Realitätsfremder Diktator: Assad im Bunker

Von , Beirut

Baschar al-Assad hat sich in Damaskus verschanzt, glaubt immer noch an einen Sieg über die Rebellen. Von der Entwicklung im Land bekommt Syriens Diktator offenbar wenig mit - und lässt seinem Militär breiten Spielraum.

Diktator Assad bei Moscheebesuch (am 26. Oktober): Seltene öffentliche Auftritte Zur Großansicht
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Diktator Assad bei Moscheebesuch (am 26. Oktober): Seltene öffentliche Auftritte

Baschar al-Assad lässt sich nur noch selten außerhalb seines Palastes blicken. Am Freitagvormittag war es mal wieder soweit: Das Staatsfernsehen zeigte den Präsidenten beim Gebet zum Beginn des islamischen Opferfestes. Assad besuchte eine kleine Moschee unweit seines Präsidentensitzes. Die Zeiten, in denen er sich öffentlichkeitswirksam in der altehrwürdigen und repräsentativen Omaijaden-Moschee im Herzen der Damaszener Altstadt zeigen konnte, sind lange vorbei.

Assads öffentliche Auftritte lassen sich in diesem Jahr an einer Hand abzählen. Er ist zwar offiziell immer noch Präsident Syriens. Doch weite Teile des Landes sind durch den Aufstand längst seiner Kontrolle entglitten.

Selbst in der Hauptstadt Damaskus kann die Sicherheit des Staatsoberhaupts offenbar nur noch garantiert werden, so lange er sich im Umfeld der befestigten Präsidentenresidenz verschanzt, die von einem Hügel auf Damaskus herabschaut. Von dort aus gibt Assad immer mal wieder Fernsehinterviews und erinnert die Syrer und die Welt daran, dass es ihn noch gibt.

Eine Intervention muss Assad nicht fürchten

Doch für das syrische Regime sieht es zurzeit nicht gut aus. Obwohl Assad seit 19 Monaten einen erbitterten Krieg gegen die Rebellen führen lässt und dabei das halbe Land zerstört, hat er den Volksaufstand immer noch nicht niedergeschlagen. Im Juli wurde sein halber Sicherheitsrat mitten in Damaskus bei einem Anschlag in die Luft gesprengt.

Man könnte es jedoch auch anders sehen: So schlecht ist seine Lage auch wieder nicht. Obwohl der Westen seit einem Jahr seinen Rücktritt fordert, sitzt der Despot immer noch im Präsidentenpalast. Mit jedem Tag, den die brutalen Kämpfe andauern, zerlegen sich die syrische Opposition und die Rebellen weiter. Tausende Gruppierungen gibt es mittlerweile. Was als friedliche Massendemonstrationen begann, nimmt immer brutalere, religiösere Züge an und macht den Westen nervös. Assad kann inzwischen täglich Zivilisten bombardieren lassen, er braucht dennoch keinerlei Intervention wie in Libyen zu befürchten.

Allein am Freitag, an dem eigentlich eine viertägige Waffenruhe anlässlich des Opferfestes beginnen sollte, kamen landesweit nach Angaben von Oppositionellen etwa hundert Menschen ums Leben. Nur wenige Stunden schwiegen die Waffen, dann meldeten Aktivisten aus dem ganzen Land neue Gefechte. In Damaskus detonierte eine Autobombe und riss mehrere Menschen in den Tod. Am Samstag konzentrierten sich die Kämpfe auf die nordsyrische Großstadt Aleppo.

Den Diktator ficht das nicht an: "Assad glaubt, dass er gewinnt", sagt ein regimenaher Syrer, der den Präsidenten und seine Verwandten regelmäßig trifft, SPIEGEL ONLINE. "Er weiß, dass Russland und Iran hinter ihm stehen, und er ist entschlossen, alles zu tun, um die Krise auszusitzen."

"Löse das Problem - wie, ist mir egal"

Einblicke in das syrische Regime sind selten, es ist nicht gerade für Transparenz bekannt. Diejenigen, die Zugang zu Assad und seinem engen Kreis haben, zeichnen jedoch alle ein ähnliches Bild: von einem Präsidenten, der in seinem Palast sitzt, nur auf seine Geheimdienstler und Militärs hört und der festen Überzeugung ist, dass er es mit einer Verschwörung zu tun hat. Als "Bunker-Mentalität" bezeichnete es jüngst David Lesch, Nahost-Professor und Assad-Biograf, der den Diktator in den vergangenen zwölf Jahren regelmäßig traf.

"Assad vertraut kaum noch jemandem", berichtet ein früherer Freund des Präsidenten SPIEGEL ONLINE. "Als der Premierminister desertierte, traute sich niemand, Assad diese Nachricht zu überbringen. Sie hatten Angst, er würde wütend werden. Doch Assad lachte nur: Wir sind wieder einen Verräter los, sollen sie doch alle abhauen."

Um die Details des Kriegs in Syrien kümmere sich der Diktator nicht. "Die Militärs haben Spielraum. Assad sagt ihnen: 'Löse du das Problem in Aleppo. Löse du das Problem in Homs, wie, ist mir egal, aber löse es'", erzählt der Regime-Vertraute. Beide Städte sind Hochburgen des Widerstands.

