Nervenkrieg um Idlib Assad rüstet zum Sturm auf letzte Rebellenprovinz

Drei Millionen Menschen leben in Angst: Die Bodenoffensive des syrischen Regimes auf die Provinz Idlib steht offenbar bevor. Die Uno versucht, ein Blutbad zu verhindern. Die Chancen stehen schlecht.

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Die Regierungen von Russland und Syrien machen aus ihren Plänen für Idlib keinen Hehl: Für den russischen Außenminister Sergej Lawrow ist die nordsyrische Provinz ein "eiterndes Geschwür", das liquidiert werden müsse. Das Außenministerium in Damaskus teilt mit, dass die Rückeroberung der Region "die unausweichliche Pflicht" des syrischen Staates sei.

Der Beginn der Bodenoffensive gegen die letzte Provinz in Rebellenhand steht offenbar unmittelbar bevor. Am Freitag sprengten Aufständische zwei Brücken über den Fluss Orontes, um den drohenden Vormarsch der Regierungstruppen zu erschweren, stoppen können werden sie ihn nicht.

Die russische Marine hat 25 Kriegsschiffe in das östliche Mittelmeer verlegt. Laut der Moskauer Zeitung "Iswestija" ist es "der größte Flottenverband seit dem Eingreifen Russlands in den Syrienkonflikt".

2,9 Millionen Menschen leben nach Angaben der Vereinten Nationen in Idlib. Unter ihnen sind rund 1,4 Millionen Binnenflüchtlinge, die vor dem Regime von Baschar al-Assad geflohen sind. Der Uno-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, versucht verzweifelt, ein Blutvergießen in letzter Minute zu verhindern. Am Donnerstag brachte der schwedische Diplomat die Einrichtung von humanitären Korridoren unter Uno-Aufsicht ins Spiel, über die Zivilisten gefahrlos in sichere Gebiete fliehen könnten. Er sei bereit, persönlich nach Idlib zu reisen, um die Schaffung dieser temporären Korridore zu erreichen.

Die Erfolgsaussichten dieses Planes sind gering. Über die Korridore würden die Menschen in Gebiete gelangen, die unter der Kontrolle des Assad-Regimes stehen, vor dem viele von ihnen geflohen sind. Die Regierung in Damaskus betrachtet sie als Terroristen. Niemand könnte garantieren, dass das Regime sie nicht verhaftet oder tötet. Dieses Schicksal hat bereits Hunderte Syrer ereilt, die in Gebieten festgenommen wurden, die zuvor von der Regierung zurückerobert worden waren.

Ahmad Ramadan, Sprecher der syrischen Oppositionsdelegation, die in den vergangenen Jahren mehrfach in Genf an indirekten Verhandlungen mit der Regierung teilgenommen hat, bezeichnete de Misturas Vorschlag daher als unrealistisch. "Der Sondergesandte sollte keinen humanitären Korridor fordern, sondern Russland auffordern, die Aggression zu stoppen."

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Syrien: Idlib vor der Schlacht

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bei ihrem Treffen mit Wladimir Putin auf Schloss Meseberg vor zwei Wochen an den russischen Präsidenten appelliert, in Idlib kein Blutbad anzurichten. Die Bundesregierung fürchtet, dass der Versuch, die Region zu erobern, eine neue Flüchtlingswelle von bis zu einer halben Million Menschen in die Türkei auslösen könnte. Ein Großteil von ihnen könnte dann wiederum versuchen, nach Europa zu gelangen.

Die Regierung in Ankara versucht deshalb, auf die Dschihadisten in Idlib einzuwirken und verhandelt über die Auflösung des islamistischen Rebellenbündnisses Haiat Tahrir al-Scham (HTS). Die Truppe nannte sich bis zum Juli 2016 Nusra-Front und gehörte dem Terrornetzwerk al-Qaida an. Vor zwei Jahren sagte sich HTS-Anführer Abu Mohammed al-Golani formal von al-Qaida los - das ist jedoch kaum mehr als ein Lippenbekenntnis. HTS wird weiterhin als Teil des internationalen Terrornetzes angesehen.

Die Dschihadistenmiliz kontrolliert etwa 60 Prozent der Provinz Idlib. De Mistura schätzt, dass die Truppe rund 10.000 Kämpfer zählt. Die USA sehen darin die größte Konzentration von Qaida-Kämpfern weltweit.

In einer Stellungnahme auf ihrem Propagandakanal Ibaa zeigte sich die HTS durchaus offen für die türkische Initiative: "Eine Auslösung, sollte sie geschehen, würde intern vom Konsultativrat der Allianz beschlossen und nicht von örtlichen oder ausländischen Kräften diktiert werden", hieß es. Die HTS suche nach einer Lösung, um "den befreiten Norden Syriens" vor einer Offensive des "kriminellen Regimes und seiner Verbündeten" zu bewahren.

