Syrien Assads Armee stürmt Protesthochburg - viele Tote

Die Offensive hat begonnen: Nach tagelanger Belagerung haben syrische Soldaten die Stadt Dschisir al-Schughur im Norden des Landes gestürmt und wild um sich geschossen. Zeugen berichteten von vielen Toten. Machthaber Assad lässt alle ausländischen Vermittler abblitzen, die sich um Frieden bemühen.

AP

Istanbul - Das syrische Militär hat in der Stadt Dschisir al-Schughur Berichten zufolge eine brutale Offensive gegen Aufständische und Zivilisten durchgeführt. "Armee-Einheiten treffen in Dschisr al-Schogur ein und säubern das nationale Krankenhaus von Mitgliedern bewaffneter Banden", berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Sana. Was genau in dem Land geschieht, ist schwer nachzuvollziehen. Denn das Regime von Präsident Baschar al-Assad lässt keine unabhängigen Medien im Land zu. Flüchtlinge und syrische Bürger schaffen es dennoch, Informationen weiterzugeben.

Dschisir al-Schughur war ein Brennpunkt der Proteste gegen Präsident Assad. Von Assads Bruder Maher befehligte Truppen seien in der Nacht auf Sonntag mit Panzern in die seit einigen Tagen eingekesselte Stadt vorgerückt und hätten in den Straßen Maschinengewehrsalven abgefeuert, berichteten Zeugen. Zuvor sei die Stadt wahllos von Panzern beschossen worden. Flüchtlinge berichteten von getöteten Zivilisten. Zudem hätten Soldaten umliegende Felder zerstört sowie Kühe und Schafe getötet, um den Menschen jegliche Lebensgrundlage zu entziehen.

Staatliche Medien berichteten, Streitkräfte rückten von Süden und Osten vor und nähmen die Kleinstadt mit Artillerie unter Beschuss. Rund 200 Panzer seien an der Operation beteiligt. Hubschrauber kreisten über dem Ort. Den staatlichen Medien zufolge wurden bei der Offensive zwei Angehörige "bewaffneter Gruppen" getötet und zahlreiche weitere festgenommen.

Die meisten der 50.000 Einwohner waren bereits in den vergangenen Tagen aus Furcht vor den heranrückenden Truppen geflohen. In Flüchtlingslagern in der Türkei berichteten die Menschen über Gräueltaten von Soldaten. Der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge flohen inzwischen mehr als 5000 Syrer über die nahe gelegene Grenze in die Türkei. Rund zehntausend weitere Flüchtlinge hätten Zeltlager im Grenzgebiet auf syrischer Seite aufgeschlagen.

USA verlangen freien Zugang für Rotes Kreuz

Ähnlich wie in Dschisir al-Schughur waren die Sicherheitskräfte auch in anderen Protesthochburgen vorgegangen. Das Militär hatte in der nordwestlichen Region eine Offensive gestartet, nachdem in der vergangenen Woche in Dschisr al-Schughur 120 Soldaten getötet worden waren. Staatsmedien hatten behauptet, die Männer seien von "Extremisten" aus den Reihen der örtlichen Bevölkerung getötet worden. Oppositionelle hatten von einer Meuterei unter den Truppen berichtet. Soldaten und Polizisten seien von Angehörigen der Sicherheitskräfte erschossen worden, weil sie den Befehl verweigert hätten, auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen.

Seit drei Monaten bereits protestieren Menschen in Syrien gegen das Regime von Präsident Assad. Bei dem Volksaufstand sind Menschenrechtsgruppen zufolge bereits 1100 Zivilisten getötet worden. Der Opposition zufolge starben allein am Freitag 36 Demonstranten.

Die USA verurteilten das brutale Vorgehen der syrischen Regierung gegen Regimegegner und forderten Präsident Assad auf, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) "sofortigen und ungehinderten Zugang" zu Kampfgebieten in Nordsyrien zu gewähren, um Verletzten, Gefangenen und Flüchtlingen helfen zu können.