Wie es um die übrigen Mitglieder des Assad-Clans bestellt ist, ist unklar. Die Gerüchteküche brodelt: Über Maher al-Assad, Bruder von Baschar und Chef der Elitetruppen, heißt es, er sei Mitte Juli bei dem Anschlag in Damaskus verletzt worden. Die einen munkeln, er sei den Verletzungen erlegen, andere sagen, er sei am Leben. Assads Schwester Buschra, die als wichtiges Mitglied des Regimes gilt, soll sich nach dem Tod ihres Mannes, dem Geheimdienstler Assif Schaukat, nach Dubai abgesetzt haben.

Die Präsidentengattin kümmert sich vor allem um die PR-Arbeit

Asma al-Assad scheint ähnlich wie ihr Mann in ihre eigene Welt abgetaucht zu sein. Geleakte E-Mails machten 2012 die Runde, die sie mitten im Krieg auf Shopping-Tour zeigten. Ende Juni wurde die Präsidentengattin in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Mein Land ist schön" auf einem Badminton-Turnier fotografiert.

Die Präsidentengattin tut alles, um Baschar al-Assad zu unterstützen. Sie scheint sich weiterhin vor allem um die PR-Arbeit zu kümmern. Ein Entwicklungsfonds, den Asma al-Assad vor Jahren ins Leben gerufen hat, lässt seit ein paar Monaten Hilfslieferungen verteilen, begleitet von Hasstiraden auf die Rebellen.

Auch Rami Makhlouf, Cousin von Assad und Multimillionär, finanziert solche Hilfslieferungen. In Stadtteilen, in denen Rebellen Unterschlupf finden, setzt das Regime dagegen auf kollektive Bestrafung: Wasser und Strom werden abgestellt, Krankenhäuser und Wohngebiete bombardiert. "Assad glaubt, wenn die Menschen lange genug kaum Essen und Trinken haben, frieren und um ihr Leben fürchten müssen, überlegen sie es sich schon noch mal anders", sagt der Regime-Vertraute. Der Diktator scheint das Volk als einen Haufen aufmüpfiger Kinder zu sehen, die es auf brutalste Weise zu disziplinieren gilt.

Dass es Assad gelingen könnte, wieder das ganze Land unter seine Kontrolle zu bringen, glaubt kaum jemand. Doch halten es Analysten für möglich, dass ein jahrelanger, blutiger Kampf Syrien zermalmt, in dem Assad der mächtigste unter verschiedenen Warlords bleibt. Absetzen werde er sich jedoch nicht, glauben die, die ihn kennen. "Erst wenn das ganze Land zerstört ist und die Rebellen vor seiner Tür stehen, würde er verstehen, dass es vorbei ist", glaubt der regimenahe Syrer.

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1.
kannmanauchsosehen 27.10.2012
Zitat von sysopEine Intervention muss Assad nicht fürchten[/url]
Warum auch, dies widerspräche zu Recht dem Völkerrecht, obwohl ich nun wirklich kein Anhänger Assads bin.
2.
stanislaus2 27.10.2012
Die Menschen auf dem Foto scheinen sich alle über den Besuch von Assad zu freuen. Aber wahrscheinlich kommt das daher, dass die Assad in seiner Moschee in der weiträumigen Bunkeranlage besuchten und dafür Kekse und Lutscher kriegten. :-) Das Foto zeigt was ganz anderes, als was der Artikel unüberprüfbar behauptet.
3.
Atheist_Crusader 27.10.2012
Mal wieder ein erschreckend einseitiger Artikel. Assad tut, Assad lässt, Assad hat... das halbe Land zerstört? Komisch, soweit ich mich erinnere waren da auf der anderen Seite auch ein paar Leute mit Zugang zu schweren Waffen, nicht minder besorgniserregenden Verbündeten und ebenfalls massiver Geringschätzung von Menschenleben. Das ist ein Bürgerkrieg, kein Schattenboxen.
4. Journalistenalltag
matz-bam 27.10.2012
Zitat von stanislaus2Die Menschen auf dem Foto scheinen sich alle über den Besuch von Assad zu freuen. Aber wahrscheinlich kommt das daher, dass die Assad in seiner Moschee in der weiträumigen Bunkeranlage besuchten und dafür Kekse und Lutscher kriegten. :-) Das Foto zeigt was ganz anderes, als was der Artikel unüberprüfbar behauptet.
"Hat mal jemand irgendein Foto von diesem Assad, ich soll mal wieder was gegen den schreiben."
5. Alternativen ...
Thomas-Melber-Stuttgart 27.10.2012
Zitat von sysopBaschar al-Assad hat sich in Damaskus verschanzt, glaubt immer noch an einen Sieg über die Rebellen.
Ich halte es da mit Martin van Creveld: entweder geduldig aussitzen, so wie es die Briten in Nordirland getan haben, oder ein schneller Streich ohne Reue, so wie es Assad Senior in Hama 1982 vorgemacht hat.
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Familie Assad: Reich und skrupellos

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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