Mutmaßlicher Gasangriff in Duma Assad überschreitet die nächste rote Linie

Bei einem mutmaßlichen Giftgasangriff des syrischen Regimes sind in der Stadt Duma Dutzende Menschen getötet und Hunderte verletzt worden. Der Vorfall ereignete sich ausgerechnet am Jahrestag des US-Luftschlags auf Syrien.

Luftangriffe auf Duma
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Luftangriffe auf Duma

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Tote Menschen mit weißem Schaum vor Mund und Nase, die zusammengekauert in einem Keller liegen. Äußerlich unverletzte Jungen und Mädchen in einem Krankenhaus, die panisch nach Luft schnappen. Helfer, die verzweifelt versuchen, die Opfer mit Asthmaspray vor dem Erstickungstod zu retten: Fotos und Videos dieser Szenen verbreiten Augenzeugen seit Samstagabend über das Internet.

Diese Aufnahmen stammen aus der Stadt Duma, einem Vorort östlich der syrischen Hauptstadt Damaskus. Duma ist mit rund 100.000 Einwohnern der letzte größere Ort in dem Gebiet Ost-Ghuta, der noch von Aufständischen kontrolliert wird. Inzwischen haben die syrische Armee und verbündete Milizen rund 80 Prozent von Ost-Ghuta zurückerobert, die Rebellen beherrschen noch ein knapp 20 Quadratkilometer großes Gebiet.

Am Freitag war eine Waffenruhe zwischen der syrischen Armee und der Armee des Islam, der größten Rebellengruppe in Duma, nach zehn Tagen gescheitert. Die Armee des Islam hatte in Verhandlungen mit Russland unter anderem gefordert, dass ihre Kämpfer als lokale Sicherheitskräfte in Duma bleiben dürften. Das lehnte Moskau ab. Daraufhin nahm die syrische Luftwaffe am Freitag ihre Bombenangriffe auf Duma wieder auf. Mindestens 40 Zivilisten wurden dabei getötet. Die Armee des Islam reagierte mit dem bislang heftigsten Beschuss auf Damaskus. Dabei wurden nach Angaben syrischer Staatsmedien sechs Zivilisten getötet.

Opfer erstickten in ihren Kellern

Am Samstagabend setzte das syrische Regime dann offenbar Giftgas in Duma ein. Die Angaben über die Zahl der Opfer gehen auseinander: Das oppositionelle Journalistennetzwerk "Ghouta Media Center" spricht von mehr als 75 Toten, das Hilfsbündnis "Union of Medical Care and Relief Organizations (UOSSM)" berichtet von mehr als hundert Todesopfern. Hunderte Menschen zeigten zudem Symptome eines Chemiewaffenangriffs wie eine bläuliche Verfärbung der Haut und Hornhautverbrennungen.

Die Lage vor Ort ist äußerst unübersichtlich: Die Angriffe auf Duma hielten in den Stunden nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff weiter an. Helfer haben daher größte Schwierigkeiten zu möglichen Opfern vorzudringen. Die Zahl der Toten dürfte deshalb noch weiter steigen.

Augenzeugen berichten, ein Hubschrauber des syrischen Militärs habe gegen 19.45 Uhr Ortszeit mindestens eine mit Chemikalien gefüllte Fassbombe in Duma abgeworfen. Über die Art der eingesetzten Waffe gibt es noch keine gesicherten Angaben. Einige Mediziner vor Ort vermuten Chlorgas, andere Sarin oder Phosgen. Möglicherweise wurde auch eine Mischung mehrerer Kampfstoffe eingesetzt. Diese Gase sind schwerer als Luft - das erklärt, dass viele Opfer in ihren Kellern ums Leben kamen, in denen sie vor den Bombenangriffen Schutz gesucht hatten.

Angriff am Jahrestag des US-Luftschlags auf Syrien

Wie üblich bestreitet das Regime von Baschar al-Assad jede Verantwortung. Die Berichte über den Einsatz chemischer Waffen in Duma seien eine "Fabrikation", die den Vormarsch der Armee behindern sollte, berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Sana.

Experten der Vereinten Nationen und der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) haben nachgewiesen, dass das Assad-Regime seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 mehrere Male Sarin und Chlorgas gegen Zivilisten eingesetzt hat.

Die US-Regierung prüft die Berichte über einen möglichen Giftgasangriff. Sollten sich die Berichte bestätigen, sei eine sofortige Antwort der internationalen Gemeinschaft gefordert, sagte Heather Nauert, Sprecherin des US-Außenministeriums. "Die Vereinigten Staaten bemühen sich weiterhin, mit allen verfügbaren Kräften diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die Chemiewaffen einsetzen - in Syrien oder anderswo", so Nauert.

Der mutmaßliche Giftgasangriff ereignete sich genau am Jahrestag des US-Luftangriffs auf die syrische Luftwaffenbasis Schairat. Am 7. April 2017 feuerte die US-Armee Dutzende Tomahawk-Marschflugkörper auf den Militärflugplatz - als Vergeltung für den Sarinangriff des Assad-Regimes auf die syrische Kleinstadt Chan Scheichun drei Tage zuvor.

Assad muss keine Konsequenzen fürchten

Ziel des Angriffs war es damals, Assad von weiteren Chemiewaffenangriffen abzuschrecken: "Vorherige Versuche, Assads Verhalten zu ändern, sind allesamt dramatisch gescheitert", sagte US-Präsident Donald Trump vor einem Jahr. Doch auch Trumps Versuch der begrenzten militärischen Reaktion hat keine Wirkung bei Assad gezeigt. Auch nach dem 7. April 2017 hat das Regime mehrfach Chlorgas gegen Zivilisten eingesetzt, der Vorfall vom Samstag ist offenbar nur der bislang Schlimmste seit einem Jahr.

Konsequenzen muss der Diktator in Damaskus nicht fürchten. Trump hat erst vor wenigen Tagen deutlich gemacht, dass er kein Interesse hat, sich länger in Syrien militärisch zu engagieren. Zwar hat Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron "mit Blick auf chemische Waffen eine rote Linie definiert" und angekündigt, sein Land werde angreifen, falls das Assad-Regime chemische Waffen gegen die Zivilbevölkerung einsetze - doch einen militärischen Alleingang dürfte Frankreich kaum wagen.

"Lasst andere Leute sich darum kümmern", sagte Trump in der vergangenen Woche über Syrien. Wie es aussieht, wenn sich Assad und Wladimir Putin um Syrien kümmern, zeigen die Bilder aus Duma.

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