De Misturas hilfloser Appell

Doch selbst die Auflösung der HTS würde massive Luftangriffe und eine Bodenoffensive der syrischen Armee und ihrer Verbündeten wohl kaum abwenden. In Aleppo, Ost-Guta und Daraa hat das Regime in den vergangenen Jahren mehrfach gezeigt, dass der Antiterrorkampf nur ein Vorwand ist, um verlorene Gebiete mit allen Mitteln zurückzuerobern - durch Belagerung, Bombardierung und auch mit dem Einsatz chemischer Waffen.

Fast schon hilflos klingt der Appell des Uno-Sondergesandten, das Assad-Regime möge wenigstens bei der Offensive in Idlib auf den Einsatz von Chlorgas und anderer chemischer Kampfstoffe verzichten. Verschiedene Ermittlerteams der Vereinten Nationen und der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) haben nachgewiesen, dass das syrische Militär seit 2012mindestens 27 Mal C-Waffen eingesetzt hat. Das Regime bestreitet das bis heute und wirft den Rebellen vor, sie habe die Angriffe inszeniert, um eine Intervention des Westens zu provozieren.

Auch jetzt behaupten Moskau und Damaskus, die Aufständischen würden mit westlicher Hilfe einen Chemiewaffenangriff planen und der syrischen Seite die Schuld geben, um damit Militärschläge des Westens zu rechtfertigen. Der Flottenverband sei deshalb auch vor die syrische Küste verlegt worden, um erneute Luftschläge der USA gegen syrische Militäreinrichtungen zu verhindern.



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Marvin__ 31.08.2018
1. Wie will Frau von der Leyen das Terrorproblem in Syrien lösen?
Nachdem ihre AWACS-Flieger seit Jahren Syrien aufklären, müßte unsere Verteidigungsministerin bestens mit der Lage vor Ort vertraut sein. Der einzige Grund für die Präsenz von Bundeswehr und NATO ist die Bekämpfung der Terroristen - ebenjener 10000 Terrorkämpfer, die sich jetzt in Idlib als letztem Rückzugsort zusammengezogen haben. Da der Einsatz der AWACS-Flieger noch nicht beendet wurde, liegt doch die Frage nahe: Was machen die eigentlich da unten? Und wie will Frau von der Leyen die Terroristen unschädlich machen, bevor sie sich in alle Richtungen verstreuen und am Ende wieder in Europa auftauchen mit Maschinengewehren, Sprengstoffwesten und Sprengstoffwesten. Auf den Zaun setzen und Putin und Assad kritisieren ist billig. Was wir brauchen, sind Politiker, die Probleme lösen und uns vor den Terroristen schützen!
graf koks 31.08.2018
2. Die Korridore werden nicht funktionieren
Die Korridore werden nicht funktionieren, und zwar, weil die Islamisten die Zivilisten als menschliche Schutzschilde brauchen und sie mit Gewalt hindern werden. Warum sollte es diesmal anders sein als bei früheren Rückeroberungen?
FakeBot 31.08.2018
3.
Es gibt eine einfach Lösung, ich frage mich wieso Merkel Putin nicht auffordert mehr in die Richtung zu arbeiten. Zu zivilisierteren Zeiten nannte man das: Kapitulation. Jeder Islamist in Idlib weiß ganz genau, daß die Stunde geschlagen hat. Aleppo, Rakka und Mossul wurden zum Teil oder vollständig in Schutt und Asche gelegt, von Russen und Amerikanern im übrigen. Es gibt keinen Ausweg, Waffen niederlegen oder den sicheren Tod wählen. Die USA und die EU könnten Russland ja anbieten Idlib gemeinsam zu befreien, Straße für Straße um die Zivilisten zu schonen. Oder möchte sich der Westen beim finalen Kampf nicht die Hände schmutzig machen? Die letzte Granate wäre dann russisch, niemand würde mehr über Mossul sprechen.
sterling 31.08.2018
4. Pro Terroristen
Also ich verstehe nicht wie der Spiegel durchgehend in dem Konflikt sich auf die Seite der Terroristen geschlagen hat. Immerhin wird jetzt erwähnt das in den "Rebellenhochburgen" keine "Rebellen" sondern Terrositen sind. Abgesehn davon wäre der Konflikt schon längst vorbei, hätte der Westen diese Gruppen nicht mit Waffen und Munition beliefert. Was soll den Assad bitte machen? Die Terroristen dort machen lassen? Natürlich muss er die Gebiete zurück erobern. Die Terroristen könnten sich ja ergeben, aber Nein, wiedermal werden sie die Zivilisten als Schutzschild benutzen und dann heißt es wieder der böse Assad und Putin und die Armen Dschihadisten, die sich ja eigentlich für eine gute Sache einsetzen....
g.raymond 31.08.2018
5. Warum gibt es keinen Appell an die Rebellen ?
Warum gibt es keinen Appell des Westens und der Arabischen Staaten etc an die Rebellen und keinen entsprechenden Druck, aufzugeben und das Blutbad eines Krieges zu verhindern ?
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