Von Raniah Salloum, Beirut
Es ist Mitternacht, ein weiterer Tag ist vorüber, und Ahmad* freut sich, dass er noch am Leben ist. "Wir harren aus", sagt er fröhlich per Skype. Der 24-jährige Syrer lebt in einem Stadtteil von Damaskus, der in diesen Tagen immer wieder bombardiert wird. Das Sterben gehört für ihn inzwischen zum Alltag. "Natürlich versuchen wir, uns die meiste Zeit im Keller aufzuhalten. Wir wissen aber: Überleben ist reine Glückssache. Die Bomben können überall herunterkommen, und dann nützt auch der Keller nichts." Er versucht, seine Angst mit guter Laune zu überspielen. Doch seine Stimme zittert immer wieder.
Wahrscheinlich sind es Hunderttausende, die jeden Tag in Syrien in ähnlicher Angst wie Ahmad leben. In Aleppo im Norden werden internationale Journalisten Augenzeugen, wie Baschar al-Assads Kampfjets und Hubschrauber immer wieder Maschinengewehrsalven, Raketen und Bomben aus der Luft auf die Menschen am Boden abfeuern. Aus nahezu allen stark bevölkerten Provinzen Syriens - Aleppo, Idlib, Latakia, Hama, Homs, Damaskus, Daraa - werden täglich Bombardierungen gemeldet und Dutzende getötete Zivilisten.
Es gibt am Boden auch Rebellenkämpfer. Doch vor allem lebt dort die Zivilbevölkerung - schließlich sind es meist Wohngebiete, die bombardiert werden. Manchmal werden auch gezielt Zivilisten attackiert, etwa während Kinder, Frauen und Familienväter anstehen, um Brot zu kaufen, stellten internationale Menschenrechtler vor Ort fest. Bunker gibt es in den beschossenen Wohngebieten nicht. Der Präsident, der seine Bevölkerung mit der geballten Macht seiner Luftwaffe bombardieren lässt, hat ihr keine Schutzräume gebaut.
Das Assad-Regime kämpft ums Überleben, mit nahezu allem, was es aufzubieten hat. Einzig vor dem Einsatz chemischer Waffen schreckt es bisher zurück. Ein solcher würde das Einschreiten der internationalen Gemeinschaft und damit das Ende der Herrschaft Assads bedeuten - das jedenfalls hat US-Präsident Barack Obama signalisiert. Dafür greift das Regime perfide zu Mitteln, die offenbar allesamt unterhalb der roten Linie der internationalen Gemeinschaft liegen.
"Barmeel", Fässer, nennen Syrer in Homs, Idlib und Aleppo die neuste Assad-Waffe, die auf sie einschlägt. Es sind Ölfässer und Metallrohre, die mit Sprengstoff, Öl und Metallsplittern gefüllt werden - eine Art selbst gebastelte Bombe des Regimes. Es ist nicht so, dass der Assad-Luftwaffe die Raketen oder Bomben bereits ausgegangen sind. Die Fässer gelten offenbar im Straßenkampf als tödlicher.
Immer wieder auch Vorwürfe an Rebellen
Anstatt mit einer nur wenig präzisen Rakete einen Häuserblock in Schutt und Asche zu legen, werden mit einer Fässerbombe ganze Gassen und Straßen "gereinigt" - Kämpfer, die sich dort aufhalten, oder auch Zivilisten, werden von dem gewaltigen Feuerball getroffen oder von den umherfliegenden Splittern verwundet. Abgeworfen werden die Fässerbomben aus Helikoptern. Diese bleiben meist kurz in der Luft stehen, bis die Crew das Fass durch eine Heckklappe herausgerollt hat. Die Rebellen haben bisher nur wenig schwere Geschosse erbeutet, die zur Abwehr von Helikoptern eingesetzt werden könnten.
Es ist ein Krieg, der immer brutaler geführt wird - auch auf der anderen Seite. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) warnte am Montag, dass Rebellenführer trotz ihrer Beteuerungen, die Rechte von Kriegsgefangenen zu respektieren, sich in der Praxis anders verhalten. Immer wieder werden Gefangene, die von den Rebellen als Assad-treu eingestuft werden, mit Schlägen auf die Fußsohlen gefoltert und verprügelt. Auch kommt es immer wieder zu Hinrichtungen, wenn eine Art Rebellen-Militärgericht den Angeklagten für einen Mörder befindet. HRW konnte zwölf Fälle solcher Exekutionen dokumentieren. Je länger der Krieg andauert, desto größer wird die Gefahr für Zivilisten auch von der anderen Seite.
Hinrichtungen führt auch das Assad-Regime durch, vor allem in den Vororten von Damaskus. Es vergeht inzwischen keine Woche, in der syrische Aktivisten der Lokalen Koordinierungsräte (LCC) nicht die Exekution von Dutzenden von Menschen nach Razzien in und um Damaskus melden. Die meisten Opfer sind sunnitische Jungen und Männer - alle, hinter denen Rebellenkämpfer vermutet werden oder die zu solchen heranwachsen könnten. Manchmal findet man Leichen mit hinter dem Rücken zusammengebundenen Händen.
Scharfschützen schießen auf alles, was sich bewegt
Allein in den vergangenen sieben Tagen dokumentierten die LCC in Damaskus und Umgebung: drei solche Hinrichtungen in Muadamija, 15 in Sajida Sainab, 17 in Samalka, 20 in Dschubar, 24 in Kadam, 41 in Jarmuk und 56 in Tadamun. Es sind die Berichte, die keine Schlagzeilen machen, weil kein unabhängiger Beobachter vom syrischen Regime dorthin gelassen wird, um die Anschuldigungen zu untersuchen. Auch SPIEGEL ONLINE kann die Informationen nicht unabhängig überprüfen. Aber wenn es Uno-Beobachtern, internationalen Menschenrechtlern oder Journalisten gelang, die Massaker-Berichte der LCC zu überprüfen, haben sie sich bisher als recht akkurat erwiesen.
Zuletzt war dies in Daraja Ende August der Fall. Mindestens 200 Menschen wurden dort hingerichtet. Sie wurden erschossen und erstochen; manchen wurde die Kehle durchgeschnitten. Auf Basis von Zeugenaussagen und der Auswertung von Satellitenaufnahmen, die Schlüsse darauf zulassen, wo sich Assad-Truppen wann aufhielten, kam HRW zu dem Ergebnis, dass das syrische Regime für die Exekutionen verantwortlich war.
Auch in Ahmads Stadtteil könnte es zu solchen Razzien kommen. Doch dieser Gedanke kommt Ahmad vorerst nicht in den Sinn. Es ist eine Angst, die noch zu weit weg ist. Eine dringendere Sorge ist, wie er das Haus verlassen soll, um Brot oder Wasser für seine Familie zu holen. Auf der Straße sieht er sich in Lebensgefahr. Rebellen- und Regimegruppen entführen Syrer, deren Sympathien sie beim jeweils gegnerischen Lager vermuten. Scharfschützen schießen auf alles, was sich bewegt. "Ich weiß, die Überlebenschancen werden jeden Tag ein wenig geringer, aber wir harren weiter aus", sagt Ahmad. Er versucht, dabei fröhlich zu klingen.
*Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.
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