Aus Masnaa berichtet Raniah Salloum
Was gerade in Syrien passiert, hängt von der Perspektive ab. Am libanesischen Grenzpunkt Masnaa, durch den die Straße führt, die Beirut mit der syrischen Hauptstadt Damaskus verbindet, bilden sich Warteschlangen in zwei Richtungen: Die einen wollen so schnell wie möglich das Land verlassen. Die anderen wollen wieder dorthin zurück.
Der Krieg in Syrien trifft die Bevölkerung ungleich. In manchen Gebieten scheint er inzwischen vorbei zu sein. Diese Regionen sind quasi unabhängig vom Regime. In anderen Teilen tobt der Kampf unerbittlich. Andernorts ist er noch nicht eingetroffen. Die Menschen dort bekommen ihn nur am Rande mit - und ziehen vor, ihn zu ignorieren.
In der Schlange Richtung Damaskus steht zwischen drei Autos der Uno-Beobachter ein Minibus voller Syrer. "Wir fahren nach Damaskus. In Syrien ist alles bestens", sagen die sechs Männer. Sie sind Drusen, eine konfessionelle Minderheit, die zum Großteil noch hinter Präsident Baschar al-Assad steht. Die Männer kommen aus der Stadt Sweida im Süden des Landes, wo es bisher kaum zu Demonstrationen kam, und aus dem Damaszener Stadtteil Dscharamana. Auch dort blieb es bisher ruhig.
Aus ihrer Sicht ist die Welt in Ordnung. Wenn man sie fragt, ob es Schwierigkeiten in Syrien gebe, sagen sie: "Nur ein paar. Wir unterstützen die syrische Armee. Wir hoffen, dass sie bald damit aufgeräumt hat."
Mit aller Gewalt versucht das Regime, die Rebellen zurückzudrängen. In Vororten von Damaskus und Aleppo gab es am Wochenende heftige Kämpfe, die Furcht vor dem Einsatz von Chemiewaffen steigt.
An der Grenze hört man ein Grollen wie Donner, immer wieder, eine Dreiviertelstunde lang. Doch die Sonne strahlt, der Himmel ist blau. Es sind die Luftangriffe der syrischen Armee auf die Aufständischenhochburg Sabadani, die auf der anderen Seite der staubig braunen Hügel liegt, nur 15 Kilometer entfernt.
Vor diesem Donnern sind die Menschen auf der Flucht, die die Grenze in die andere Richtung nach Beirut überqueren. Von ihnen will fast keiner mit Journalisten reden. Sie haben Angst. "Wir wollen wieder zurück", sagen sie entschuldigend. Dass das Regime stürzen könnte, scheinen sie noch immer nicht zu glauben.
Die wenigen, die sich trauen zu berichten, erzählen eine andere Geschichte als die Einreisenden. "Uns geht es beschissen", sagt ein 42-Jähriger aus dem Damaszener Stadtteil Midan, der seine Frau und die zwei Kinder ins Auto gepackt hat. Am Donnerstag wurde Midan von der syrischen Armee gestürmt. Die dort versteckten Aufständischen zogen sich zurück. "Es wird alles zerstört", sagt er. Er bittet, kein Foto von seinem Auto zu machen - allein davor hat er bereits Angst.
Manche der Flüchtlinge haben nur noch die Kleidung, die sie am Leib tragen. Ein paar von ihnen stammen aus Homs oder Idlib. Sie waren nach Damaskus geflüchtet, wo sie sich sicher glaubten, bis der Krieg sie auch dort einholte. Die meisten kommen jedoch aus Damaskus und sind Mitglieder der Ober- und oberen Mittelschicht.
"Seit Mittwoch ist alles anders. Wir wissen nicht mehr, was passiert", sagt Fadia, die mit ihren zwei Kindern und ihrer Mutter in Beirut bei einer Freundin unterkommen will. Am Mittwoch sollen vier führende Mitglieder des Sicherheitsapparats nach Angaben des syrischen Staatsfernsehens durch ein Bombenattentat ermordet worden sein. Das Regime schlug daraufhin brutal zurück. "Wir haben in Kafr Susa nun plötzlich alles - Panzer, Hubschrauber, Flugzeuge, alles." Die ersten Häuser in ihrer Straße seien zerschossen worden.
"Ich hoffe, die Freie Syrische Armee kann das Regime bald besiegen", sagt Fadia über die bewaffneten Aufständischen. Sie träumt davon, in ein paar Wochen nach Damaskus zurückkehren zu können. Ihre Mutter ist da skeptischer: "Vielleicht in eineinhalb Jahren."
Von der Gegenspur aus beobachten die sechs Drusen den Exodus. Überfüllte Autos - bis zu zwölf Personen in einem Wagen, die Koffer auf dem Autodach festgebunden. Doch auch dieser Anblick kann das Weltbild der Männer offenbar nicht ins Wanken bringen. "Diese Menschen kommen in den Libanon, um Urlaub zu machen", sagt einer von ihnen. Die fünf anderen schweigen.
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