-Truppen dienen, bereits vor dem Anschlag im Netz auftauchten? Warum beschäftigt sich SPON nicht mit der offensichtlichen Unlogik, die die gesamte Argumentation von USA & Co. innehat? Darf SPON das nicht?
3. .
Matze38 05.09.2013
gleiches recht für alle, der westen allen voran die Amerikaner lügen ja regelmäßig.
4. optional
moneysac123 05.09.2013
Schon erstaunlich und beängstigend wie ein Mensch, der in europa als augenarzt gearbeitet hat sich zu einem solchen totalitären diktator wandelt.
5.
Atheist_Crusader 05.09.2013
Zitat von sysopSo soll Damaskus davon abgeschreckt werden, noch einmal Chemiewaffen gegen die Bevölkerung einzusetzen. Am 21. August wurden in Damaskus durch Giftgas rund 1400 Menschen getötet, darunter viele Frauen und Kinder.
Aha. Okaaay... wusste nicht, dass das mittlerweile gesicherter und belegbarer Fakt ist und nicht bloß ein Vorwurf. Naja dann... wenn man den Schritt geschafft hat, was lässt sich denn dann noch tun um das Ganze aufzuhalten? Naja, die Rebellen werden es den Amerikanern danken. Zumindest, bis sie gewonnen haben. Was danach passiert kann Niemand vorhersehen, aber ich denke es wird nicht weniger blutig.
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Assads Arsenal an Chemiewaffen
Giftarten
Syriens Vorräte an Chemiewaffen gelten als die größten in der Region und sollen unter anderem aus Sarin, Senfgas und VX bestehen. Nach den Niederlagen in den Kriegen gegen Israel in den Jahren 1967, 1973 und 1982 begann die Regierung in Damaskus in den frühen achtziger Jahren, ein Arsenal an Chemiewaffen zu unterhalten und durch Zukäufe zu erweitern.
Menge
Experten von Global Security schätzten unter Berufung auf den US-Geheimdienst CIA, dass mehrere Hundert Liter Kampfstoff vorhanden sind und jährlich Hunderte Tonnen Vorläuferstoffe produziert werden.
Produktion
Der Aufbau eigener Produktionsstätten begann bereits 1971 in Damaskus. Experten von Global Security haben vier mutmaßliche Produktionsstätten ausgemacht: Zum einen nördlich von Damaskus und nahe der Industriestadt Homs. In Hama soll eine Anlage neben Sarin und Tabun auch VX herstellen. Eine vierte Stätte soll sich in der Hafenstadt Latakia am Mittelmeer befinden.
Trägersysteme
Das Land soll der Nuclear Threat Initiative (NRI) zufolge über Scud- und SS-21-Raketen, Artilleriegeschosse und Bomben als Trägersysteme verfügen.
C-Waffenkonvention
Die Regierung in Damaskus hat die Chemiewaffenkonvention von 1992 nicht unterzeichnet, die den Einsatz, die Herstellung und Lagerung von chemischen Kampfstoffen untersagt.