Konflikt in Syrien: Assad-Kommandeure drängten massiv auf Giftgas-Angriffe

Syriens Präsident Assad (rechts): Offiziere drängten auf Einsatz von Giftgas Zur Großansicht
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Syriens Präsident Assad (rechts): Offiziere drängten auf Einsatz von Giftgas

Deutsche Abhörspezialisten haben brisante Funksprüche aus Syrien abgehört: Laut einem Zeitungsbericht sollen syrische Militäroffiziere Machthaber Assad seit Monaten zum Einsatz von Giftgas gedrängt haben.

Während US-Präsident Barack Obama um die Zustimmung für einen Militärschlag gegen Syrien kämpft, kommen neue brisante Details aus Damaskus ans Tageslicht: Syrische Militärkommandeure haben sich laut einem Bericht der "Bild am Sonntag" seit Monaten bei Staatschef Baschar al-Assad für den Einsatz von Giftgas eingesetzt.

Die Zeitung berichtete unter Berufung auf deutsche Sicherheitskreise, syrische Divisions- und Brigadekommandeure hätten seit rund vier Monaten immer wieder den Einsatz von Chemiewaffen beim Präsidentenpalast in Damaskus gefordert. Das belegten Funkgespräche, die vom Flottendienstboot "Oker" abgefangen worden seien. Das Spionageschiff der deutschen Marine kreuzt vor der Küste Syriens.

Laut den Erkenntnissen der Abhörspezialisten seien die von den Kommandeuren verlangten Giftgasangriffe stets abgelehnt und der Einsatz vom 21. August wahrscheinlich nicht von Assad persönlich genehmigt worden, schreibt die "Bild am Sonntag". Bei dem Chemiewaffenangriff wurden nach Angaben der US-Regierung 1429 Menschen getötet.

Zustimmung des Kongress auf der Kippe

Der Zeitung zufolge geht der Bundesnachrichtendienst (BND) davon aus, dass sich Syriens Staatschef Baschar al-Assad noch lange an der Macht halten kann - unabhängig von einem Militärschlag der USA gegen Syrien. Ob dieser überhaupt stattfinden wird, ist derzeit immer noch unklar: Wird sich der US-Kongress auf die Seite von Präsident Obama stellen und dem geplanten Militäreinsatz zustimmen? Wenige Tage vor den entscheidenden Abstimmungen zieht Obama jedenfalls alle Register, um genau das zu erreichen.

Wie das Weiße Haus mitteilte, plant Obama an diesem Montag Interviews mit sechs Fernsehsendern, bevor er sich dann am Dienstagabend (Ortszeit) aus dem Oval Office an die Nation wenden wird. Zugleich wollen der Präsident und sein Sicherheitsteam ihre Serie von Einzeltelefonaten und Hintergrundgesprächen hinter verschlossenen Türen mit Kongressmitgliedern fortsetzen. Die "New York Times" sprach vom größten Einsatz dieser Art seit 2009, als Obama seine Gesundheitsreform im Kongress durchboxen musste.

Laut US-Medien muss Obama derzeit befürchten, dass der Kongress einen Waffengang als Antwort auf den mutmaßlichen Giftgasangriff des syrischen Regimes gegen Zivilisten vom 21. August nicht billigen wird. Demnach zeichnet sich vor allem im Repräsentantenhaus breiter Widerstand ab. 218 Abgeordnete hätten bereits zu erkennen gegeben, dass sie gegen eine Militäraktion stimmen werden oder zu einer Ablehnung neigen. Die nötige Mehrheit für eine Billigung oder Ablehnung liegt bei 217.

Im Senat stehen die Chancen zwar besser, aber auch hier muss Obama zittern. Senat und Abgeordnetenhaus kehren am Montag aus den Sommerferien nach Washington zurück. Noch in der laufenden Woche könnte dann zumindest der Senat über eine Resolution abstimmen, die einen begrenzten Militärschlag gegen das Regime von Assad billigt. Wie der Zeitplan im Abgeordnetenhaus aussieht, blieb zunächst unklar.

Merkels Zögern sorgt für Aufsehen

US-Außenminister John Kerry machte in Paris klar, dass sich Obama noch nicht festgelegt habe, ob er mit einem Militärschlag auf das Ende der laufenden Untersuchungen der Uno-Inspekteure warten will. Frankreichs Präsident François Hollande hatte am Freitag überraschend angekündigt, vor einem Schlag gegen Syrien den Bericht der Uno-Chemiewaffeninspekteure abwarten zu wollen.

Die Weigerung Deutschlands, sich noch am Freitag der am Rande des G20-Gipfels in St. Petersburg präsentierten Erklärung anzuschließen, sorgte für Aufsehen. Während die Bundesregierung darauf verwies, zunächst einen innereuropäischen Konsens erzielen zu wollen, billigten die anderen großen EU-Staaten Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien nach US-Angaben unmittelbar die Erklärung. Außenminister Guido Westerwelle teilte dann nach dem Treffen mit seinen EU-Amtskollegen in Vilnius mit, dass Deutschland die Erklärung nachträglich unterzeichnen wolle.

Mit Blick auf den mutmaßlichen Giftgaseinsatz bei Damaskus wird darin zu "einer starken internationalen Antwort auf diesen schweren Verstoß gegen weltweit gültige Normen" aufgerufen. Ein Militärschlag wird in der Erklärung nicht ausdrücklich erwähnt.

