Syrien-Konflikt Assad lässt seine Hauptstadt bombardieren

Zehntausende fliehen aus Damaskus, die Versorgungslage in der Hauptstadt wird kritisch: Erneut kam es zu schweren Gefechten zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Assads Kämpfer konnten das Viertel Barse wieder einnehmen - dort sollen sie fünf junge Männer exekutiert haben.

AFP/HO/YouTube

Beirut/Kairo - Kampfhelikopter kreisen über Damaskus und feuern Raketen ab. Haubitzen schießen von den Anhöhen Granaten, Panzer rasseln durch die Straßen. Mitten im Wohngebiet liefern sich Freischärler in Jeans mit Schnellfeuergewehren und Panzerfäusten heftige Kämpfe mit dem Militär. Seit die syrischen Aufständischen Machthaber Baschar al-Assad ernsthaft in Bedrängnis bringen, sind einige Bezirke der Hauptstadt zur Kampf- und Todeszone geworden.

Mit Beginn des Fastenmonats Ramadan hat das syrische Militär eine massive Gegenoffensive gegen die Aufständischen gestartet. Mit aller Macht gehen sie gegen die Rebellen vor. Wie Augenzeugen berichteten, ließ Präsident Baschar al-Assad am Sonntag erstmals einen Außenbezirk der Hauptstadt massiv bombardieren.

Außerdem rücke die Armee in den umkämpften Stadtteil Barse ein, es gebe heftige Gefechte, erklärte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag. Laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters konnten die Regierungstruppen Barse zurückerobern, dort sollen sie fünf junge Männer exekutiert haben. Auch in dem vornehmen Stadtteil Masse wurde gekämpft.

Jeder Tag eine neue Herausforderung

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Syrien: Schwere Kämpfe in den Städten
Damaskus war bis zur vergangenen Woche von den Kämpfen weitgehend verschont geblieben. Dann trugen die Rebellen mit ihrer Offensive "Damaskus-Vulkan" den Aufstand ins Machtzentrum der Regierung. Den bislang schwersten Schlag fügten sie Präsident Assad mit dem Bombenanschlag auf den nationalen Krisenstab zu. Vier Top-Vertreter des Regimes starben, unter ihnen der Verteidigungsminister und ein Schwager von Assad.

Zeitgleich brachen in den Bezirken Mezze, Sahera, Tadamon und selbst im zentralen Stadtviertel Midan erbitterte Straßenkämpfe aus. "Jeder Tag stellt für die Menschen, die zwischen die Fronten geraten sind, eine neue Herausforderung dar", berichtet die Delegationsleiterin des Internationalen Roten Kreuzes in Damaskus, Marianne Gasser. "Es wird immer schwieriger, etwas einkaufen zu gehen oder selbst nur das Haus zu verlassen."

Der Krieg in der Stadt ruiniert die Infrastruktur. Bei Sommertemperaturen von 40 Grad fällt der Strom aus, die Wasserversorgung bricht zusammen. "Viele Geschäfte haben geschlossen. Alles ist teurer geworden", stellt Jean-Marie Falzone, Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes in Beirut, fest. "Es fehlt an Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Medikamenten und Milch für Kinder." Für rund 1,5 Millionen Syrer ist die Versorgungslage durch die eskalierenden Kämpfe prekär geworden, schätzt das Rote Kreuz. Vor den Bürgerkriegswirren sollen binnen zwei Tagen 30.000 Menschen über die libanesische Grenze geflüchtet sein.

Kampf um Grenzposten

Die Lage an den Grenzen zum Irak und zur Türkei ist weiter unübersichtlich. Zuletzt kontrollierten die Rebellen laut Informationen aus Bagdad zwei der drei wichtigsten Übergänge zu Irak. An der Grenze zur Türkei kontrollierten sie mindestens zwei von zwölf Übergängen.

In Aleppo gab es den dritten Tag in Folge schwere Gefechte. Die Rebellen verkündeten in einem auf YouTube veröffentlichten Video, die "Befreiungsschlacht" um die zweitgrößte Stadt des Landes begonnen zu haben. Al-Okaidi, Befehlshaber des Militärrats der FSA, versicherte zudem, die Rebellen wollten Zivilisten schützen, vor allem "die Minderheiten - Christen, Armenier, Assyrer, Kurden, Alawiten, Schiiten" und andere. Am Dienstag hatten die Rebellen bereits ihre "Schlacht um die Befreiung" der Hauptstadt Damaskus verkündet.

Der in Bedrängnis geratene Staatschef Assad ernannte indes einen neuen Generalstabschef. General Ali Ajub legte am Sonntag vor dem Staatschef seinen Amtseid ab, wie das Staatsfernsehen berichtete. Ajub folgt Fahd al-Freidsch nach, der nach dem tödlichen Anschlag in Damaskus zum Verteidigungsminister ernannt worden war. Am Mittwoch waren mehrere Vertraute Assads getötet worden, darunter al-Freidschs Amtsvorgänger Dawud Radschiha.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon warf Assads Führung am Samstag vor, Zivilisten nicht zu schützen. Er sei "zutiefst erschüttert über die steigende Zahl von Toten und von Menschen die gezwungen sind, aus ihren Häusern zu fliehen". Er kündigte an, zwei seiner höchsten Militärexperten als Beobachter nach Syrien zu entsenden.