"Wenn die syrischen Führer diesen Zugang nicht gewähren, werden sie dadurch einmal mehr ihre Verachtung für die Würde des syrischen Volkes zeigen", hieß es in einer Erklärung des Weißen Hauses. Das Vorgehen der syrischen Regierung habe eine humanitäre Krise verursacht.

Assad verweigert Uno-Generalsekretär das Gespräch

Assad jedoch geht auf Konfrontationskurs mit der internationalen Gemeinschaft - er ließ sogar Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon abblitzen, als dieser mit ihm telefonieren wollte. Nach Angaben einer Uno-Sprecherin wurde dem Chefdiplomaten der Weltorganisation mitgeteilt, Assad sei "für ihn nicht verfügbar". Ban habe Assad zum Stopp der brutalen Militäreinsätze auffordern wollen.

Der Uno-Generalsekretär hatte das Vorgehen der syrischen Armee als "nicht akzeptierbar" verurteilt und von Assad wirkliche Reformen verlangt. Die EU strebt zusammen mit internationalen Partnern einen Sicherheitsrats-Beschluss gegen die Unterdrückung in Syrien an. In dem Nahost-Land müsse auf die legitimen Forderungen der Menschen eingegangen werden, sagte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton.

mmq/Reuters/dpa

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urtyp, 12.06.2011
1. In der Fotoserie handelt es sich nicht um Patronenhülsen, sondern
um Geschosse. Der Junge hält sie in die Kamera.
Liberalitärer, 12.06.2011
2. Man kann nichts tun
Zitat von urtypum Geschosse. Der Junge hält sie in die Kamera.
Die Fotoserie zeigt auch, dass die syrische Armee nicht mit der Libyens zu verwechseln ist. Das wirkt schon professionell. Leider wird man außer Sanktionen nicht viel tun können. Nur die Türkei könnte, aber da wird gewählt.
firem 12.06.2011
3. Propaganda
" "Die Armee stürmt Dörfer, brennt Höfe nieder und tötet Menschen ganz willkürlich", sagte ein Augenzeuge der "New York Times"." "Die Aufständischen stürmen die Dörfer, brennen Höfe nieder und tötet Menschen ganz willkürlich", sagte ein Augenzeuge der Armee auf "Al Jazerra". Lässt uns doch mit dieser ewigen tränendrückenden Propaganda zufrieden und berichtet! Kein Korrespondent vor Ort und die Qualität der Berichterstattung erschöpft sich in der Verschlechterung der Meinungsbeiträge in Twitter.
dillerjohann 12.06.2011
4. Assad gliedert sich ein.....
In die Reihe der Massenmörder und Despoten, die diese Welt mehr und mehr ins wanken bringen.Was geht in einem Menschen vor, der bereit ist gegen die eigenen Landsleute mit Waffengewalt vor geht und tötet, um der Erhaltung der eigenen Macht.es ist nur zu hoffen das sich das Volk der Syrer, selbst vom Diktat des Terror, befreien kann.
Koana 12.06.2011
5. Genug Tote?
.... man stelle sich vor benachteiligten - ja chancenlosen- Chinesen, Inder, Philippinos, Südamerikaner, Afrikaner gingen plötzlich alle gleichzeitig auf die Straßen und versuchten Ihre despotischen, korrupten Regime zu stürtzen. Was die westliche Allianz in Lybien vorführt erinnert ein klein wenig an surreales Theater - am Ende sind wohl schon mehr Aufständische den Gadafi-Leute weggebomt worden. In Syrien blitzt das wahre Bild auf, Massenmord an beliebigen Menschen ist absolut zu verurteilen, mehr aber auch nicht. Vor fast 20 Jahren durften in Europa ja auch noch die jeweils überlegenen Kräfte munter massakrieren - die Bomber flogen erst, als die Sache etwas zu extrem zu werden drohte. Die Heuchelei ist allumfassend - genau wie das Morden - unsere Gärten sind frei von Minen, doch unsere Zukunft bleibt sicher nicht unberührt von all diesem Treiben.
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