Bei ihren Bemühungen um eine Mehrheit im Kongress für einen Militärschlag hat die US-Regierung laut dem Fernsehsender CNN Mitgliedern des Geheimdienstausschusses des Senats Videos von Giftgasopfern gezeigt. CNN strahlte die Bilder am Samstag aus. Es sei nicht eindeutig zu klären, ob sie authentisch sein, stellte der Sender klar. Die US-Regierung habe jedoch versichert, dass es sich um Opfer des Angriffs vom 21. August nahe Damaskus handelte. In den 13 Videos sind Kinderleichen, Helfer bei Wiederbelebungsversuchen und andere drastische Szenen zu sehen.

Ob mit oder ohne militärische Interventionen: Der "Bild am Sonntag" zufolge geht der BND davon aus, dass ein Ende des Konflikts noch lange nicht in Sicht ist. Demnach berichtete BND-Präsident Gerhard Schindler am vergangenen Montag dem Verteidigungsausschuss des Bundestages in geheimer Sitzung, der blutige Bürgerkrieg werde sich noch lange hinziehen. "Das kann noch Jahre dauern", habe Schindler gesagt.

cib/dpa/AFP

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insgesamt 470 Beiträge
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    Seite 1    
1. nach wie vor kein Beweis
zwietracht 08.09.2013
Angenommen diese Funksprüche sind authentisch - große Zweifel sind angebracht da das Fälschen von Funkkommunikation zum kleinen 1x1 unserer "Freunde" gehört - dann ist das immer noch kein Beweis dafür dass Assad diese Waffen einsetzen ließ. Wer soll hier für dumm verkauft werden?
2. "Deutsche Abhörspezialisten"
wwwwebman 08.09.2013
Zitat von sysopDeutsche Abhörspezialisten haben brisante Funksprüche aus Syrien abgehört: Laut einem Zeitungsbericht sollen syrische Militäroffiziere Machthaber Assad seit Monaten zum Einsatz von Giftgas gedrängt haben. Syrien: Assad-Kommandeure wollten seit Monaten Giftgas einsetzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-assad-kommandeure-wollten-seit-monaten-giftgas-einsetzen-a-921020.html)
Aha! Der Pudel hat genau das, was Herrchen braucht! Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen....
3. Beweis Assads Unschuld?
Velociped 08.09.2013
Die Überschrift müsste lauten: Assad ordnete keinen Giftgasangriff an. Damit gibt es Beweise, die Assad entlasten und die nicht vorgelegten "Beweise" der USA als Lügen entlarven.
4. Braucht SPON jetzt schon BLÖD am Sonntag
si tacuisses 08.09.2013
Zitat von sysopDeutsche Abhörspezialisten haben brisante Funksprüche aus Syrien abgehört: Laut einem Zeitungsbericht sollen syrische Militäroffiziere Machthaber Assad seit Monaten zum Einsatz von Giftgas gedrängt haben. Syrien: Assad-Kommandeure wollten seit Monaten Giftgas einsetzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-assad-kommandeure-wollten-seit-monaten-giftgas-einsetzen-a-921020.html)
als legitime Quelle für eure Kriegshetze ? Ihr werdet immer mehr zum Schmierblättchen.
5. es zwickt mal wieder ......
lorberost 08.09.2013
Wie kriegen wir es hin, daß uns diese verdammte, sture und schön langsam lästig werdende Weltbevölkerung glaubt, Assad sei am Giftgasangriff schuld? Jetzt haben auch die Söhne des deutschen Michel abgehört, daß da die Generäle Assads was von "Giftgas" am Telephon genuschelt haben. Diese schlauen Söhne Deutschlands können also auf weite Distanzen alles abhören - aber beweisen können sie immer noch nicht, wer es denn nun wirklich war? Arme Leuchter des Abendlandes
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G-20-Gipfel: Das Patt von Petersburg

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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Assads Arsenal an Chemiewaffen
Giftarten
Syriens Vorräte an Chemiewaffen gelten als die größten in der Region und sollen unter anderem aus Sarin, Senfgas und VX bestehen. Nach den Niederlagen in den Kriegen gegen Israel in den Jahren 1967, 1973 und 1982 begann die Regierung in Damaskus in den frühen achtziger Jahren, ein Arsenal an Chemiewaffen zu unterhalten und durch Zukäufe zu erweitern.
Menge
Experten von Global Security schätzten unter Berufung auf den US-Geheimdienst CIA, dass mehrere Hundert Liter Kampfstoff vorhanden sind und jährlich Hunderte Tonnen Vorläuferstoffe produziert werden.
Produktion
Der Aufbau eigener Produktionsstätten begann bereits 1971 in Damaskus. Experten von Global Security haben vier mutmaßliche Produktionsstätten ausgemacht: Zum einen nördlich von Damaskus und nahe der Industriestadt Homs. In Hama soll eine Anlage neben Sarin und Tabun auch VX herstellen. Eine vierte Stätte soll sich in der Hafenstadt Latakia am Mittelmeer befinden.
Trägersysteme
Das Land soll der Nuclear Threat Initiative (NRI) zufolge über Scud- und SS-21-Raketen, Artilleriegeschosse und Bomben als Trägersysteme verfügen.
C-Waffenkonvention
Die Regierung in Damaskus hat die Chemiewaffenkonvention von 1992 nicht unterzeichnet, die den Einsatz, die Herstellung und Lagerung von chemischen Kampfstoffen untersagt.