Aufruhr im Flüchtlingslager

In der Türkei kam es in zwei Lagern für syrische Flüchtlinge zu Zwischenfällen. Nach türkischen Angaben setzte die Polizei Tränengas gegen Steine werfende Syrer in der südtürkischen Provinz Kilis ein. Nach Angaben der Bewohner einer Containerstadt, in der derzeit 15.000 Flüchtlinge Unterschlupf gefunden haben, wurden bei den Zusammenstößen zwei Menschen getötet. Die türkische Seite bestätigte dies jedoch nicht.

Auslöser der Gewalt war nach Angaben von Flüchtlingen mangelnde Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser und Geld. "Jeder wird hier verhungern", beklagte der Syrer Sabri Hallac. Zudem würden die Flüchtlinge von den türkischen Sicherheitskräften genauso schlecht behandelt wie in Syrien. Einige machten sich deshalb auf den Rückweg in ihre Heimat.

Die Containerstadt liegt in der Nähe des türkischen Grenzposten Öncüpinar und des syrischen Grenzposten al-Salama. Letzteren hatten die syrischen Rebellen am Sonntag unter ihre Kontrolle gebracht. Insgesamt bietet die Türkei derzeit mehr als 40.000 Syrern Zuflucht. Sie sind in zehn Flüchtlingslagern entlang der Grenze untergebracht.

sto/dpa/dapd/AFP

insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
Gebetsmühle 22.07.2012
1. er hat fertig
Zitat von sysopAFPZehntausende fliehen aus Damaskus, die Versorgungslage in der Hauptstadt wird kritisch: Erneut kam es zu schweren Gefechten zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Die Aufständischen erklärten nun auch in der Stadt Aleppo eine "Befreiungsschlacht". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845785,00.html
ganz offensichtlich geht es assad nur noch um das hinterlassen von verbrannter erde.
diedickesophie 22.07.2012
2.
Würden die Herren Rebellen (Wer ist das überhaupt, sind die demokratisch legitimiert, sprechen die für die Mehrheit des Volkes, vertreten die die Interessen ausschliesslich des syrischen Volkes, aller Volksgruppen??) nicht den Krieg in jede syrische Stadt tragen, wäre Assad bzw. die Armee des Staates Syrien nicht gezwungen zurückzuschlagen.
Revarell 22.07.2012
3. Was hat........
.........man denn von Assad erwartet, - hätte er die Macht tatsächlich abgeben wollen dann hätte er das schon vor einem Jahr haben können! Fatal ist in diesem Zusammenhang auch die Unterstützung durch China und Rußland die kräftig mithelfen dieses sinnlose Morden und Abschlachten zu verlängern, obwohl sie eigentlich wissen müßten dass der Sturz Assads auf Strecke unvermeidlich und schon lange überfällig ist! Die Frage ist lediglich wieviele Tote muss es noch geben?
mr_spock 22.07.2012
4.
Zitat von Gebetsmühleganz offensichtlich geht es assad nur noch um das hinterlassen von verbrannter erde.
Wieso? Die Regierung sass seit Jahrzehnten in Damaskus. Die Kämpfe und damit die verbrannte Erde haben die Rebellen dorthin getragen.
Dragonborn 22.07.2012
5. Beide verantwortlich
Revolutionen funktionieren kaum ohne Blut. Assads Abgang ist eine logische Forderung der Opposition aber beide Seiten haben gewaltig Dreck am Stecken. Krieg kennt keine Regeln und wer glaubt, dass dort irgendwen interessiert was Annan oder Ban Ki Moon labern, der irrt. Die Menschlichkeit geht im Krieg größtenteils verloren, dort wird um Leben und Macht gekämpft und zwar mit allen verfügbaren Mitteln von beiden Seiten. Eine Intervention wäre nur dann sinnvoll, wenn sie schnell und ohne großes Gefasel zu einem Waffenstillstand führen könnte, aber das ist ausgeschlossen. Schon allein wegen den Eigeninteressen des Westens und Ostens. Bleibt mir nur noch eine Kritik, die hier eh bei jedem Artikel kommentiert wird: SpON, bitte hört auf die Rebellen zu glorifizieren und aussehen zu lassen, als wären ihre Taten vollkommen rechtens. Das mag Absicht sein oder auch nicht, aber hier wieder das Bild von Gut vs. Böse abzuliefern ist unangemessen. So wie eigentlich immer. Schöne kindliche Vorstellung, die Welt aus Schwarz und Weiss.
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